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Mittwoch, 26. Juni 2013

Innenausschreitung - Beiträge zum Geheimnis (der Poesie)

Früher, wenn Menschen ein Geheimnis hatten, das sie nicht teilen wollten, kletterten sie auf einen Berg, suchten einen Baum, schnitzten ein Loch hinein und flüsterten das Geheimnis in das Loch. Danach verschlossen sie es mit Lehm, auf das niemand es jemals erfahre. 
(Wong Kar-Wai, 2046)
[Übung: Leicht semantisierbarer Rauschraum]
Eine Theorie der poietischen Ursuppe als Spaziergang in Worten. Beim Abschreiten der Grenze der Sagbarkeiten. Grenzen der Sinngenese. Wo man der eingetretenen Sicherheit der Nomina noch nicht vertrauen will, Sinntrampelpfade vermeiden. Vorsichtig genauer hinspüren ("Trägt das denn?"). Auf Impulse auf der Lauer: Lynch wartet als meditierender Fischer des Bewusstseins auf zögerlich anbeißende Motive: erste Bilder, eine Szene, abgeschnittenes Ohr oder halb geöffneter Mund, eine Anziehung zu Rot und wehendem Stoff; während Musil "eine Schnur durchs Wasser zieht und keine Ahnung hat, ob ein Köder daran sitzt" (MoE).

Eindämmernde Halbworte, scheinbar mit Bedeutung schon vollgeladen. Vorahnungen innerer Beweglichkeiten. Mantische Vektoren. Ein leises Ziehen nach vorne links: ruhiger Rhythmus, bedächtig oder eher eilig, Vagheit und Ahnung. Impulsen nachgehend. Auf Orientierung der Räume warten. Bieten sich Richtungen an? Beginn der Innenausschreitung: Sich um einen Turm herum verlaufen ("Mein einfachstes Labyrinth"; Ein Kapitän auf kleinstem Schiff). Spontane Stiftung von Feldern: Heim- und Unheimlichkeiten. Überall hier herrscht hohe Kitschgefahr, natürlich, schnell ist man in unangebrachte Hochtöne umgekippt, feierliche Hochgesten. Die Orte labil. Wo liegen die Bezüge? Noch- und Schonbezüge, einladende Oberflächen, eine Befreundung für Plastikplane plötzlich. Überall Vorsicht geboten. Aber man fängt an zu verstehen, dass etwas überhaupt etwas bedeuten kann: Grund und Finalität, das projektierende Selbst. Ansätze einer Theorie der Mythopoiese. Noch verrauschte Semiosen, präkomplexes Gewebe. Eine Reihe Stöcke waagrecht in Form einer Pyramide legen; das scheint schon fast etwas zu sagen. Symbol ohne Gegenüber, ungefügter noch. Bindungsbereit vielleicht, vielleicht noch deutlicher semantisierbar. Vielleicht etwas Konkretes dazustücken, damit es nicht ganz ins Diffuse abgleitet. "Denn aller Reichtum [der Einbildungskraft] bringt in ihrer gesetzlosen Freiheit nichts als Unsinn hervor." (Kant) Da einfacher, A und B als greifbare Vergleichspunkte anzubieten und dann nur nicht zu sagen, wie: Rätsel ohne Lösung basteln:
- Ein schweres, Sir!
- Hier ist das Rätsel, sagte Stephen.

Es krähte der Hahn
Zum Himmel hinan:
Der Glocken Klagen
Hat elf geschlagen.
´s ist Zeit, dies arme Seelchen
in den Himmel zu tragen.

- Was ist das?
- Was, Sir?
(Joyce, Ulysses)
Oder aber auch Textgefüge als Bewegung. Die Vorstellung aufgeben, man könnte einen Text durch einen anderen ersetzen, der besser sagt, was er selbst schon sagt -- sich vom Begriff der Interpretation als Vernichtung der Texte befreien. Schreibt doch lieber selbst!
Aber du deutest doch an,—suchte sich Aeins vorsichtig zu vergewissern—daß dies alles einen Sinn gemeinsam hat?
Du lieber Himmel,—widersprach Azwei—es hat sich eben alles so ereignet; und wenn ich den Sinn wüßte, so brauchte ich dir wohl nicht erst zu erzählen. Aber es ist, wie wenn du flüstern hörst oder bloß rauschen, ohne das unterscheiden zu können!
(Musil, Die Amsel)
Die semantische Kluft ["semantic gap"], der Unterschied zwischen Flüstern und Rauschen, als innere Sinnaufspreizung im unmarkierten Geräusch: am Anfang wüst und still, dann zwischen Sicht- und Unsichtbarem unterscheiden, bloß die eine Seite markiert. Brownsche Protologik als Schöpfungsmythos zweiter Ordnung: Wer macht welche ersten Unterschiede? Hilfreich hier für dIen LyrikerIn: Phänomenologie als Innenausschreitung, Begehung der Weltinnenräume. Stößt aber bei meditativer Sorgfalt von innen her an keine Wände einer Generalthesis, eher diffuses Generaldatum als weicher offener Rand des Erlebens. (Husserl hier unaufmerksam gewesen? Oder ihm bloß die Sprache im Weg?). Rauschraum: eher unbestimmte, nebulöse Atmosphären, in/äußerliche Resonanzangebote aus pränominaler Diffusion, keine individuierte Aktuierung (wie erkenne ich einen einzelnen Bewusstseinsakt?). Schließen der Augen und Fokussierung auf Geräusche erleichtert den Eingang in vorkonkret gelöste Ontologie. Hier erst noch keine Gegenstände. Dann aber doch auch Ansätze für Knoten im präepochalen Fluid, Intensitäten verklumpen sich zu stabileren Zurechnungseinheiten. Könnte ein Zug sein, könnte ein Tier sein, oder überhaupt halt Artikuliertes irgendwie. Ließe sich aber alles auch anders zusammenstellen, solange man noch nicht pragmatisch damit umgehen muss: Gegenstände als erste "Notbehelfe zur vorläufigen Orientirung und für bestimmte praktische Zwecke" (Mach, Analyse der Empfindungen). Manipulierbarkeiten. Eine Wurzel Stolperwiderstand. Der Lyriker: Jäger unerwarteter Intensitäten als textlich hergestellte Widerstände des Denkens (Sätze, Rhythmen, Worte, Assonanzen). Wie Gedichte machen zwischen "(a) Drangsalieren des Materials, Ausbeuten des Mediums" und "(b) Errichten von Attraktoren"?
(a1) Jagdschein: Poetisieren von allem, was vor die Flinte kommt
(a2) Ausweiden: systematisches Abklappern einzelner Flurstücke, Techniken
(a3) Treibjagd: motivische Engführung, technische Zurüstung
(a4) Blattschuss: exaktes Präparieren, >Malen nach Zahlen<

(b1) Fallenstellen: architektonisch Herbergen, syntaktisch Trichter, motivisch Milieus
(b2) Arche- und Gehegebau: Rettung der Phänomene, Haltung/Ausstellung von Gedanken
(b3) Schädelschau: Beschwörung außersprachlicher Mächte
(b4) Trance: Jagd unter Einfluss von Alkohol, Müdigkeit, Ekstase
(Cotten, Falb, Jackson, Popp, Rinck, Helm aus Phlox. Zur Theorie des schlechtesten Werkzeugs, Erörtern!)
 [Re-Entry 5.5.12] 

Montag, 5. November 2012

Aus dem Hause Teufel: Geruch von verbranntem Pferdehaar -- Musils Porträt des Wissenschaftlers als bösartiger Mann


("Teufelspackt schlägt sich,
Teufelspackt verträgt sich..")
Wissenschaftler soll man eigentlich nicht danach fragen, aus welchen inneren Motivationslagen heraus sie ihre Wissenschaft wirklich betreiben; sie wollen viel lieber danach gefragt und dafür gerühmt werden, dass ihre Beschreibungen "richtig" sind (oder "wahr" sogar). Solche Motivationslagen gibt es aber natürlich schon: Aufdecker und Aufklärer kränken möglicherweise besonders gerne. Besser beobachten hieße in diesem Fall immer auch: an den eigenen Erkenntnisvorsprung glauben und -- sofern man seine Erkenntnisse öffentlich publiziert -- den Anderen diesen Erkenntnisvorsprung auch vorführen (--> "Publikationsnarzissmus", P.S.).
Erst nachdem der Beobachter vorgestellt ist, können wir uns mit seiner Genealogie beschäftigen. Seine Absichten und Eigenschaften lassen gewisse Verwandtschaften mit seit langem bekannten Wesen erkennen. Er stammt, wenn man so sagen darf, aus dem Hause Teufel.
(NL, Wissenschaft der Gesellschaft)
Musil beschreibt die Wissenschaftler lieber und beweist damit, dass es eine Ebene der Beobachtung geben kann, die durch überlegene Beschreibung der überlegenen Beschreibung ihr Publikum wenigstens zu erheitern versucht (--> ironische Meta-Überlegenheit).
Das In den Bart Lächeln der Wissenschaft oder Erste ausführliche Begegnung mit dem Bösen
Es müssen ein paar Worte über ein Lächeln folgen, noch dazu ein Männerlächeln, und es war ein Bart dabei, geschaffen für die männliche Tätigkeit des In den Bart Lächelns; es handelt sich um das Lächeln der Gelehrten, die der Einladung Diotimas Folge geleistet hatten und den berühmten Schöngeistern zuhörten. Obgleich sie lächelten, darf man beileibe nicht glauben, daß sie es ironisch taten. Im Gegenteil, es war der Ausdruck ihrer Ehrerbietung und Inkompetenz, wovon ja schon die Rede gewesen. Aber man darf sich auch dadurch nicht täuschen lassen. In ihrem Bewusstsein stimmte das, jedoch in ihrem Unterbewußtsein, um dieses gebräuchliche Wort zu benützen, oder richtiger gesagt, in ihrem Gesamtzustand waren es Menschen, in denen ein Hang zum Bösen rumorte wie das Feuer unter einem Kessel.
Das sieht nun natürlich wie eine paradoxe Bemerkung aus, und ein o.ö. Universitätsprofessor, in dessen Angesicht man sie aufstellen wollte, würde vermutlich entgegnen, daß er schlicht der Wahrheit und dem Fortschritt diene und sonst von nichts wisse; denn das ist seine Berufsideologie. Aber alle Berufsideologien sind edel, und die Jäger zum Beispiel sind weit davon entfernt, sich die Fleischer des Waldes zu nennen, nennen sich vielmehr den weidgerechten Freund der Tiere und der Natur, ebenso wie die Kaufleute den Grundsatz des ehrbaren Nutzens hegen [...]. Auf die Darstellung einer Tätigkeit im Bewußtsein derer, die sie ausüben, ist also nicht allzuviel zu geben. [...] Sieht man andererseits zu, welche Eigenschaften es sind, die zu Entdeckungen führen, so gewahrt man Freiheit von übernommener Rücksicht und Hemmung, Mut, ebensoviel Unternehmungs- wie Zerstörungslust, Ausschluß moralischer Überlegungen, geduldiges Feilschen um den kleinsten Vorteil, zähes Warten auf dem Weg zum Ziel, wenn es sein muß, und eine Verehrung für Maß und Zahl, die der schärfste Ausdruck des Mißtrauens gegen alles Ungewisse ist; mit anderen Worten, man erblickt nichts anderes als eben die alten Jäger-, Soldaten- und Händlerlaster, die hier bloß ins Geistige übertragen und in Tugenden umgedeutet worden sind. [...] Zum Heroismus der Bitterkeit gesteigert, daß man sich im Leben auf nichts verlassen könne, als was niet- und nagelfest sei, ist sie [die Freude daran, "der Höhe ein Bein zu stellen und sie auf die Nase fallen zu sehen] ein in die Nüchternheit der Wissenschaft eingeschlossenes Grundgefühl, und wenn man es aus Achtbarkeit nicht den Teufel nennen will, so ist doch zumindest ein leichter Geruch von verbranntem Pferdehaar daran.
(Musil, MOE, 301ff.)
[Re-Entry vom 10.01.12]

Freitag, 31. August 2012

Das schlechte Gewissen der Kontingenz: "Ach, wie gut, dass niemand weiß, dass ich´s auch nicht besser weiß."


Kunst und Theorie nach der Abklärung II
(Quelle: Gedankenstrich)
Namen berühmter Autoren, Debatten und Diskurse sind immer auch Versuche, der allgemeinen Unübersichtlichkeit durch Elementarisierung - d.h. Reduktion auf das, was einem jeweils als das Wesentliche erscheint - eine bewältigbare Form zu geben. Um mit der Kompliziertheit des Ganzen überhaupt irgendwie zu Rande zu kommen, benötigen wir auf Verwendbarkeit und Zugänglichkeit hin optimierte Oberflächenstrukturen, Karten und Hinweisschilder, Geographen und Ortskundige, die uns zeilstrebig an der Nase durch die Reihen der babylonischen Bibliotheken herumführen.
Wer sich zum Beispiel für klassische Musik interessieren will, der muss damit irgendwo anfangen - bei "Beethoven" vielleicht, oder "Bach" oder "Chopin" - er kann ja nicht alles auf einmal wahrnehmen und muss sich deshalb irgendwie aus irgendeinem Grund für einen besonderen Einstieg entscheiden. Kanonisierung und "Geschmack" werden notwendig, sobald die Anzahl realisierbarer Möglichkeiten und die Zeit, um dann auch noch die beste aller möglichen Optionen aus dieser Menge auszuwählen, die Kapazitäten lebensweltlicher Prozessierbarkeit übersteigen. Von da an geht´s vor allem um "Tempovorteile" (Luhmann) und bessere Unübersichtlichkeitsbewältigungsstrategien, aber auch um die erfolgreiche Suggestion von "Überblick" und Bescheidwissen (auch da, wo solches Bescheidwissen gar nicht mehr möglich ist).
Aber selbst die Kanonisierer müssen sich ja ihrerseits auf ihnen vorausliegende, schon gewichtete Selektionen verlassen. Auch sie können ja nicht alles auf einmal, und auch nicht alles nacheinander begutachten, sondern müssen stattdessen eine Auswahl treffen; und so bleibt - selbst wenn man davon ausgeht, dass sie innerhalb des ihnen zugänglichen Bereichs erfolgreich (und nach welchen Kriterien?) zwischen Relevantem und Irrelevantem unterscheiden - auch in ihren Sortierungen das zuerst Ausgeschlossene stets ausgeschlossen
"Eine der wichtigsten Bedingungen der Feldherrenkunst ist es, sich über die Stärke des Gegners Klarheit zu verschaffen. "Ich habe mir also" erzählte der General "einen Eintrittschein in unsere weltberühmte Hofbibliothek besorgen lassen und bin unter Führung eines Bibliothekars, der sich mir liebenswürdig zur Verfügung stellte, als ich ihm sagte, wer ich bin, in die feindlichen Linien eingedrungen. Wir sind den kolossalen Bücherschatz abgeschritten, und ich kann sagen, es hat mich weiter nicht erschüttert, diese Bücherreihen sind nicht schlimmer als eine Garnisonsparade. Nur habe ich nach einer Weile anfangen müssen, im Kopf zu rechnen, und das hatte ein unerwartetes Ergebnis. Siehst du, ich hatte mir vorher gedacht, wenn ich jeden Tag da ein Buch lese, so müßte das zwar sehr anstrengend sein, aber irgendwann müßte ich damit zu Ende kommen und dürfte dann eine gewisse Position im Geistesleben beanspruchen, selbst wenn ich ein oder das andere auslasse. Aber was glaubst du, antwortet mir der Bibliothekar, wie unser Spaziergang kein Ende nimmt und ich ihn frage, wieviel Bände denn eigentlich diese verrückte Bibliothek enthält? Dreieinhalb Millionen Bände, antwortete er!! [...] Zehntausend Jahre würde ich auf diese Weise gebraucht haben, um mich mit meinem Vorsatz durchzusetzen!
In diesem Augenblick sind mir die Beine auf der Stelle stecken geblieben, und die Welt ist mir wie ein einziger Schwindel vorgekommen. Ich versichere dir noch jetzt, wo ich mich beruhigt habe: da stimmt etwas ganz grundlegend nicht!"
(Musil, Mann ohne Eigenschaften) 
Weil man aber ohnehin dazu gezwungen ist, irgendetwas auszuschließen, weil auch das bequemste Forscherleben nicht genug Zeit umfasst, um alles Relevante mit gutem Gewissen vom Nicht-Relevanten abzusondern, gerät man im Blick auf die eigene Arbeit in eine Selbstrechtfertigungs-Schieflage. Wer nicht mehr beurteilen kann, ob das, was er aus dem Bereich seines Interesses ausgeschlossen hat, auch wirklich sein Interesse nicht verdient, wird zur Begründung seiner Ausschließungen ungern auf einen Mangel an Zeit verweisen (weil das ja bedeuten würden, dass er tatsächlich gar nicht weiß, ob er hier wirklich gut und angemessen ausgeschlossen hat). Vielleicht wird er sich sogar einreden wollen, dass das, um was er sich nicht kümmert, auch tatsächlich sein Interesse nicht verdient; oder aber er verlässt sich stattdessen auf seine Hoffnung, dass die geteilte Verlegenheit - die sich um einen spezialisierten, anderes ausschließenden Beschäftigungsbereich herum angesiedelt hat - niemanden dieses (doch nicht ganz uninteressante) Betriebsgeheimnis der eigenen Produktivität allzu laut ausplaudern lässt.
"Die heutigen Inhalte von Bibliotheken und Datenbanken sind für keinen Menschen auch nur annähernd erfassbar und selbst über die Bildung von Expertengruppen kaum noch abzudecken. Nichtwissen betrifft damit nicht nur das, was noch nicht erforscht wurde, sondern auch das, was schon erforscht ist, aber aus dem Kanon des ständig Genutzten herausgefallen ist. Die Problematik besteht nun darin, dass die Auswahl der Inhalte des Kanons ob der Menge der zur Verfügung stehenden Daten immer mehr zum Zufallsprodukt zu werden scheint. Nur noch in manchen kleinen Ausschnitten ist wissenschaftliche Arbeit noch inhaltlich übersichtlich und strukturiert zugänglich. Was darüber hinausgeht, die "post-normale Wissenschaft" [...], vereinfacht, entscheidet instinktiv und macht sich beispielsweise von dem abhängig, was die Suchmaschine im Internet gerade an dem Tag auswirft, an dem die Suche stattfindet. Die Effekte, die zur Zusammenstellung des Wissens führen, sind dann nicht mehr rekonstruierbar. Das Wissen verliert seine historische Logik. Seine Kanonisierung wird arbiträr und vermutlich von jeder Interessengruppe auf ihre Weise anders betrieben, ohne dass eine Orientierungslinie verfügbar wäre, die man als Leitfaden für einen Ausgleich zwischen diesen Inseln des Wissens verwenden könnte."
(Albrecht Fritzsche, Schatten des Unbestimmten)
Lebensweltlich mag es vielleicht notwendig sein, so zu verfahren: den eigenen Horizont nach vielen Seiten hin abzudichten, um überhaupt weiter produktiv an bewältigbaren Aufgaben zu arbeiten. Problematisch wird diese Notwendigkeit aber, sobald sie nicht mehr thematisiert wird und sich ihre Protagonisten so gerieren, als hätten sie einen Weg gefunden, der notwendigen Blickbeschränkung zu entgehen.
"Und dies ist ein allgemeines Gesetz; jedes Lebendige kann nur innerhalb eines Horizontes gesund, stark und fruchtbar werden; ist es unvermögend, einen Horizont um sich zu ziehn, und zu selbstisch wiederum, innerhalb eines fremden den eigenen Blick einzuschließen, so siecht es matt oder überhastig zu zeitigem Untergange dahin."
(Nietzsche, Vom Nutzen und Nachteil der Historie für das Leben)
[Re-Entry 240611 080312]

Sonntag, 12. August 2012

Der Sinn für interessantere Alternativen - Eine Einführung in die Kunst der Immersion


(Wirklichkeit und Möglichkeit nach Bilz im Bild)
Eine zu langweilige und wenig spektakuläre Gegenwart (und wer kennt so eine nicht?) ist ein Problem und häufig ein hinreichender Grund, sich mit dem zu beschäftigen, was so eigentlich überhaupt nicht da ist. Glücklicherweise sind Menschen wenig genug in ihre Gegenwarten verstrickt, um nebenher auch noch anderswo zu sein: in "längeren Gedankenspielen" (Schmidt), bei einer kleinen Kritzelei ins Schulheft, dem letzten inspirierten Gespräch in der Küche, undsoweiter. Bei Kant (und auch anderswo) heißt diese Fähigkeit "Einbildungskraft":
Die Einbildungskraft (als produktives Erkenntnisvermögen) ist nämlich sehr mächtig in Schaffung gleichsam einer andern Natur aus dem Stoffe, den ihr die wirkliche gibt. Wir unterhalten uns mit ihr, wo uns die Erfahrung zu alltäglich vorkommt; bilden diese auch wohl um: [...] wobei wir unsere Freiheit vom Gesetze der Assoziation [...] fühlen, nach welchem uns von der Natur zwar Stoff geliehen, dieser aber von uns zu etwas ganz anderem, nämlich dem, was die Natur übertrifft, verarbeitet werden kann.
(Kant, Kritik der Urteilskraft)
Auf der Suche nach der besseren Unterhaltung stehen uns also neben der "Wirklichkeit" und neben den vielen suggestiven Medien-Kanälen noch die selbstgetragenen (aber ja doch nicht schlichtweg "selbstgelenkten") Ablenkungen (besser: Einlassungen) zur Verfügung.

Die grundmenschliche Kompetenz zur Flucht aus einer unterfordernden Gegenwart in einen alternativen Erlebensraum brachte

Samstag, 16. Juni 2012

Alter als gelebte Konsequenz der eigenen Entscheidungen [Fortsetzung: Crashkurs "Selbstaneignung"]


("Nicht-Übderdenken!")
In unserem Crashkurs "Selbstaneignung" fehlte bisher noch eine gebrauchsfertige Theorie des Alters. Zwei Aspekte sollen dabei unterscheiden werden: Physiologische und existenzielle Dimension des Alterns.

I. Das Altern erscheint zunächst als ein physiologischer Vorgang, der unvermeidlich mit der Kontinuierung von Leben einhergeht. Sofern hiermit ein Abfall der physischen Leistungskurve verbunden ist, könnte man Altern einfach als Weiterleben unter erschwerten Bedingungen bestimmen. Wer so davon spricht, dass er//sie "alt wird", meint das subjektive Empfinden, dass der zu überwindende Widerstand zwischen Projektierung und Vollendung einer Handlung wächst. Die Treppe meldet sich auf einmal an einer Stelle als Welt-Widerstand, wo früher gar nichts aufgefallen war ("War die immer schon so steil?"), die Neuheit der Erfahrung verweist dann auf den eigenen Körper zurück. Analog zum "Altern" kann man dann auch von einem "Jüngern" sprechen, sofern erlebter Welt-Widerstand ("Realität") abnimmt.

("Du. Jetzt. Hier.")
II. Aber das zielt noch nicht in die existenzielle Dimension des Alterns hinein. In dieser erscheint das je eigene Alter als das Resultat einer Menge von Entscheidungen, die mit zu dem beitrugen, was als Welt- und Selbstsituation dem Einzelnen zu Bewältigung und Übernahme vorliegt. Selbstübernahme steht dann im Gegensatz zu Selbstabgabe ("abstrakte, diffuse Entantwortung"), in der der Einzelne seine Welt- und Selbstsituation zwar diffus belebt, sich aber doch nicht wirklich mit ihr abgeben will. Die Selbstabgeber_In lebt im unscharfen Gefühl einer Alternativität, die ihr derzeitiges Leben kontingentisiert. Sie hat das Gefühl, in einer bloß möglichen Welt zu leben, die offenbar einen der eher unglücklichen Welt-Würfe darstellt, und schlägt sich immer häufiger den Kopf an Balken an: "Wenn man gut durch geöffnete Türen kommen will, muß man die Tatsache achten, daß sie einen festen Rahmen haben." (Musil). Die Selbstübernehmer_In dagegen lässt keinen "Das bin eigentlich gar nicht ich"-Abstand zwischen sich und Situation aufklaffen, übernimmt das eigene Leben als Resultat dessen, was sie entschieden und damit auch als teils unerwartbare Konsequenz auf sich genommen hat [das ist insofern kein grundsätzliches Votum gegen Ironie, als dieser Abstand keinen Abstand zwischen Ego-Alter (Fremdbild) und Ego-Ego (Selbstbild), sondern ein Selbstverhältnis bezeichnet]; Kontingenzbewusstsein geht bei ihr also mit Selbstverantwortung überein. Vor diesem Hintergrund bedeutet Alter dann die gelebte Konsequenz der eigenen Entscheidungen. Diese werden nicht im Nachhinein als Fehler kontingentisiert, sondern lebend in der Abgründigkeit ihrer Konsequenzen "übernommen", die man als eigenes Leben (er-)trägt. Alt ist dann, wer getroffene Entscheidung nicht von sich selbst ab-rechnet (und sich so vergangenheitslos-gegenwärtig macht), sondern selbst (sogar gegen inneren Widerstand) übernimmt.

Dienstag, 17. April 2012

Zerstreuung und Konzentration -- Skizzen zur Wiederbeschwerung der Welt


(Foto: dreamfire; Lizenz: CC BY-NC-SA 2.0)
Das Internet ist seiner inneren Struktur nach eine wenig widerstandsfreundliche Zone. Allzu Wirres oder Uneingängiges versperrt sich schnell den Weg zur Aufmerksamkeit seiner potentiellen Empfänger, macht ihnen zumindest den Zugang schwer und lässt sie bald die Lust verlieren. Das Surfen [sofern man das heute überhaupt noch sagt] ist eine flüchtige Angelegenheit, "ein ungleich nervöserer, zielorientierterer, aber auch nüchternerer Akt als bloße Unterhaltung" (Jens-Christian Rabe, in: Hipster. Eine transatlantische Diskussion), es sucht nach Faszination, nicht nach mühsamer Einarbeitung und erschwertem Zugang, es weicht aus, wo Dinge zu langweilig zu werden drohen:
Stößt man bei irgendeiner dieser Tätigkeiten auf Schwierigkeit, so läßt man die Sache einfach stehen; denn man findet eine andre Sache oder gelegentlich einen besseren Weg [...].
(Musil, Der Mann ohne Eigenschaften)
Es könnte aber doch sein, dass das Zulassen und Verarbeiten von Widerständen und Irritationen (und wieso nicht auch: Irritationen durch Verlangsamung und Nicht-Verstehen) die Aufmerksamkeit für Alternativen und blinde Flecken, den eigenen Möglichkeitssinn erst kultiviert. --
Die ideale Maschine wäre eine [so liest man gelegentlich], die in der Realisierung ihrer Effekte gar nicht mehr als Maschine auffällig werden würde, ein Apparat ohne Widerstand oder auch ein Effekt-Knopf ohne Apparat, der die gewünschten Resultate ohne sichtbare Zwischenschritte und ohne irgendwelche zusätzlichen Eingabeerfordernisse schon verwirklichen würde (vielleicht eine Art universaler virtueller Fernbedienung). Man kann sich fragen, ob der Grenzfall dieses Ideals (die unmittelbare und ruckelfreie Erfüllbarkeit aller willkürlichen Intentionen) nicht einer Abschaffung aller Widerstände, Widrigkeiten und Irritationen gleichkommen müsste, einer Abschaffung, die an die Stelle von Irritation, Anstrengung und geduldiger Einarbeitung das semi-benommene und immer affirmationsbereite Hindurchfließen durch Ströme angenehmer Affiziertheit setzt:    
Es sind vielleicht die Vorzüge unserer Zeiten, welche ein Zurücktreten und eine gelegentliche Unterschätzung der vita contemplativa mit sich bringen. [...] Weil Zeit zum Denken und Ruhe im Denken fehlt, so erwägt man abweichende Ansichten nicht mehr: man begnügt sich, sie zu hassen. Bei der ungeheuren Beschleunigung des Lebens wird Geist und Auge an ein halbes oder falsches Sehen und Urtheilen gewöhnt, und jedermann gleicht den Reisenden, welche Land und Volk von der Eisenbahn aus kennen lernen. Selbständige und vorsichtige Haltung der Erkenntniss schätzt man beinahe als eine Art Verrücktheit ab, der Freigeist ist in Verruf gebracht [...].
(Nietzsche, Menschliches, Allzumenschliches)
Eine provisorische Ablehnung alles allzu Befremdlichen, die nur noch die Affirmation dessen kennt, an das man sich ohnehin bereits gewöhnt hat, muss auf Dauer in aktive Selbstabschottung, einen Zirkel der Selbstisolation gegen alles Fremde münden, in den nur hineingerät, was den Test auf Ähnlichkeit vorher immer schon bestanden hat [Angst vor dem Algorithmus]. Man ist dann eigentlich nicht länger mit irgendeiner Sache als einem "aufsässigem" Gegenüber (Heidegger) konfrontiert, sondern befindet sich stattdessen in einem Zustand absoluter Defrontation (Ent-wider-ständiung), sich in einem gleichförmigen Strom der Similaritäten bewegend, der vielleicht noch seichte Variationen, aber keine Brüche kennt.
Man erwartet von der Philosophie eine Förderung und gar Beschleunigung des praktisch-technischen Kulturbetriebes im Sinne einer Erleichterung. Aber - die Philosophie macht ihrem Wesen nach die Dinge nie leichter, sondern nur schwerer. Und das nicht beiläufig, weil die Art ihrer Mitteilung dem Alltagsverstand befremdlich oder gar verrückt vorkommt. Erschwerung des geschichtlichen Da-seins und damit im Grunde des Seins schlechthin ist vielmehr der echte Leistungssinn der Philosophie. Erschwerung gibt den Dingen, dem Seienden, das Gewicht zurück (das Sein).
(Heidegger, Einführung in die Metaphysik)
Andererseits ist fraglich, ob ein einseitiges Votum für bewusste Selbstwiederbelastung und Arbeit nicht einem überkommenen Leistungsideal (dem "Decorum des alteuropäischen Heroismus"; Sloterdijk, Sphären III) verpflichtet bleibt, dass die Vorstellung einer widerstandlosen Produktivität ("organloser Körer", Deleuze/Guattari) gar nicht kennt, das sich nicht vorstellen kann, dass Faszinierbarkeit und Engagement auch eine nicht-destruktive faszinativ-fließende Liaison eingehen könnten:
Diese Protagonisten des Realismus in der entzauberten Welt [Heidegger, Gehlen, Schmitt] besaßen ein geschärftes Bewußtsein davon, daß unter den Bedingungen ihrer eigenen Zeit die Zerstreuung gegenüber der Konzentration das umfangreichere Phänomen ist. [...] Nicht die Not befiehlt, wir wählen eine Schwierigkeit.
(Sloterdijk, Sphären III, Leichtsinn und Langeweile)
[RP vom 8.02.12]

Donnerstag, 15. März 2012

Zwischen Reform und Revolution - Unsortierte Elemente einer Fragmentarisierung der Betriebe

(Seismographische Intelligenz)
Aus der geistigen Welt einen lebendigen Organismus bilden, der auf den leisesten Druck reagiert.
Hugo Ball, Die Flucht aus der Zeit

Wer grobe Kategorisierungen nicht scheut, der findet im Nachdenken über die Entwicklung von Kunst und Wissenschaft häufig zwei grundverschiedene, einander teils ergänzende, teils aber auch ausschließende Prozesse beschrieben:  
Dem Weitermachen am und mit dem bereits Geleisteten steht die Innovation, der unerwartete Regelbruch, der Einfall des Neuen in die innerste Strukturierung des jeweiligen Praxiszusammenhangs gegenüber. Thomas Kuhn unterschied exemplarisch zwischen Phasen der "Normalwissenschaft", die vor allem durch "Puzzle-Solving", d.h. die Lösung derjenigen Probleme bestimmt sind, die sich gewissermaßen "natürlich" aus den bisherigen Annahmen und Ergebnissen schon ergeben, und den Phasen "wissenschaftlicher Revolutionen", in denen Grundsätzliches auf dem Spiel und zur Diskussion steht. Mit Blick auf die Kunst unterschied Kant analog "Nachäffung" als tumbe Imitation des Genialischen von der ursprünglich regelsetzenden Kraft des Genies...

Sonntag, 29. Januar 2012

Ulrich und Kleist exkulpieren das Videospiel als Ermöglichungsfeld des "anderen Zustands"


Flow-Maschinen zu Zeiten Musils; Foto: Joachim S. Müller
Videospiele werden -- wie andere alternative und scheinbar zweckfreie Zeitvertreibe auch -- oft der tumben Lebenskonsumption verdächtigt. Ulrich möchte das nicht tolerieren und wirbt nach einer entsprechend intensiven Selbsterfahrung für das lebensergänzende Potential des Videospiels (nebenbei entpuppt sich Musil dabei auch als feinfühliger Flow-Psychologe ["Flow" = "Das reflexionsfreie gänzliche Aufgehen in einer glatt laufenden Tätigkeit, die man trotz hoher Anforderungen unter Kontrolle hat"; vgl. Csikszentmihalyi, Rheinberg]:
Ihr Reiz liegt auch wirklich darin, daß man in einem kleinsten Zeitraum, mit einer im bürgerlichen Leben sonst nirgendwo vorkommenden Schnelligkeit und von kaum wahrnehmbaren Zeichen geleitet, so viele, verschiedene, kraftvolle und dennoch aufs genaueste einander zugeordnete Bewegungen ausführen muß, daß es ganz unmöglich wird, sie mit dem Bewußtsein zu beaufsichtigen. Im Gegenteil, jeder Sportsmann weiß, daß man schon einige Tage vor dem Wettkampf das Training einstellen muß, und das geschieht aus keinem anderen Grund, als damit Muskeln und Nerven untereinander die letzten Verabredungen treffen könne, ohne daß Wille, Absicht und Bewußtsein dabeisein oder gar dreinreden dürfen. Im Augenblick der Tat sei es dann auch immer so, beschrieb Ulrich: die Muskeln und Nerven fechten mit dem Ich; dieses aber, das Körperganze, die Seele, der Wille, diese ganze, zivilrechtlich gegen die Umwelt abgegrenzten Haupt- und Gesamtperson wird von ihnen nur so obenauf mitgenommen [...] und wenn dem einmal nicht so sei, wenn einmal auch nur der kleinste Lichtstrahl der Überlegung in dieses Dunkel falle, dann mißlinge regelmäßig das Unternehmen.
(Roberts Müsli - Ein Mahl ohne Cerealien)
In ähnlicher Richtung -- nur etwas weniger optimistisch -- suchte schon Kleist einen Weg zurück ins unbewusste Glück intensiv involvierenden Erlebens:
Ich sagte, daß ich gar wohl wüßte, welche Unordnungen, in der natürlichen Grazie des Menschen, das Bewußtsein anrichtet. [...] Wir sehen, daß in dem Maaße, als, in der organischen Welt, die Reflexion dunkler und schwächer wird, die Grazie darin immer strahlender und herrschender hervortritt.
(Kleist, Über das Marionettentheater)
Dazu ein musikalischer Kommentar von Haruomi Hosono, einem Chiptune-Pionier der ersten Stunde:

Samstag, 15. Oktober 2011

Ein zwei launichte Differenzierungen gegen den launischen Wechsel der Jahreszeiten


(Bisher noch unerkant)
Aus früheren Beiträge wurde bereits ersichtlich, dass der sprühende Humor eines IK "kaum an ein oder zwei Stellen geringere Humoristika passieren läßt". Heute unterscheidet er für uns, was wir teilweise zu bezeichnen schon wieder verlernt haben. Willkürlicher spontaner Stimmungswechsel, derzeit wohl eher unter die Ich-Pathologien rechnend, hier als avancierte und lobenswerte Kulturtechnik.

Zu dem, was aufmunternd, mit dem Vergnügen aus dem Lachen nahe verwandt, und zur Originalität des Geistes, aber eben nicht zum Talent der schönen Kunst gehörig ist, kann auch die launichte Manier gezählt werden. Laune im guten Verstande bedeutet nämlich das Talent, sich willkürlich in eine gewisse Gemütsdisposition versetzen zu können, in der alle Dinge ganz anders als gewöhnlich (sogar umgekehrt), und doch gewissen Vernunftprinzipien in einer solchen Gemütsstimmung gemäß, beurteilt werden. Wer solchen Veränderungen unwillkürlich unterworfen ist, ist launisch; wer sie aber willkürlich und zweckmäßig (zum Behuf einer lebhaften Darstellung vermittelst eines Lachen erregenden Kontrastes) anzunehmen vermag, der und sein Vortrag heißt launicht.
(Kant, Kritik der Urtheilskraft)