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Samstag, 31. März 2012

Wieso das öffentliche Eingeständnis von Nicht-Wissen eine Chance zur Entkrampfung des politischen Diskurses darstellen könnte


"Eine Politik der öffentliche Rede über die Verzweiflung würde außerordentlich therapeutisch wirken." 
(Sloterdijk im Gespräch mit Carlos Oliveira, 1996)

Risiko und Sicherheitssuggestion als Konstituenten von Politik

(Unsicherheit absorbieren)
Souveränitäts- und Bescheidwissens-, auch Ehrlichkeitssuggestionen gehören scheinbar unverbrüchlich zum Alltag politischer Selbstdarstellung. Politiker wissen Bescheid, haben bereits heute Lösungen für Probleme, mit denen sie bis vorhin nicht einmal gerechnet hatten und können jederzeit abschätzen, was genau die Folgen dieser oder jener Entscheidung im Detail sein werden.
Diese Situation bringt die Politik in ein Darstellungsproblem. Sie hat keine ausreichende Weltkenntnis, sie kennt vor allem die Zukunft nicht. Sie muß also riskant entscheiden. Wenn es aber um den politisierten Konflikt von Entscheidern und Betroffenen geht, kann sie ihre eigene Entscheidung nicht gut als das darstellen, was sie ist: als riskant.
(Luhmann, Soziologie des Risikos)
Politik muss also suggerieren, was sie eigentlich zu leisten gar nicht im Stande ist. Das heißt, dass sie sich als Zurechnungsadresse von Verantwortung selbst da zur Verfügung stellt, wo Verschuldung nur noch schwer oder gar nicht mehr zurechenbar ist. Eine solche Zurechnungsadresse für Verantwortung entlastet ihrerseits die Gesellschaft von der Konfrontation mit eigener Unsicherheit und Kontingenz. Selbst wenn Schwerwiegendes geschieht, ist man als Beobachter von Politik dann nicht mit der Schwierigkeit konfrontiert, es als einen unvorhersehbaren Zufall der allgemeinen Unordnung des Lebens zuzurechnen, sondern hat in der Politik eine Adresse für Klage und Protest (insofern nimmt auch und gerade die "Politikverdrossenheit", wo sie nicht einfach Desinteresse ist, die Politik besonders ernst, da sie ihr Verantwortung für die "Gesamtsituation" und ihre diesbezüglichen Verfehlungen dann als Schuld zuschreibt). In diesem Sinn stellen Politiker -- indem sie sich dafür zur Verfügung stellen, Verantwortung für Prozesse zu übernehmen, die sie teilweise selbst kaum überschauen (geschweige denn deren Risiken bis ins Letzten vorausberechnen können) -- "Unsicherheitsabsorbatoren" dar.
Selbst Naturkatastrophen werden heute als gesellschaftsverursacht wahrgenommen. Irgendwo müsse ein Bruch des Vorausssichts- oder Vorsichtsprinzips gelegen haben, der zu einer Verschlechterung der ökologischen Verhältnisse geführt hat und die Gesellschaft für Erdrutsche, Erdbeben, Überschwemmungen, ja einzelne besonders heftige Gewitter verantwortlich macht.
(Clam, Kontingenz, Paradox, Nur-Vollzug)
Der oft beklagte "Vertrauensverlust" in die Politik scheint zum Teil eine Reaktion auf die Einsicht in diese Form politischer Selbstdarstellung zu sein, sofern die standardisierte und mittlerweile allenthalben als phrasenhaft wahrgenommene Suggestion von Sicherheit selbst inzwischen an Glaubwürdigkeit verloren hat.  

Vertrauen in Politik?

(Politik als Selbstbeschuldung)
Vertrauen setzt da ein, wo man nicht genau weiß, was wirklich geschehen wird und sich trotzdem darauf festlegt, so zu handeln, als wüsste man es doch. "Im Akt des Vertrauens wird die Komplexität der zukünftigen Welt reduziert", insofern "überzieht [Vertrauen] die Information, die es aus der Vergangenheit besitzt und riskiert eine Bestimmung der Zukunft" (Luhmann, Vertrauen), Vertrauen bleibt also immer riskant und enttäuschbar. 
Insofern stellt das politische Versprechen die größte Gefahr für die Stabilisierung von Vertrauen dar, da politisch Versprochenes (vor einer Wahl oder einer Krise beispielsweise) sich im Wandel der Geschehnisse (nach der Wahl/Krise) schon als nicht mehr durchsetzbar oder sogar als unklug erweisen kann, aber auch -- und noch schwerwiegender -- wenn da versprochen wird, wo der Versprecher gar keine Handhabe über Verwirklichung oder Nicht-Verwirklichung seines Versprechens besitzt (er/sie beispielsweise die Sicherheit von Rentenansprüchen, die Senkung von Arbeitslosigkeit oder die Sicherheit der auf Sparkonten angelegten Einlagen verspricht).
Das öffentliche Eingeständnis von Nicht-Wissen (wie man es jüngst etwa von der Piratenpartei erleben konnte) und Unsicherheit, das Eingeständnis, dass man nicht genau weiß, was die Folgen und die Risiken der Entscheidungen tatsächlich sein werden, könnte für die Wahrnehmung des politischen Diskurses also durchaus heilsam sein und es zumindest ein Stück von der Last der permanenten Souveränitätsdarstellung befreien. Und auch wenn Stuckrad-Barre schon meinte feststellen zu können, dass ihn dieses Eingeständnis inzwischen schon wieder langweile 
Wie weit kann man´s mit dieser Masche bringen: "Keine Ahnung von Afghanistan..." Nervt sie das schon, dass das so pseudofrisch kommt? Mich fängts jetzt schon an zu nerven..
könnte es also durchaus als ein gesundes Korrektiv gegenüber einer sich ständig um die Suggestion von Sicherheit der eigenen und Unzulänglichkeit der fremden Vorschläge bemühten Politik fungieren. Allerdings: "Die Kommunikation von Nichtwissen stellt von Verantwortung frei" (Luhmann, Beobachtungen der Moderne), was auf der anderen Seite natürlich auch bedeutet, selbst nicht mehr zu entscheiden. Politik besteht immer in der Übernahme von Verantwortung für Entscheidungen und in einer damit verbundenen Selbstbeschuldung, d.h. Auf-sich-Nahme der dem Entscheiden (angemessen oder unangemessen) zugerechneten Folgen. Das ändert allerdings nichts daran, dass eine langfristige Veränderung der politischen Selbstdarstellung (gerade im Hinblick auf das Eingeständnis von Unsicherheit und Risiko) einen positiven Einfluss auf die Wahrnehmung von Politik haben könnte.

Die Forderung nach Transparenz

Könnte dabei die Forderung nach Transparenz zur Wiedergewinnung des "verlorenen Vertrauens" (ist es aber wirklich das Vertrauen in die Politik, das wir verloren haben?) beitragen? (Vgl. hierzu entsprechenden Beitrag auf sozialtheoristen.de)
Man mag die Hoffnung hegen, durch aufrichtige, vollständige Information Vertrauen zu gewinnen. Aber Vertrauen wozu? — wenn nichts verschwiegen wird. Vermutlich ist denn auch der Wunsch, besser informiert zu werden, eher ein Anzeichen für zunehmenden Vertrauensverlust als ein Mittel, Vertrauen zu gewinnen.
(Luhmann, Soziologie des Risikos)
Vertrauen in Politik bedeutet ja gerade: Sich verlassen können/wollen auf die durch die Autorität (Expertise, etc.) anderer zur Verfügung gestellten Unsicherheitsabsorptionen. Wer hat schon die Zeit, jede Beratungssitzung wirklich im Live-Stream zu verfolgen? Wer die Zeit, alle Protokolle zu lesen, sowie vor allem auch die Aufmerksamkeit und Kenntnis, sie alle zu verstehen? In diesem Sinne bleibt die Politik auf Intransparenz angewiesen (was allerdings nicht bedeutet, dass Transparenz im Sinne der grundsätzlichen Ermöglichung, dies alles im Einzelnen in Erfahrung zu bringen, wenn man nur will (d.h. Transparenz als "Zugänglichmachung"), nicht zur Wahrnehmung der Politik als vertrauenswürdig beiträgt).
Kandidieren heißt ja doch, an den eigenen Kraftüberschuss glauben. Und glauben, dass man selber ein "Container" ist, also eine Hohlform, in der sehr viel gesellschaftliche Sorge deponiert werden kann. Und das ist eine Haltung, die für die demokratische Politik zwar konstitutiv ist, auf die Dauer aber nicht mehr tragen wird. Dieser "Müllabfuhrpolitiker", der sich sozusagen als Sorgencontainer der Öffentlichkeit anbietet und dann am Ende doch aber auch selber auf den Müll geschickt wird, das ist ein Typus, dem ich keine große Zukunft zuspreche. 
(Sloterdijk, Autobahnuniversität, Gespräche mit Carlos Oliveira, 1996)

Freitag, 24. Februar 2012

Lebensspielräume, Lebensversäumnisse: Versuche zur Formalisierung des Existenzialismus


(Raum für Möglichkeiten)
Lebensmöglichkeiten erscheinen entweder als Fähigkeiten oder als Spielräume: als Selbstoptionen oder Weltoptionen. Selbstoptionen sind die als Kapital vorgestellten Potentiale und Fähigkeiten, die dem Einzelnen zur möglichen Verwirklichung zur Verfügung stehen (Talente, Kenntnisse, Fertigkeiten, Besitze), Weltoptionen sind die durch Situationen vorgegebenen Bewegungsspielräume (Erreichbare Orte oder Positionen, gestaltbare Räume). 
Während Weltoptionen als mögliche zukünftige Lebensumstände vorgestellt werden, zeigen sich Selbstoptionen als zu-verwirklichende Potentiale, die man entweder als durch Nicht-Verwirklichung erfolgte Kränkungen mit sich herumschleppt ("Ich wäre sicher ein großer Pianist geworden.") oder die als heimliche Versprechen einer möglichen Zukunft die eigenen Tätigkeiten tragen ("Ich werde gewiss ein mittelgroßer Pianist."). Im Hinblick auf beide Seiten besteht Täuschungsgefahr: Wirkliche Möglichkeiten können hier wie da als Unmöglichkeiten erscheinen: die eigene Unfähigkeit als noch nicht ausgeprägtes Talent, bestehende Möglichkeit als absurd und unwahrscheinlich vorschnell abgetan werden.
Vermeintliche Weltoptionenknappheit kann einschränken, träge und verzweifelt machen, oder zur Gegenreaktion provozieren: Protest [Adorno]. Protest gegen wahrgenommenen Selbstoptionenknappheit dagegen ist unwahrscheinlich: man fühlt sich eher unfähig als unterbliebene Talentvererbung (und wen denn nur?) anzuklagen. Eine Frage der Zuschreibung: Knappheit an Selbstoptionen kann durch Fremdzuschreibung (Externalisierung, Entantwortung) als Problem der Welt dargestellt werden: ein unterstellter Mangel an Weltoptionen etwa entlastet vom Eingeständnis eigener Unfähigkeit ("Es gibt hier einfach keine guten Klavierlehrer.."), Unterstellung ungerechter Mechanismen entlastet vom Eingeständnis mangelnden Engagements für die Sache selbst ("Protest ist manchmal leichter als Politik").
Vermeintlicher Weltoptionen- oder Selbstoptionenüberschuss steigert das Kontingenzgefühl und führt im Grenzfall zu Fahrlässigkeit: zu vieles scheint möglich, zu weniges notwendig oder auch nur alles Mögliche belanglos. Das Entscheiden selbst wird zum Problem.
Sofern man aber überhaupt für das Realisieren von Möglichkeiten votiert -- und es könnte natürlich auch Gründe geben, das nicht zu tun -- lohnt sich bisweilen vielleicht eine optimistische Überschätzung eigener Spielräume, solange die nicht absehbar langfristig zu den größeren Enttäuschungen führen muss.

Montag, 20. Februar 2012

"Herr Habermas und der Papst" vor 22:00 Uhr im deutschen Fernsehen! -- Rekonstruktion eines unerwarteten Satzes


Nachdem Geißler bei Jauch die "zunehmende Bedeutungslosigkeit des politischen Katholizismus in Deutschland" konstatierte und der Kurie vorwarf, dass sie "sich vertikal in die Höhe spiritualisiert und die politische Dimension des Evangeliums vollkommen aus dem Auge" verliere, konterte ein wackerer Wickert, dass das eigentlich "doch aber gut so" sei. Jauch daraufhin vorsichtig, ob nicht zumindest eine "Rückbesinnung zu diesen ursprünglichen christlichen Werten in unserer Gesellschaft" zu bemerken wäre. Eine Novelle.
Wickert: Also, ich glaube, dass die Leute sich nach Werten sehnen. Und dass sie es auch gerne hören, dass man über Werte spricht. [...] Und sie möchten da auch Leitfaden haben. Aber trotzdem bin ich der Meinung, dass das nichts mit einer neuen Religiosität in der Politik zu tun hat, denn die gesellschaftlichen Regeln kommen nicht aus dem Glauben erstmal, sondern aus der Vernunft. [Einsam verhallender Applaus] [...]
Jauch: Aber Glaube und Vernunft schließen sich doch nicht aus!?
Wickert: Oh ja! Schließt sich aus! Und das haben sie auch...da gab es mal ein ganz spannendes Gespräch zwischen Herrn Habermas und dem Papst.
Geißler: Na na na. [Allgemeines Gelächter] Also...
Wickert: Ja, Glaube und Vernunft schließen sich aus: der Glaube ist eher das Gefühl und die Vernunft ist eher...das, was wir aus der Aufklärung her gelernt haben.

Mittwoch, 8. Februar 2012

Zorn und Sound

Nimmt die Verausgabung des Zorns entwickeltere Formen an, kommt es so weit, daß die Saaten des Zorns bewußt gesät und die Früchte des Zorns mit [verbaler] Sorgfalt geerntet werden.
(P.S., Zorn und Zeit)
[Der Original-Ausschnitt aus der SWR-Diskussion findet sich hier]

Freitag, 6. Januar 2012

Zoten und Spiele - Über die Revitalisierung von so etwas wie "politischem Bewusstsein"


(Quelle: brainworker.ch)
In bester Lästerlaune entdeckt die sog. "vierte Gewalt" ihre Lust an der voreiligen Selbstjustiz wieder. In der FAZ zitiert Schirrmacher sentenziell Dolf Sternberger: das Wort und die Rede seien selbst schon seine eigentliche Handlung. Das trifft so natürlich auf alle "Publizierenden" zu; und auch die entdecken nun, was bisher nur "professionellen" Journalisten vorbehalten war: Die Lust am "Runterschreiben", die Freude am Sich-selbst-Spüren als Teil einer zynischen "Multitude", die wenigstens bewirken kann, dass irgendwas nicht mehr funktioniert wie davor. Die alte Politikverdrossenheit weicht einer neuen medialen Spektakelfreude: man sieht jetzt immer öfter und immer lieber "denen da oben" beim Stolpern zu. Mitmachen, mitwitzeln, mitentlarven, mitstürzen. 

Ein bisschen Abkühlung kann da sicher nicht schaden:
Es ist nur zu bekannt, daß Presse und Funk [und "Social Media"-Verwender] immer Neues zu berichten haben. Sie leben von Diskontinuität, von Tagesereignissen, aber auch von Meldungen, die den Neuigkeitswert von Meinungen, Moden und Miseren unterstreichen. Das bringt sie in Kontrast zu dem hohen Anteil an Repetition, der das Alltagsleben der Meisten auszeichnet. Teilnahme an dieser Neuigkeitswelt ist für den Einzelnen mithin eine Gelegenheit, dem Gleichmaß des Alltags mit einem Blick durch das Fenster zu entfliehen [...]. Bei Lebensrhythmik und Nachrichtenrhythmik handelt es sich mithin um eine organisierte Differenz [Langeweile vs. Spektakel], die darauf beruht, daß es nicht zu einer Integration kommen kann [...]. Ganze Routinen in der Erzeugung von Nachrichten leben von dieser Differenz. Wenn am Sonntag nichts passiert, hat man statt dessen Sport. Die Autounfälle des Tages werden registriert, um sie eventuell bringen zu können. Zentralereignisse der Politik wie Wahlen oder Gipfelkonferenzen werden vorher und nachher behandelt. Zeit wird damit reflexiv, indem die Neuigkeit darin besteht, daß man noch nicht weiß, worin sie besteht. [...] Und ebenso gibt es das Thema der zu späten Thematisierung eines Themas. [...] Die Themen selbst aber gewinnen eine eigene Geschichte und vollziehen eine Karriere von ihrer Entdeckung, ihrer Einführung, ihren Höhepunkten über eine Gewöhnungsphase bis hin zum Überdruß. 
(Nikki L., Gesellschaftliche Komplexität und öffentliche Meinung)

Dienstag, 3. Januar 2012

"Links" von "Rechts" unterscheiden: Avantgarde-Konservativismen auf der Überholspur


Ein Stück echte Protesttheorie [Missstand; Freizeit; Kritikfähigeit; Protestgrad]; Quelle: fallen/legen
P.S. beobachtet Luhmann mithilfe des Schemas [konservativ/progressiv] und stößt auf die Einheit der Luhmann-Paradoxie. Das Publikum kann als ausgeschlossener Dritter nur hustend protestieren, will sich selbst am liebsten als progressiv beobachten und entdeckt sich auf einmal als Bewahrer der schönen guten alten Bestände wieder. [--> "Die Paradoxie des pseudoprogressiven Neokonservativismus"]
Luhmann fängt als gewöhnlicher Konservativer an, um mit der Zeit zu dem zu werden, was eine italienische Kolumne einen "Avantgarde-Konservativen" genannt hat. Man könnte auch sagen: zu einem Vertreter eines Genres von Denkern, die sich der Kunst, kein Priester zu sein, in einer bisher nicht gekannten Konsequenz gewidmet haben. Intellektuelle, die Luhmann nahestanden, haben hierzu bemerkt, er habe die vorgeblich "Linke" methodisch längst links überholt. Gerade weil Luhmann der rebellische oder revolutionäre Impuls existenziell fremd geblieben  ist, weil ihm das Wegräumenwollen von Hindernissen gegen expansive Ansprüche einer aufsteigenden oder expressiven Gruppensubjektivität auf vitaler Ebene unzugänglich schien, weil er durch eine unerklärliche Bescheidenheit für sich selbst und seine Umgebung nichts finden konnte, was unter allen Umständen umgewälzt und beseitigt werden sollte, war er -- wie kaum ein anderer -- dazu prädisponiert, sich freizumachen von allen naiv oder hypokritisch-parakletischen Rollen.
(Sloterdijk, Anwalt des Teufels)

Freitag, 16. Dezember 2011

"Der Urlaub war so schön."




Ein politisch-historisches Psychogramm:
Bleib nicht stehen. Lauf nicht weg. Geh einfach ganz normal weiter. Vöglein flieg. Ikarus. Deadalus. Der Vater muss / sehen wie sein Sohn fällt. Und der Holocaust / kommt doch nicht aus Hollywood. Warum mit den Toten reden, wenn wir die Lebenden schon nicht verstehen? Warum überhaupt reden, wenn das Geschichtsbuch alles besser weiß? "Du störst mich. Geh bitte weg!" Sauberkeit. Der ewige Dreck.

"Der Urlaub war so schön." "Der Urlaub war so schön."

Warum jetzt dieselben Fragen wie immer stellen? "Der Urlaub war so schön." Und erst die Terrorzellen. Das Militär war grundauf sympathisch. Mach den Mund auf und sag nichts. Bist du Politiker oder bist du Prediger? Bist du Aufgabenerteiler oder -erlediger? Letzte Frage: sinnlos.

"Der Urlaub war so schön."

Der Urlaub hat nicht stattgefunden. Das Flugzeug ist in die Stadt geflogen an-statt zu landen. Die Erde wird umkreist von Trabanten, während alles um die Sonne kreist umkreist die Sonne sich im Geist.

"Der Urlaub war so schön."

Menschentransport. "Deportation", was für ein Wort. Abschied für immer? "Von wegen." Nach der Verabschiedung fängt es erst richtig an. In Gesetzen / festsitzen. Die Epoche geht zuende, die Idee lebt weiter. Deutschland entnazifiziert? Es muss weitergehen.

"Der Urlaub war so schön."

Fragt nicht: "Warum du?" frag: "Warum jemand anders?"

"Der Urlaub war so schön."

Dienstag, 13. Dezember 2011

Regen über Europa...


Unter der "Ebene d. gemeinsamen Verantwortlichkeit" steht zwischen den Modellen "Titanic" und "Offener Gravitationsraum mit deutsch-französischem Kraftkern" die Frage nach der "Konstitution einer europäischen Bürgeröffentlichkeit" durch neue "Engagementkulturen"

Auf der anderen Seite jagt die "Wirtschaft" unter der fragwürdigen Aufsicht von Carl Schmitt Flüchtlinge in Richtung "Festung Europa".

Samstag, 10. Dezember 2011

"Wir reden jetzt über den Euuroo...Haalloo!...Euuroopa. Euuroo"


Söder und Marsh proben noch ihre neue Verbalperformance, Novalis gibt den Nostradamus:
Nun wollen wir uns dem politischen Schauspiel unsrer Zeit wenden. Alte und neue Welt sind in Kampf begriffen, die Mangelhaftigkeit und Bedürftigkeit der bisherigen Staatseinrichtungen sind in furchtbaren Phänomenen offenbar gworden. Wie wenn auch hier wie in den Wissenschaften eine nähere und mannigfaltigere Connexion und Berührung der europäischen Staaten zunächst der historische Zweck [der Krise] wäre, wenn eine neue Regung des bisher schlummernden Europa ins Spiel käme, wenn Europa wieder erwachen wollte, wenn ein Staat der Staaten, eine politische Wissenschaftslehre uns bevorstände!
(Novalis, Die Christenheit oder Europa, 1799)

Dienstag, 1. November 2011

Finanzkrise. Oder doch einfach wieder Humanismus?


Schauspielerisch entrückt als Prototypin schöngeistiger Verträumtheit und Verwirrung irritiert Jana Pallaske die seriöse Runde durch Wärme und das unerwartete Wort, Roman affirmiert.

Sonntag, 16. Oktober 2011

"Yes, men!" -- Möge die Katastrophe beginnen.


Ohne inventive Befreiungsschläge werden die kommenden Krisen kaum zu meistern sein. Statt das Unvermeidliche bloß ängstlich zu erwarten wird hierzu eine euphorische Affirmation des kommenden Unsinns vonnöten sein, die medial ohne Strategien der Überidentifikation nicht zu leisten ist. Neben dem "Zentrum für politische Schönheit" also auch dies allgemeine "Yes!" zur Krise, ein "Yes" zur Katastrophe, ein "Y" zum SurvivaBall. 

Samstag, 2. Juli 2011

Peter Fuchs: "Dionysos tanzt im System, wenn es nicht mehr um Informationen geht."


Ein funktionales Äquivalent für die "Trunkenheit" psychischer Systeme sucht Peter Fuchs - mit systemtheoretischer Nüchternheit und dem gewohnten Feingefühl für besonders plastische Störungs-Metaphern - für die Sozialsysteme. Ergebnis: Religiöse Feste, Feuerzeugschwenken bei Musik-Konzerten, das Singen von Nationalhymnen.

Die ersten zwei Theorie-Shots gibts hier frei Haus (trinkfesteres Bewusstsein zieht sich hier die ganze Palette mit anschließendem Re-Entry rein):

"Damit wäre dann ‚Trunkenheit’ ein Phänomen struktureller Kopplung. Man müßte nicht sagen, daß das Sozialsystem einer Berauschung unterworfen wäre, sondern nur, daß es seine Strukturen einstellt auf vorübergehende (mitunter festlich-fevrile) Belastungen durch seine Umwelt. Die soziale Autopoiesis bliebe unberührt, denn sie kann (als Unkörper oder ‚Unjekt’) nicht stammeln, lallen, berauscht salbadern oder in trunkene Melancholie verfallen, da sie nicht einmal (mangels entsprechend eingerichteter Sinnesorgane) wahrnimmt, daß dies alles geschieht. Das einzige ‚Material’, das sie zur Verfügung hat, sind die Kommunikationen, die sie selbst herstellt, und keine Kommunikation der Welt (wenn es denn überhaupt singuläre Operationen gäbe) kann trunken sein."

"Wir wollen sagen, daß dieses Management der Anschlußselektivität durch Drogen (oder einschlägige Psycho-Techniken) gestört werden kann. Vielleicht ist es so (aber das ist nicht mein Fachgebiet), daß das neuronale System nicht mehr punktgenau passende ‚Hirnereignisse’ zur Verfügung stellt, daß es nicht die ‚gewohnten’ neuronalen ‚Fakten’ bereitstellt, deren sinn-benutzende Interpretation in gewisser Weise die Psyche ist. Der neuronale ‚Unterbau’ begönne zu rauschen, das psychische System würde in eine Erosion oder Verwaschung seiner Anschlußselektivität verfallen. Es würde temporal ‚straucheln’ oder ‚verstolpern’. Es wäre, wenn man eine Metapher aus der Musik aufgreift, nicht mehr ‚partiturfest’."

Dienstag, 28. Juni 2011

Unsere (organisierten) Großen X: "Aggressiver Humanismus" - Das Zentrum für politische Schönheit


Das Empfinden langfristiger Verantwortung, ein "Gefühl des Epochalen", in die politischen Bewusstseine zurückzuheben, ist erklärtes Ziel und Aufgabe des Zentrums für Politische Schönheit (ZPS):
"Das künstlerische Kernkonzept besteht in einer historischen „Retrospektivierung“ der Gegenwart: im Dienste zukünftiger Historiker sammelt das ZPS Beweise und hinterlegt gezielt Botschaften, die erinnerungspolitisch wirken sollen – Denkmäler oder Rettungsplattformen im Dienste der Humanität."


Für ein Zentrum, das "politische Schönheit" in den Blick rücken will, erscheinen die Aktionen teilweise noch zu anklagelastig. Eine intensivierte Anmahnungen des unverwiklichten, unabgegoltenen, noch ausstehende Glücks, die Provokation der "existenziellen Eifersucht" ihrer Zeit-genossinnen und Zeit-genossen, könnte der Bewegung möglicherweise einen noch bestimmteren Zug zur Zukunft verleihen.
"Glück ist das Mögliche in seiner Verfehlung: dasjenige Mögliche, das zu seiner Zeit unmöglich in Wirklichkeit umgesetzt werden konnte, dasjenige Mögliche, das einem Un-möglichen entspringt. Nur dies Glück, das un-mögliche, provoziert Neid. Denn Neid ist ein Affekt, der nicht einem Wirklichen gilt, sondern einem verstellten, nicht verwirklichten und deshalb immer noch offenen Möglichen. Woran der Neid sich entzündet, ist für Benjamin nicht das Glück eines Anderen, sondern das möglich gewesene und nicht wahrgenommene eigene Glück. [...] Glück ist eine kontingente Möglichkeit des Gewesenen, die sich für eine andere Zeit, zunächst also für diejenige Zukunft, die jetzt Gegenwart ist, bewahrt."
(Hamacher, ´Jetzt´. Benjamin zur historischen Zeit)

Montag, 20. Juni 2011

Wir backen uns einen mitteleuropäischen Großintellektuellen (nach einem Rezept von Jürgen Habermas)


Dazu benötigen wir:

- "den avantgardistischen Spürsinn für Relevanzen [d.h.:]

- eine argwöhnische Sensibilität für Versehrungen der normativen Infrastruktur des Gemeinwesens;

- die ängstliche Antizipation von Gefahren, die der mentalen Ausstattung der gemeinsamen politischen Lebensform drohen;

- den Sinn für das, was fehlt und "anders sein könnte";

- ein bisschen Phantasie für den Entwurf von Alternativen;

- und ein wenig Mut zur Polarisierung, zur anstößigen Äußerung, zum Pamphlet"

(Aus: Jürgen Habermas, Ach, Europa, 2008)

Als Dessert empfehlen wir diesen delikaten, halbjährigen Beitrag zur "anthropotechnischen Intervention" oder wahlweise einen wuchtig-ironischen Kommentar zu Richard David Precht.

Dienstag, 14. Juni 2011

Der Untergrunddemon macht Werbung für eine andere Kultur


Einsamer nie als im Autobus sucht der Untergrunddemon nur Seinesgleichen: von vorgestern ein paar und manche erst übermorgen. Allein auf weiter Flur: nur die allerbesten Alben und Modefarben lassen ihn die Plastik-Wüste tragen: Eure Leuchtfassaden, eure Empfangsbestätigungsanfragen und was immer ihr an höchste Stellen setzt geht unberührt durch seinen Magen. Den Blick zwischen Briefpapier, Gesamtausgaben und Tabakladen, klebt er aus Zeitungspapier unbekümmert anonyme Einladungskarten:  

"Subkulturstehimbiss. Einlass ab circa 21 Uhr, abhängig von Verkehrs- und Wetterlagen. Ab jetzt auch ohne Revolutionsambition." 



Mit Worten lässt sich leicht leben, aber so wirklich dann, mit eigenem Label und heimlichem Auftritt im Plattenladen, das ist dann doch schon ein ganzes Programm: Das ANDERE als Aufgabe.

Er widmet zum Abschluss ein merkwürdig persönliches Telegramm all denen, die weiter zuhause auf´s Ereignis warten: "Eure Wolhfühlfaç[on] könnt ihr den Hasen geben. Ich will sechs Stunden schlafen und lange leben, lesen und Musik genießen; und von euch soll mir keiner zwischen die Zeilen treten."

Lebens-Kunst-Nischen VIII: Das rote Reservat

Ein Ort verwirklichter Utopie (!?) im real existierenden Sozialismus (LOL):


Montag, 13. Juni 2011

Flusser räumt zwischen reversiblen Kabeln auf und findet den Müll-Kultur-Müll-Kreislauf als Basis für die hegelsche Dialektik


Flusser: Glück ist immer unbewusst, die Reflexion macht uns (leider) aus dem kugelrunden Frohsinn herausfallen. Und noch: faschistische (lat. fasces) Schaltung versus reversible Kabel (heute spricht man hier weiterführend auch von one-to-many und many-to-many-Verschaltung). 



Subjekt und Objekt werden zu einem Sand zerrieben [erinnert im übrigen an Henryk Broder, der Vilém], aus dem Menschen negativ entropische Sandburgen bauen: