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Mittwoch, 26. Juni 2013

Innenausschreitung - Beiträge zum Geheimnis (der Poesie)

Früher, wenn Menschen ein Geheimnis hatten, das sie nicht teilen wollten, kletterten sie auf einen Berg, suchten einen Baum, schnitzten ein Loch hinein und flüsterten das Geheimnis in das Loch. Danach verschlossen sie es mit Lehm, auf das niemand es jemals erfahre. 
(Wong Kar-Wai, 2046)
[Übung: Leicht semantisierbarer Rauschraum]
Eine Theorie der poietischen Ursuppe als Spaziergang in Worten. Beim Abschreiten der Grenze der Sagbarkeiten. Grenzen der Sinngenese. Wo man der eingetretenen Sicherheit der Nomina noch nicht vertrauen will, Sinntrampelpfade vermeiden. Vorsichtig genauer hinspüren ("Trägt das denn?"). Auf Impulse auf der Lauer: Lynch wartet als meditierender Fischer des Bewusstseins auf zögerlich anbeißende Motive: erste Bilder, eine Szene, abgeschnittenes Ohr oder halb geöffneter Mund, eine Anziehung zu Rot und wehendem Stoff; während Musil "eine Schnur durchs Wasser zieht und keine Ahnung hat, ob ein Köder daran sitzt" (MoE).

Eindämmernde Halbworte, scheinbar mit Bedeutung schon vollgeladen. Vorahnungen innerer Beweglichkeiten. Mantische Vektoren. Ein leises Ziehen nach vorne links: ruhiger Rhythmus, bedächtig oder eher eilig, Vagheit und Ahnung. Impulsen nachgehend. Auf Orientierung der Räume warten. Bieten sich Richtungen an? Beginn der Innenausschreitung: Sich um einen Turm herum verlaufen ("Mein einfachstes Labyrinth"; Ein Kapitän auf kleinstem Schiff). Spontane Stiftung von Feldern: Heim- und Unheimlichkeiten. Überall hier herrscht hohe Kitschgefahr, natürlich, schnell ist man in unangebrachte Hochtöne umgekippt, feierliche Hochgesten. Die Orte labil. Wo liegen die Bezüge? Noch- und Schonbezüge, einladende Oberflächen, eine Befreundung für Plastikplane plötzlich. Überall Vorsicht geboten. Aber man fängt an zu verstehen, dass etwas überhaupt etwas bedeuten kann: Grund und Finalität, das projektierende Selbst. Ansätze einer Theorie der Mythopoiese. Noch verrauschte Semiosen, präkomplexes Gewebe. Eine Reihe Stöcke waagrecht in Form einer Pyramide legen; das scheint schon fast etwas zu sagen. Symbol ohne Gegenüber, ungefügter noch. Bindungsbereit vielleicht, vielleicht noch deutlicher semantisierbar. Vielleicht etwas Konkretes dazustücken, damit es nicht ganz ins Diffuse abgleitet. "Denn aller Reichtum [der Einbildungskraft] bringt in ihrer gesetzlosen Freiheit nichts als Unsinn hervor." (Kant) Da einfacher, A und B als greifbare Vergleichspunkte anzubieten und dann nur nicht zu sagen, wie: Rätsel ohne Lösung basteln:
- Ein schweres, Sir!
- Hier ist das Rätsel, sagte Stephen.

Es krähte der Hahn
Zum Himmel hinan:
Der Glocken Klagen
Hat elf geschlagen.
´s ist Zeit, dies arme Seelchen
in den Himmel zu tragen.

- Was ist das?
- Was, Sir?
(Joyce, Ulysses)
Oder aber auch Textgefüge als Bewegung. Die Vorstellung aufgeben, man könnte einen Text durch einen anderen ersetzen, der besser sagt, was er selbst schon sagt -- sich vom Begriff der Interpretation als Vernichtung der Texte befreien. Schreibt doch lieber selbst!
Aber du deutest doch an,—suchte sich Aeins vorsichtig zu vergewissern—daß dies alles einen Sinn gemeinsam hat?
Du lieber Himmel,—widersprach Azwei—es hat sich eben alles so ereignet; und wenn ich den Sinn wüßte, so brauchte ich dir wohl nicht erst zu erzählen. Aber es ist, wie wenn du flüstern hörst oder bloß rauschen, ohne das unterscheiden zu können!
(Musil, Die Amsel)
Die semantische Kluft ["semantic gap"], der Unterschied zwischen Flüstern und Rauschen, als innere Sinnaufspreizung im unmarkierten Geräusch: am Anfang wüst und still, dann zwischen Sicht- und Unsichtbarem unterscheiden, bloß die eine Seite markiert. Brownsche Protologik als Schöpfungsmythos zweiter Ordnung: Wer macht welche ersten Unterschiede? Hilfreich hier für dIen LyrikerIn: Phänomenologie als Innenausschreitung, Begehung der Weltinnenräume. Stößt aber bei meditativer Sorgfalt von innen her an keine Wände einer Generalthesis, eher diffuses Generaldatum als weicher offener Rand des Erlebens. (Husserl hier unaufmerksam gewesen? Oder ihm bloß die Sprache im Weg?). Rauschraum: eher unbestimmte, nebulöse Atmosphären, in/äußerliche Resonanzangebote aus pränominaler Diffusion, keine individuierte Aktuierung (wie erkenne ich einen einzelnen Bewusstseinsakt?). Schließen der Augen und Fokussierung auf Geräusche erleichtert den Eingang in vorkonkret gelöste Ontologie. Hier erst noch keine Gegenstände. Dann aber doch auch Ansätze für Knoten im präepochalen Fluid, Intensitäten verklumpen sich zu stabileren Zurechnungseinheiten. Könnte ein Zug sein, könnte ein Tier sein, oder überhaupt halt Artikuliertes irgendwie. Ließe sich aber alles auch anders zusammenstellen, solange man noch nicht pragmatisch damit umgehen muss: Gegenstände als erste "Notbehelfe zur vorläufigen Orientirung und für bestimmte praktische Zwecke" (Mach, Analyse der Empfindungen). Manipulierbarkeiten. Eine Wurzel Stolperwiderstand. Der Lyriker: Jäger unerwarteter Intensitäten als textlich hergestellte Widerstände des Denkens (Sätze, Rhythmen, Worte, Assonanzen). Wie Gedichte machen zwischen "(a) Drangsalieren des Materials, Ausbeuten des Mediums" und "(b) Errichten von Attraktoren"?
(a1) Jagdschein: Poetisieren von allem, was vor die Flinte kommt
(a2) Ausweiden: systematisches Abklappern einzelner Flurstücke, Techniken
(a3) Treibjagd: motivische Engführung, technische Zurüstung
(a4) Blattschuss: exaktes Präparieren, >Malen nach Zahlen<

(b1) Fallenstellen: architektonisch Herbergen, syntaktisch Trichter, motivisch Milieus
(b2) Arche- und Gehegebau: Rettung der Phänomene, Haltung/Ausstellung von Gedanken
(b3) Schädelschau: Beschwörung außersprachlicher Mächte
(b4) Trance: Jagd unter Einfluss von Alkohol, Müdigkeit, Ekstase
(Cotten, Falb, Jackson, Popp, Rinck, Helm aus Phlox. Zur Theorie des schlechtesten Werkzeugs, Erörtern!)
 [Re-Entry 5.5.12] 

Donnerstag, 6. September 2012

Die dunkle Seite der Gegenwart - Kleiner Versuch über den Modellcharakter von Erkenntnistheorien


The aim of philosophy, abstractly formulated, is to understand how things in the broadest possible sense of the term hang together in the broadest possible sense of the term.
(Wilfrid Sellars)

"Von draußen nach drinnen schauen."
(Bild: Monkwhy; CC BY-NC-SA 2.0)
Philosophische Erkenntnistheorien arbeitet häufig mit einer modellhaften Beschreibung dessen, was sie als den "wirklichen Erkenntnisprozeß" (Carnap, Der logische Aufbau der Welt) vorstellen. Was im Erkenntnisprozess wirklich geschehen könnte, bilden sie innerhalb ihrer Beschreibungen "nur in rationalisierender oder schematisierender Weise nach" (ebd.).

Man stellt beispielsweise ein Subjekt vor, das bestimmte Wahrnehmungsschemata instanziiert, die ihm entweder a priori (bzw. "hard-wired") oder vermittels eines Prozesses der Habitualisierung ("soft-wired") zukommen. Diese Wahrnehmungsschemata fungieren dann als Filtratoren zunächst neutraler oder chaotischer Sinnesdaten, die diesen erst ein semantisiertes, bedeutsames Gewand verleihen. Je nach theoretischer Vorliebe lassen sich verschieden Beschreibungen dieser neutralen Daten vorstellen: Entweder lässt sich vom Standpunkt der Subjekte aus nichts über sie aussagen, sofern die in ihnen instanziierten Wahrnehmungsschemata von den Subjekten selbst nicht beobachtet werden können: Die Wahrnehmungsschemata bezeichnen dann den "blinden Fleck" der eigenen Beobachtung (Kant kann sie beobachten!). Oder man unterscheidet zwischen einer (beobachtbaren?) neutralen Beobachtungsebene, die dann durch Semantisierungen erst überlagert wird. Etwa, indem man davon ausgeht, dass den Subjekten Wahrnehmungsgegenstände zunächst nur als ausgedehnte Körper gegeben sind, die erst in einem zweiten kulturell vermittelten Interpretationsschritt verschieden semantisiert werden können. Der quadratische schwarze Holzgegenstand wird dann erst durch einen kulturellen Lernprozess als "Würfel" identifizierbar, undsoweiter.

Eine andere Alternative ist, grundsätzlich vom Erkenntnissubjekt abzusehen und nicht nach dem Konstitutionsprozess alltäglicher Wahrnehmung zu fragen (der vermeintlich "hinter" dieser Wahrnehmungs selbst abläuft), sondern nach der Möglichkeit der Konstitution valider Theorien. Wer nach der Konstituierbarkeit valider Theorien fragt, fragt also nicht länger nach den Bedingungen der Möglichkeit evidenter Erfahrung, sondern nach den Bedingungen der Möglichkeit zuverlässiger Aussagen und Theorien ("semantic ascent", Quine). Das modellhaft vorgestellte Erkenntnissubjekt, das sich Gegenständen gegenüber sieht, wird in dieser Konzeption also durch Aussagen ausgetauscht, die als Axiome oder plausible Intuitionen an den Anfang der Theoriekonstitution treten sollen, die dann mithilfe weiterer Aussagen zu kohärenten Welt- oder Phänomenbeschreibungen ausgebaut werden können. Hier kann man dann seine Axiome entweder aus Alltagsbeschreibungen der Welt (ihrem "manifest image", Wilfrid Sellars) oder aus wissenschaftlichen Weltbeschreibungen (dem "scientific image") zu destillieren versuchen, etc.

Beiden Konzeptionen ist allerdings eigen, dass sie sich schon im ersten Schritt von der Gegenwart der Gegenwart verabschieden, um an ihre Stelle ein Modell dessen zu setzen, was eigentlich geschieht ("psychologistisch") oder eigentlich geschehen sollte ("anti-psychologistisch"). Statt zuerst die Tagseite der Gegenwart durch den Versuch auszuleuchten, zu beschreiben, was sich überhaupt zeigt ("Phänomenologie"), versuchen sie sich also direkt im Maschinenraum der Erkenntnis. Transzendentalistische Schematisierungstheorien (apriori oder aposteriori) und axiomatische Theoriekonstitutionstheorien etablieren damit immer eine Kluft zwischen dem, was sich auf der Vorderseite des Erkenntnisprozesses zeigt (bzw. zu zeigen scheint) und dem, was auf seiner dunklen Seite eigentlich passiert. Sie postulieren einen „epistemologischen Bruch“ (Bachelard) zwischen ihrer Beschreibung von Erkenntnis und dem, was dem Einzelnen als Gegenwart geschieht. Daher informieren sie uns auch "niemals [über] unsere Dinge", weshalb es "ein Problem von großer philosophischer Tragweite [ist], ob sie überhaupt Dinge bezeichnen" (Bachelard).

Montag, 3. September 2012

Logische Kartenverteiler: Vorbereitung der unkritischen Theorie


"Welche Karte lag zuerst?"
Kritik ist das Medium des denkerischen Forschritts. Nur durch Kritik: strenge gegenseitige Beobachtung und Kontrolle ist Fortschritt im Denken möglich. Kritik ist deshalb eines der zentralen Paradigmen gegenwärtiger Theoriepraxis. Mit halboffenen, streng wachenden Augen hält der kritische Genius die Principia Mathematica unter dem linken Arm, ein Modell des ersten Mikroskops locker in seiner Rechten:
Wenn es nun in der Philosophie keine Forschung im eigentlichen Sinne gibt, so gibt es doch statt dessen etwas anderes, was in der Physik und der Geschichte so gut wie unbekannt ist. [...] Philosophen kritisieren stets einander und ihre Vorgänger sorgfältig und geschickt. Ein großer Teil ihrer Diskussionen und Veröffentlichungen ist in diesem Sinne sokratisch: eine Gegenüberstellung von Auffassungen, die durch gegenseitigen kritischen Vergleich und Analyse herausdestilliert worden sind. Daß die Philosophen gegenseitig ihr Waschwasser trinken ist zwar eine unfreundliche Charakterisierung, aber es trifft etwas Wesentliches [...].
(Thomas Kuhn) 
Als Methode der Theorieproduktion bewährt sich Kritik, wo immer zu kritisierende Inhalte bereits vorliegen. Diese werden durch die Prüfvorrichtungen des kritischen Apparats hindurchgeschleust: dann funkeln die bunten Fehlerdetektoren und melden tapfer jeden logischen Fauxpas und jede unangemessen unscharfe Unschärfe. Kritik ist immer ein laufendes Strafverfahren mit wahrscheinlicher Schuldigsprechung des Angeklagten. Sofern es dabei die Theorie ist, die auf der Anklagebank Platz genommen hat, ist Kritik selbst gar keine Theorie -- sondern deren Beobachterin.
Für sich genommen ist der kritisch-analytische Apparat daher keine synthetische Methode, kein Weg, auf dem man zur Erfindung neuer Ideen und Inhalte gelangt. Ausgerüstet mit dem kritizistischem Werkzeug alleine lassen sich allenfalls sich locker selbsttragende hypo-thetische logische Luftbauten realisieren, faszinierende Hüpfburgen des Geistes -- Mathematik zum Beispiel.
Der größte und vielleicht einzige Nutzen aller Philosophie der reinen Vernunft ist also wohl nur negativ; da sie nämlich nicht, als Organon, zur Erweiterung, sondern, als Disziplin, zur Grenzbestimmung dient, und, anstatt Wahrheit zu entdecken, nur das stille Verdienst hat, Irrtümer zu verhüten.
(Kant, KdrV)
Die Frage ist also nicht, ob Kritik (Verstanden als systematische Analyse interner logischer Konsistenzen und deren Aufweis) ein gutes Verfahren ist oder nicht. Die Frage ist, wo herkommen soll, was dann diesem Verfahren entweder ausgesetzt wird oder nicht -- die Ideen und Inhalte. Die Theorie setzt nicht mit der logischen Ableitung an. Sobald sie abzuleiten und auf Konsistenzen zu prüfen in der Lage ist, sind alle wichtigen Entscheidungen schon gefallen, die Karten schon verteilt. Von da an knobelt die Theorie ("puzzle-solving", Kuhn) oder stellt zumindest ihr Knobeln dar:
Wir mir scheint, werden in zunehmendem Maße (zumal soziale, universitäre Praxis es unablässig verlangt) die (Kartei-)Karten gewissermaßen heuchlerisch gezinkt, damit jeder einzelne Fall rhetorisch zu einem "Streitfall", einer quaestio, wird. Es ist wie beim Kartenspiel. [...] Wir hingegen mischen die Karten und geben sie aus, wie sie kommen.
(Roland Barthes)

Sonntag, 12. August 2012

Der Sinn für interessantere Alternativen - Eine Einführung in die Kunst der Immersion


(Wirklichkeit und Möglichkeit nach Bilz im Bild)
Eine zu langweilige und wenig spektakuläre Gegenwart (und wer kennt so eine nicht?) ist ein Problem und häufig ein hinreichender Grund, sich mit dem zu beschäftigen, was so eigentlich überhaupt nicht da ist. Glücklicherweise sind Menschen wenig genug in ihre Gegenwarten verstrickt, um nebenher auch noch anderswo zu sein: in "längeren Gedankenspielen" (Schmidt), bei einer kleinen Kritzelei ins Schulheft, dem letzten inspirierten Gespräch in der Küche, undsoweiter. Bei Kant (und auch anderswo) heißt diese Fähigkeit "Einbildungskraft":
Die Einbildungskraft (als produktives Erkenntnisvermögen) ist nämlich sehr mächtig in Schaffung gleichsam einer andern Natur aus dem Stoffe, den ihr die wirkliche gibt. Wir unterhalten uns mit ihr, wo uns die Erfahrung zu alltäglich vorkommt; bilden diese auch wohl um: [...] wobei wir unsere Freiheit vom Gesetze der Assoziation [...] fühlen, nach welchem uns von der Natur zwar Stoff geliehen, dieser aber von uns zu etwas ganz anderem, nämlich dem, was die Natur übertrifft, verarbeitet werden kann.
(Kant, Kritik der Urteilskraft)
Auf der Suche nach der besseren Unterhaltung stehen uns also neben der "Wirklichkeit" und neben den vielen suggestiven Medien-Kanälen noch die selbstgetragenen (aber ja doch nicht schlichtweg "selbstgelenkten") Ablenkungen (besser: Einlassungen) zur Verfügung.

Die grundmenschliche Kompetenz zur Flucht aus einer unterfordernden Gegenwart in einen alternativen Erlebensraum brachte

Mittwoch, 8. August 2012

Im Delirium der Logolalie - Eine kurze Apologie des Unsinns


"Wie geht die mens mit notio um, der Kusaner?"
Noch kämpfen wir Schritt um Schritt mit dem Riesen Zufall, und über der ganzen Menschheit waltete bisher noch der Unsinn, der Ohne-Sinn.
(Nietzsche, Also sprach Zarathustra)
Etwas zu verstehen ist gut. Etwas nicht zu verstehen kann ein Problem sein: Wird Unverständnis auf eigenes (Un)Vermögen angerechnet, fühlt man sich selbst durch die Sinnvermutung bei gleichzeitigem Nicht-Verstehen provoziert ("Ich checks einfach nicht."). Wird Unverständnis andererseits auf das Unverstandene zugerechnet, glaubt man, es mit Sinnlosem zu tun zu haben, mit Unsinn vielleicht sogar. Das Sinnlose basiert auf der Abwesenheit der Unterstellung von Sinnintentionen überhaupt ("Er hat gar nichts damit gemeint."). Zuschreibung von Unsinn dagegen unterstellt Intention: Sinnintention, wenn der Zuschreiber denkt, es war etwas damit intendiert, das aber eigentlich gar nichts bedeutet ("Metaphysik ist Unsinn."), Unsinnintention, wenn der Zuschreiber meint, es sollte etwas dargestellt sein, das aber bewusst keinen rechten Sinn macht. Dabei gibt es natürlich trivialen Unsinn, der als einfache Blödelei langweilt. Wird Unsinnsintention zu schnell als solche transparent, ist Unsinn öde. Eleganten Unsinn dagegen erfolgreich zu inszenieren ist nicht leicht: Der Unsinn muss in eine Grenze eingehegt werden, an der er eindeutig zu signifizieren scheint, ohne eigentlich zu signifizieren (Kant: Das Genie bringt "in seiner gesetzlosen Freiheit nichts als Unsinn [nämlich Erfass-, aber nicht begrifflich Erschließbares] hervor"):
Der Unsinn ist zugleich das, was keinen Sinn hat, sich aber als solcher der Abwesenheit des Sinns entgegensetzt, indem er die Sinnstiftung vornimmt. Und genau das hat man unter nonsense zu verstehen.
(Deleuze, Logik des Sinns) 
Der Beobachter wird in eine Situation gedrängt, in der er sich nicht mehr ganz sicher sein kann, ob er es hier wirklich bloß mit intendiertem Unsinn, oder vielleicht nicht doch mit Sinn zu tun haben könnte, den zu verstehen er "einfach nur zu blöd ist": Er fühlt sich gezwungen, Sinn zu unterstellen, kann aber keinen finden. 
Im Rahmen eines Gesprächs über die Übertragung von 1960/61 unternahm Lacan eine detaillierte Lektüre des Gastmahls (Platon) und beschloß, an einem kritischen Punkt seinen philosophischen Mentor, Alexander Kojève, zu befragen. Am Ende ihres Gesprächs, als Lacan schon am Gehen war, gab Kojève ihm folgendes mit auf den Weg: "Sie werden gewiß nicht in der Lage sein, das Symposion zu interpretieren, wenn Sie nicht wissen, warum Aristophanes Schluckauf hat." (Lacan 1991, S. 78) Kojève verriet das Geheimnis nicht und ließ Lacan eher ratlos zurück. Seine Feststellung aber schien zu bedeuten, daß letztlich die gesamte Interpretation davon abhängt, diese nicht intelligible Stimme [den Schluckauf] zu verstehen, die man vielleicht nur mit der Formel fassen kann: Sie bedeutet, daß sie bedeutet.
(Mladen Dolar, His Master´s Voice)
Im Idealfall provoziert also Unsinn, irritiert durch die Hypersuggestion von Sinn hinter der vermeintlichen Nonsense-Oberfläche:
Man könnte versucht sein, [...] ein Gegenmodell der Erziehung zur Unzuverlässigkeit, zur überraschenden Kreativität, zur Unsinnsproduktion, die etwa gemeinten Sinn erraten läßt, zur ironischen Behandlung von Situationen oder zur ständigen Dekonstruktion der gerade verwendeten Schemata zu entwerfen. [...]
(Luhmann, Erziehungssystem der Gesellschaft)
[Re-Entry auf M_K Hinweis 05.03.12]

Samstag, 4. August 2012

Schielen lernen mit den "magischen >>Augen" der Wunderwelt<< - Mythopoietisch-pathetische Perspektiven


"Aber mein place-to-be ist utopisch" (Retrogott)

"Nicht als Untergrabender, sondern als Ebnender versteht sich
Kant: nicht als Maulwurf, sondern als Planierraupe."
(Krell, Der Maulwurf)

Hypotope (Foto: cc by-nc-nd Bruno Monginoux)
Wer die sichernden Gründe verlässt gerät in instabile Bezirke. >Hier< kann es von Vorteil sein, mit Ohren zu sehen um mit Augen zu hören. "Ist es wirklich so traurig und gefährlich, daß die Augen nicht mehr sehen wollen, die Lungen nicht mehr atmen, die Sprache nicht mehr sprechen...?" (Deleuze/Guattari) Das Lösen der Griffe auf der Suche nach klügeren Stricken führt Schritt für Schritt vom Be- ins Un- und Unter-griffliche zurück (!?). >Zwischen< "Nacheinander" und "Nebeneinander" ("Schließ deine Augen und schau! [...] Fünf, sechs: das Nacheinander. Genau: und das ist die unausweichliche Modalität des Hörbaren. Öffne deine Augen. Nein. Jesus! Wenn ich von einem Felsen fiele, der in die See nickt über seinen Fuß, ich fiele unausweichlich durch das Nebeneinander." - Joyce) scheinen vage Orte auf, Zwischen-Orte, Bei- und Vor-Orte, hypotopische, atlantische Aufenthalte. >Was< macht hier noch Unterschiede? "Wo sind wir...?", will man fragen und spürt, dass das alte "Wo" >von hier aus< schon nicht mehr zu sehen ist, statt "Ich" oder "Wir" würde >man< lieber "Es" sagen (Lichtenberg); aber selbst >da< regt sich schon wieder leise aber distinkt ungutes Gefühl.
Es ist nicht unmöglich, sich mit einem solchen kybernetischen Denken auseinanderzusetzen, aber das verlangt einen elementaren Wechsel der Ebenen: von Land zu Meer, - und damit ändern sich auch alle anderen Bedingungen und wir benötigen auf einmal eine andere Aufmerksamkeit, einen überraschend beweglich gewordenen Verstand. Ja, wir müssen uns hier ganz anders als zuvor "aufs Spiel setzen". Immer in der Gefahr das Wesentliche aus den Augen zu verlieren: "Thalassa", die "kleinste Kluft", das, wo alles vor sich geht (d. h. auch, noch einmal: den stummen Hintergrund der Schrift, der manchmal laut wird, durch den auch Stürme fegen); immer in der Gefahr, dass wir dann irgendwo stranden (und notgedrungen unser Lager aufschlagen: wieder einen Standpunkt beziehen...), dass unsere Klugheit nicht ausreicht und wir Schiffbruch erleiden; dass wir die falschen Routen wählen, oder unsere Fesseln zu locker sind: es gibt tausend Gründe unzeitig und spurlos im Offenen zu verschwinden.
(Anonym)
Deshalb ist überall Vorsicht geboten. >Wir< brauchen neben klugen Fesseln Proviant, aber brauchen >wir< auch und wie Navigation. Tasten >>wir<< >uns< nicht mit "Flimmerhaaren" (Benn) an kleinsten salomaimonischen "Differentialen" entlang. Vielleicht kommen >wir< dabei auch gar nicht umhin, die >falschen< Routen zu wählen, aber die Frage bleibt, woher >wir< und wie und wann wissen, dass es >falsche< Routen waren. Wie weit ins Offene sollten >wir< >>uns<< bewegen, sind wir überhaupt schon ins Offene geraten. Wünschen >wir< uns denn noch, dass Gründe tragen:
Sokrates war, meine Herren, kein gemeiner Kunstrichter. Er unterschied in den Schriften des Heraklitus, dasjenige, was er nicht verstand, von dem, was er darin verstand, und that eine sehr billige und bescheidene Vermuthung von dem Verständlichen auf das Unverständliche. Bey dieser Gelegenheit redete Sokrates von Lesern, welche schwimmen könnten. Ein Zusammenfluß von Ideen und Empfindungen in jener lebenden Elegie vom Philosophen machte desselben Sätze vielleicht zu einer Menge kleiner Inseln, zu deren Gemeinschaft Brücken und Fähren der Methode fehlten.
(Hamann, Sokratische Denkwürdigkeiten)
Wenn Medien trügen und Behälter beinhielten -- wenn Sprache mehr Boot als "Haus" (Hdg//KKS), mehr Wasser als Boden wäre. Schwimmen oder tauchen wir. Müssten wir nicht mit Flüssigkeiten zu sprechen lernen: "Du sagst, Du hast Flows, aber das ist nur Kondenswasser." (Retrogott) "Meine Flows sind wie Wein. Du dagegen bist unreif. Du bist zu steif für tighte Rapflows." (Taktloss) Wo hielten wir uns auf. In Dunkel-, "in denen man erst nach längerer Eingewöhnung etwas sieht" (Luhmann), oder Wunderkammern: "Wenn uns ein Engel einmal aus seiner Philosophie erzählte, ich glaube es müßten wohl manche Sätze so klingen als wie 2 mal 2 ist 13." (Lichtenberg). >Was< wollen >>wir<< hier noch unterscheiden. >Was< unterscheidet >>uns<<. Kein Kybernet geht über Wasser - eher noch durchschwimmt _sie_ mit offenen Augen die Gründe: viel schmerzhafte Unterschiede, >Stille der Schattenwelt<, mit "embryonischen" Maulwurfsaugen (Schopenhauer).
Denn, von ihr [der Theorie] wird, zum Skandal der Philosophie, nicht selten vorgeschützt, dass, was in ihr richtig sein mag, doch für die Praxis ungültig sei: und zwar in einem vornehmen wegwerfenden Ton, voll Anmassung, die Vernunft selbst in dem, worin sie ihre höchste Ehre setzt, durch Erfahrung reformieren zu wollen; und in einem Weisheitsdünkel, mit Maulwurfsaugen, die auf die letztere geheftet sind, weiter und sicherer sehen zu können, als mit Augen, welche einem Wesen zu Teil geworden, das aufrecht zu stehen und den Himmel anzuschauen gemacht war.
(Kant)
Wer hier "sehen lernen" möchte - nicht "weiter und sicherer", mit neuer "Kurzsichtigkeit" - sollte sicher sein, dass er dafür ausreichend gewappnet ist. Sich mit >Klugheit< ("Habt ihr auch genug Klugheit walten lassen? Nicht etwa Weisheit, sondern Klugheit als Dosis, als innere Regel des Experimentierens: Injektionen von Klugheit." "...man braucht kleine Rationen von Subjektivität..." - Deleuze/Guattari) an unerhörte Blicke gewöhnen. "Man muss noch...", ja, was muss man eigentlich noch genau:
Ich halte auch keinen Kompromiß für möglich, denn er würde dieselben Probleme aufwerfen wie ein Kompromiß zwischen der Ente und dem Hasen in dem bekannten Gestaltwandel-Bild. Die meisten Menschen können zwar ohne weiteres einmal die Ente und einmal den Hasen sehen, doch einen Entenhasen wird man mit noch so viel Übung und Anstrengung nicht erzeugen können.
(Thomas Kuhn)
(Entenhausen)
Mit Maulwurfsaugen Entenhasen UND Hasenenten sehen lernen: "Die Paradoxie lässt den Beobachter oszillieren, nämlich ganz kurzzeitig (aber immerhin: kurzzeitig) zwischen der einen Feststellung und ihrem Gegenteil pendeln." (Luhmann) Und wenn wir nun die Bildrate der Oszillation erhöhen, bis beides auf einmal sichtbar würde, müsste sie nicht als stehende Bewegung in den Blick geraten. Und bewegt sie sich denn nicht.

Freitag, 1. Juni 2012

Unschärferelationen - Lob der Unentschiedenheit II


Explizierbarkeit vs. Formverlust
Man betrachtet die Wirklichkeit, indem man sie metaphorisiert.
(Gaston Bachelard)
Wenn Dinge verwickelter sind, muss ihrer Darstellung auch eine andere Schreibweise entsprechen. Unschärfere Gegenstände bedürfen unschärferer Beschreibungen; sonst kann es leicht passieren, dass einem mit der Steigerung vermeintlicher Präzision auch der Gegenstand auf einmal durch die Lappen geht, man bei lauter feinverkörnten Genauigkeiten ankommt und sich -- wenn man sich in denen nicht schon gleich verfängt -- fragen kann, wo denn auf einmal abgeblieben ist, über was man eigentlich hatte sprechen wollen. Andere versuchen gleich von Anfang an aus dem Sagbaren zu verbannen, worüber man nicht genau genug reden kann und wollen lieber zu allem Unscharfen schweigen. Muster verschwinden mit der Steigerung von Auflösegraden -- um das zu wissen, muss man nicht selbst impressionistisch veranlagt sein:
Unsere Ausführungen werden dann ausreichen, wenn ihre Klarheit und Bestimmtheit dem vorliegenden Stoff entspricht; denn man darf nicht bei allen Erörterungen denselben Grad von Genauigkeit (to akribes) suchen, sowenig wie bei handwerklichen Produkten.
(Aristoteles)
In der Physik haben wir uns schon lange davon überzeugen lassen, dass bestimmte Sachverhalte nur mit einer gewissen Unschärfe in Erfahrung gebracht werden können, und sogar, noch schlimmer, dass der Versuch, bestimmte Größen genauer zu erfassen, unweigerlich dazu führt, dass an anderer Stelle die Unschärfe steigt. Selbst vom Rechnen mit Wahrscheinlichkeiten hat man sich inzwischen überzeugen lassen, und tut dennoch bei konstitutiv unscharfen Gegenständen so, als müssten gerade hier -- und dann auch noch in den Geisteswissenschaften -- Vereindeutigungen immer möglich sein. Dabei riskiert man mit solchen eifrig voreilenden Schärfemaximen den Verlust der Redekompetenz über einige hochinteressante Themenbereiche: Atmosphären, Zeitgeist, Lebenswelt. Diffuse Gefilde des Denkens natürlich -- Vorsicht! Hier erhöhtes Diffamierungsrisiko:
Unsere Mystagogen spielen also mit dem Gespenst und dem Schleier, sie ersetzen Evidenzen und Beweise durch "Analogien" und "Wahrscheinlichkeiten"; das sind ihre eigenen Worte, Kant zitiert sie und nimmt uns zum Zeugen: Sehen sie selbst, das sind keine wahren Philosophen, sie greifen auf poetische Schemata zurück. Das alles ist Literatur."
(Derrida, Kants "Von einem neuerdings erhobenen vornehmen Ton in der Philosophie" paraphrasierend)
-- die Sprache wird weicher, weniger definitorisch, ausladender in der Auslegung [Wegbereitung] ihren Bedeutungs- und Assoziationshöfe: schwer, hier einen intensivierten Grenzverkehr mit der Literatur zu vermeiden, vor allem aber auch nicht nötig:
Der essayistische Gebrauch der Intelligenz ist eine zuerst unvermeidliche und später erst eine kultivierte Form der Kooperation mit dem Nicht-Festgestellten. [...] Wer in ihm eine Art "Erster Hilfe" des Denkens erkennt, begreift von ihm wohl mehr als der Kenner, der ihn als Verfeinerung genießt. [...]
Wo dieser Verdacht [ein Symptom von etwas Allgemeinem zu sein] sich konsolidiert, kann eine methodische Praxis beginnen, in deren Verlauf ein Autor sich selbst als Sonde für unklare Zustände im sozialen Raum benutzt.
(Sloterdijk, Medien-Zeit. Drei gegenwartsdiagnostische Versuche) 

Dienstag, 15. Mai 2012

Wo die wilden Werke wohnen? - Beim John


Wer füllt die Ur-Uter-Ius-Society mit neuen Begriffen wieder auf?
Der Philosoph ist der Freund des Begriffs, er erliegt der Macht des Begriffs. [...] Stets neue Begriffe erschaffen ist der Gegenstand der Philosophie. [...] Man kann nicht einwenden, daß die Schöpfung eher für das Sinnliche und die Künste gilt, so sehr verleiht die Kunst spirituellen Entitäten Existenz, und so sehr sind die philosophischen Begriffe auch "Sensibilia".
(Deleuze/Guattari, Was ist Philosophie?)
Um etwas gut zu finden, muß ich jederzeit wissen, was der Gegenstand für ein Ding sein solle, d.i. einen Begriff von demselben haben. Um Schönheit woran zu finden, habe ich das nicht nötig. Blumen, freie Zeichnungen, Peperoni mit Staub, ohne Absicht in einander geschlungene Züge, unter dem Namen des Laubwerks, bedeuten nichts, hängen von keinem bestimmten Begriffe ab, und gefallen doch.
(Kant, Kritik der Urteilskraft)
[RP 3.09.11]

Sonntag, 29. April 2012

Publikum und Publikation: Gelehrtenpublik


"Ein Pirat avant la fenêtre"
Publizieren heißt: Etwas in die Öffentlichkeit bringen. Aber wie offen muss so eine Öffentlichkeit sein, um ihren Namen auch verdientermaßen zu tragen? Kommt es darauf an, für wen man schreibt? Kommt es darauf an, wer hört? Hat jemand gesagt, kommt es darauf an, wer hört? Kant (der hier schon einmal für eine angemessene Popularisierung der Philosophie eingetreten war) und Hamann etwa stritten darüber, ob und wie sich eine Physik für Kinder ("Kinderphysik") verfassen ließe -- zustande kam sie jedenfalls nie. Aber Hamann merkte kritisch an, dass Gelehrte allein als Publikum anzusprechen möglicherweise auch noch zu einfach ist:
Gelehrten zu predigen, ist ebenso leicht, als ehrliche Leute zu betrügen: auch weder Gefahr noch Verantwortung dabei, für Gelehrte zu schreiben; weil die meisten schon so verkehrt sind, dass der abenteuerlichste Autor ihre Denkungsart nicht mehr verwirren kann.
(Hamann an Kant)

Samstag, 7. April 2012

"Urheber, echt!?" - Herausforderung durch multiplizierbare Ware


"Du bist nicht Original wie eine Fotokopie"
"I don´t blame someone for being a copycat. I´m a copycat aswell, we all are." 
"Du bist der Auffassung, dass dir die Musik gehört. Ich habe immer nur Musik gehört."
 Retrogott

Vorweg: Der folgende Versuch entspringt einem kritischen Impuls: Er soll vor allem dazu dienen, in der Debatte oft als Selbstverständlichketien suggerierte Behauptungen zu "ent-sichern" [wie gedankliche Wegfahrsperren], um ihnen ihre Mobilität zurückzugeben.

Wem gehören meine Gedanken?

"Meins!" -- Landnahme oder Urhebe?
Urheberrecht setzt voraus, dass es einen Urheber gibt, einen, der das Werk zuerst [wie einen Schatz] gehoben, der sein Urbild hergestellt hat: Im Werk des genialischen Künstlers, dessen auratischer  Wert am Original haftet, findet sich diese Idee des Urhebers idealtypisch verwirklicht. Hier wird nicht kopiert, sondern originär geschaffen.
Wie ist es aber mit der menschlichen Kunst? Durch die Baukunst etwa, so könnte man doch sagen, bringt sie das Haus selbst hervor, durch die Malerei aber ein anderes Haus, so etwas wie ein von Menschen erzeugtes Traumbild für Wachende.
(Platon, Sophistes) 
Allerdings hat Kant, der die genieästhetische Tradition wesentlich (als einer ihrer Urheber) mitgeprägt hat, das Genie selbst als "Naturgabe" interpretiert, sodass nicht eigentlich das Genie, sondern die Natur Urheber seiner Werke wäre; die allerdings könnte ihre Urheberschaft nur schwer selbst rechtlich verwerten (--> Patente auf pflanzliche Wirkstoffe). Wenn Künstler nun den Besitz an den Produkten ihre Köpfe einklagen -- wobei zu überlegen bleibt, ob der Kopf hier wirklich die richtige Zurechnungsadresse ist, "denn wenngleich die meisten Menschen das Denken im Kopfe zu fühlen glauben, so ist das doch bloss ein Fehler der Subreption [heute: der Erschleichen von Leistungen], nämlich das Urteil über die Ursache der Empfindung an einem gewissen Orte (des Gehirns) für die Empfindung der Ursache an diesem Orte zu nehmen" (Kant in einem Brief an Sömmering, 1795) -- scheinen sie vorauszusetzen, dass die eigenen Ideen natürlicherweise einen privaten Besitz darstellen (und nicht etwa ein "Besitz" der Menschheitsgeschichte o.ä.). 

Aber gehören "meine" Gedanken denn "mir"? Bin "ich" denn ihr Urheber? Und was würde das genau bedeuten? Dass "ich" "meine Gedanken" gewissermaßen intentional in mich hineindenke? Ich müsste dann meine Gedanken (die Idee einer Melodie, ein neues Wort, den nächsten Vers für ein innovatives politisches Gedicht) schon "haben", bevor ich sie habe, um sie mir dann selbst einfallen zu lassen. Einfälle zeichnen sich nun aber gerade dadurch aus, dass sie eher zu einem kommen, als dass man sie in sich selbst hereinbringt. Der Einfall fällt eben ein, er-eignet sich [oha, Todtnauberg]. ("Ideas come to us. We don´t really create an idea. We just catch them -- like fish. No chef ever takes credit for making the fish. It´s just preparing the fish." -- Lynch). Ist er aber damit schon mein Eigentum? Gerade so, wie ein Eroberer meint, dass ihm das Land gehöre, dass er "zuerst" betritt? ("Der war zuerst bei mir! Mein Kopf! Mein Gedanke!") Und woher weiß ich, dass ein Gedanke zuerst bei mir war? Dass es nicht die Tradition, bisherige Lektüre, Filmkenntnis, die eigene Umgebung usw. war, aus der der Einfall kam? Wie dem auch sei -- Urheberschaft ist keine natürliche Tatsache.

Als soziales Phänomen ist Urheberschaft eher eine Frage der Zurechnung. Natürlich kann man, ähnlich wie in der Diskussion um die Willensfreiheit ("Wer ist der Autor meiner Handlungen?" - Mein Gehirn? Hormone? "Ich selbst" am Ende?), Urheberrschaft dekonstruieren. Sie wird dann, ganz wie die Frage nach der Zuschreibbarkeit von Verantwortung bei Strafttaten, eine Frage der Grenzziehungen und der Definitionen, ist wie diese dann Gegenstand sozialer Aushandlung. Urheber zu sein bedeutet dann nur: das Subjekt der rechtlich legitimen Zuschreibung von Urheberschaft zu sein. Und das wird hoffentlich auch so bleiben, die Frage ist nur: Unter welchen Bedingungen?

Aneignung ohne Enteignung - Multiplizierbare Ware

("Datenhighway" - Raubdruck und frz..Rev.)
Gedanken sind natürlich noch keine Werke, müssen erst zu solchen gemacht werden -- wie bei der Produktion von anderen Gütern auch. Nachdem die Künstler nun dazu übergegangen waren, nicht mehr Geschichten ohne klaren Urheber als Sänger oder Erzähler durch die Generationen abwandelnd zu tradieren, konnte der Künstler, der jetzt Originale produzierte, seine Originale auch als Originale vermarkten. Die von ihm urgehobenen Werke besaßen dabei gewissermaßen einen natürlichen Kopierschutz, sofern sie eben nicht als Originale kopiert werden konnten. Die Möglichkeit, Werke technisch zu reproduzieren, schien dann -- so mutmaßte zumindest Walter Benjamin -- dazu zu führen, dass die Originale schrittweise ihre auratischen Qualitäten verloren. Im Zeitalter ihrer digitalen Reproduzierbarkeit scheinen Werke nun nicht mehr nur technisch reproduzierbar, sondern verlustfrei multiplizierbar zu werden. Auf sie scheint mit einemmal zuzutreffen, was Luhmann einmal über die Kommunikation bemerkte: dass bei ihr
[...] nichts weggegeben wird. Derjenige, der etwas mitteilt, verliert sein Wissen sozusagen nicht aus dem Kopf, es ist also nicht so wie ein ökonomischer Vorgang, wo man, wenn man gezahlt hat, das Geld hinterher nicht mehr hat oder das Ding, was man überträgt, nicht mehr besitzt, sondern es ist ein Vorgang, der offenbar multiplikativ wirkt. Erst hat es nur einer und dann wissen es zwei oder mehr oder hunderte oder millionen oder mehr; je nachdem, an welches Netzwerk wir hier jetzt denken.
(Luhmann, Einführung in die Systemtheorie, MC13A, Kommunikation)
Kopie ist also Aneignung ohne Enteignung. Das kopierte wird nicht entwendet, sondern "bloß" unerlaubt vervielfacht. Die Möglichkeit ihrer digitalen Reproduktion erhöhte dabei auch die Reichweite der Werke. Was früher noch an körperliche Präsenz und Aufführung gekoppelt war, ließ sich jetzt beliebig oft reproduzieren und damit auch beliebig weit verbreiten. Das hat dazu geführt, dass erfolgreiche Künstler unwahrscheinlichste Verbreitungsweiten erreichen, und, solange die technische Reproduktion ihrer Werke für Laien noch verhältnismäßig aufwendig war, erstaunliche Verkaufszahlen erzielen konnten. Einmaliger Produktion stand potentiell beliebige Vervielfältigung gegenüber -- eine äußerst unwahrscheinliche Ware.

Heute erscheint es mehr als deutlich, dass mit den verlustfrei multiplizierbaren Waren eine neue Sorte von "Gegenständen" das Licht der Welt erblickt hat. Und es wird schwierig werden, durch künstliche Restriktionen (z.B. Kopierschutz) die Eigenschaften der "alten" Gegenstandswaren (vor allem: die strenge Korrelation von Übertragung und Enteignung) auf multiplizierbare Waren zu übertragen (das gilt allerdings auch schon für öffentliche Rezitation von Gedichten oder Liedern, für Kommunikation). Dateien sind keine in der Festplattengarage parkenden Informationsautomobile. Ihre Multiplizierbarkeit kann eine Chance sein, jedenfalls wird sie sich kaum verhindern lassen, das erfordert auch ein neues Verständnis der Möglichkeiten ihres Vertriebs: 

[via autopoiet]

Donnerstag, 5. April 2012

Derrida des Rechts: Lob der Nicht-Verwertung


(Quelle: Abode of Chaos; Lizenz: CC BY 2.0)
Der Werkzeugkasten zur Rekonstruktion einer künftigen Philosophie wird nach dem Versuch zu klären, was "die Philosophie" eigentlich sein soll, und der Aufforderung zu einer ihr angemessenen Popularisierung durch Kant und Bourdieu durch Derrida nun um ein nächstes Konstruktions-Tool erweitert:
"Ich beziehe mich [...] auf eine Universität, die wäre, wie sie stets hätte sein sollen oder stets zu sein beanspruchte, nämlich seit ihrer Gründung und grundsätzlich mit einer souveränen Autonomie, einer unbedingten Freiheit ihrer Einrichtung ausgestattet, souverän in ihrer Rede, ihrem Denken, ihrer Schrift. [...] Professer heißt sich verpflichten, indem man sich erklärt, indem man sich für etwas ausgibt -- und hingibt, indem man verspricht, dieses oder jenes zu sein. [...] Philosophiam profiteri bedeutet nicht einfach, daß man Philosoph ist, auf einer der Sache angemessene Weise Philosophie treibt oder lehrt, sondern daß man sich durch ein öffentliches Versprechen dazu verpflichtet, sich öffentlich der Philosophie zu widmen, sich ihr hinzugeben, sich zu ihr zu bekennen, für sie Zeugnis abzulegen, ja sich für sie zu schlagen."
 
"Ja, manchmal gibt sie sich preis und verkauft sie sich; sie läuft Gefahr, schlicht und einfach besetzt, erobert, gekauft, zur Zweigstelle von Unternehmen und Verbänden zu werden. Darin steht heute [...] ein enormer politischer Einsatz auf dem Spiel: In welchem Ausmaß dürfen Forschungs- und Lehreinrichtungen gefördert, das heißt direkt oder indirekt von kommerziellen Interessen kontrolliert, oder, um es mit dem Euphemismus zu sagen: "gesponsort" werden?"
(Derrida, Die unbedingte Universität, 2001)
Sich vor "Schurken" in Acht nehmen, oder doch lieber vor dem Begriff?

[Re-entry 28.10.11]

Donnerstag, 15. März 2012

Zwischen Reform und Revolution - Unsortierte Elemente einer Fragmentarisierung der Betriebe

(Seismographische Intelligenz)
Aus der geistigen Welt einen lebendigen Organismus bilden, der auf den leisesten Druck reagiert.
Hugo Ball, Die Flucht aus der Zeit

Wer grobe Kategorisierungen nicht scheut, der findet im Nachdenken über die Entwicklung von Kunst und Wissenschaft häufig zwei grundverschiedene, einander teils ergänzende, teils aber auch ausschließende Prozesse beschrieben:  
Dem Weitermachen am und mit dem bereits Geleisteten steht die Innovation, der unerwartete Regelbruch, der Einfall des Neuen in die innerste Strukturierung des jeweiligen Praxiszusammenhangs gegenüber. Thomas Kuhn unterschied exemplarisch zwischen Phasen der "Normalwissenschaft", die vor allem durch "Puzzle-Solving", d.h. die Lösung derjenigen Probleme bestimmt sind, die sich gewissermaßen "natürlich" aus den bisherigen Annahmen und Ergebnissen schon ergeben, und den Phasen "wissenschaftlicher Revolutionen", in denen Grundsätzliches auf dem Spiel und zur Diskussion steht. Mit Blick auf die Kunst unterschied Kant analog "Nachäffung" als tumbe Imitation des Genialischen von der ursprünglich regelsetzenden Kraft des Genies...

Donnerstag, 1. März 2012

Die ersten Züge der Philosophie - Dialektik der Verzehrung


Gewohnt gelassen leitet Luhmann das interintellektuelle Gespräch zum Thema "Das Rauchen - Schlecht oder doch gut?" ein:
Praxis kommt ja in der modernen Gesellschaft kaum noch vor. Rauchen wäre eines der wenigen Beispiele, die einem spontan einfallen; aber das betrifft dann nur die Zigarettenindustrie.
(Wirtschaft der Gesellschaft) 
Kant fühlt sich durch die nachlässige Flapsigkeit zu maßregelnder Korrektheit provoziert. Das Rauchen scheint ihm doch eine Sache zu sein, die einer ernsthafterer Beschäftigung fähig ist. Er will Grundlgendes klären: Zu den subjektiveren Sinnenempfindungen gehörten, meint er schnippisch, auch solche, 
die bloss subjektiv sind und auf die Organe des Riechens und Schmeckens durch einen Reiz würken, der doch weder Geruch noch Geschmack ist, sondern als die Einwirkung gewisser fixer Salze, welche die Organe zu spezifischen Ausleerungen reizen, gefühlt wird; daher denn diese Objekte nicht eigentlich genossen und in die Organe innigst aufgenommen werden, sondern nur sie berühren und bald darauf weggeschafft werden sollen; eben dadurch aber den ganzen Tag hindurch (die Essenszeit und den Schlaf ausgenommen) ohne Sättigung können gebraucht werden. – Das gemeinste Material derselben ist der Tobak, es sei ihn zu schnupfen, [...] oder auch ihn durch Pfeifenröhre, wie selbst das spanische Frauenzimmer in Lima durch einen angezündeten Zigarro, zu rauchen. [...] – Dieses Gelüsten [...] ist, als blosse Aufreizung des Sinnengefühls überhaupt, gleichsam ein oft wiederholter Antrieb der Rekollektion der Aufmerksamkeit auf seinen Gedankenzustand, der sonst einschläfern, oder durch Gleichförmigkeit und Einerleiheit langweilig sein würde; statt dessen jene Mittel sie immer stossweise wieder aufwecken. Diese Art der Unterhaltung des Menschen mit sich selbst vertritt die Stelle einer Gesellschaft; indem es die Leere der Zeit statt des Gespräches mit immer neu erregten Empfindungen und schnell vorbeigehenden, aber immer wieder erneuerten, Anreizen ausfüllt.
(Anthropologie in pragmatischer Absicht)
Kants Anregungen greift ein umwölkter Husserl auf. Der sieht allerdings im Rauchen vor allem einen legitimem Treibstoff zur Beförderung des theoretischen Interesses:
Ein Gefühl kann uns berühren, ohne uns einzunehmen, und es braucht gar nicht schwach zu sein. Ich rauche eine Zigarre mit Lust, aber die Lust füllt mich nicht aus, vielmehr das theoretische Interesse, das indirekt von ihr Nutzen zieht. Manchmal mag es umgekehrt sein. Die Lust des Rauchens nimmt mich in Beschlag, das theoretische Interesse ist gering. Im einen Fall bin ich der Sache theoretisch zugewendet und nicht der Lust; im anderen Fall der Lust mitsamt ihrem sinnlichen Inhalt.
(Wahrnehmung und Aufmerksamkeit) 
Adorno ist empört. In allen bisherigen Ausführungen sieht er nichts als die masochistischen Auswirkungen des allgemeinen Verneblungszusammenhangs am Werk, er nippt ein letztes Mal kultiviert am Wein: Versuch einer Klarstellung:
Einem bestimmten Gestus der Männlichkeit, sei's der eigenen, sei's der anderer, gebührt Mißtrauen. [...] Archetypisch dafür ist der gut Aussehende, der im Smoking, spät abends, allein in seine Junggesellenwohnung kommt, die indirekte Beleuchtung andreht und sich einen Whisky-Soda mischt: das sorgfältig aufgenommene Zischen des Mineralwassers sagt, was der arrogante Mund verschweigt; daß er verachtet, was nicht nach Rauch, Leder und Rasiercreme riecht, zumal die Frauen, und daß diese eben darum ihm zufliegen. [...] Die Freuden solcher Männer [...] haben allesamt etwas von latenter Gewalttat. [...] Wenn alle Lust frühere Unlust in sich aufhebt, dann ist hier die Unlust, als Stolz sie zu ertragen, unvermittelt, unverwandelt, stereotyp zur Lust erhoben: anders als beim Wein, läßt jedem Glas Whisky, jedem Zug an der Zigarre der Widerwille noch sich nachfühlen, den es den Organismus gekostet hat, auf so kräftige Reize anzusprechen, und das allein wird als die Lust registriert. Die He-Männer wären also ihrer eigenen Verfassung nach, als was sie die Filmhandlung meist präsentiert, Masochisten. Die Lüge steckt in ihrem Sadismus, und als Lügner erst werden sie wahrhaft zu Sadisten, Agenten der Repression.
(Minima Moralia)

Dienstag, 28. Februar 2012

Eine philosophisch-verträumte Temperamentenlehre zwischen Ernüchterung und Weltwiedererwärmung

[Re-Enrty vom 22.06.11]
Kunst und Theorie nach der Abklärung I 

(Quelle: Flickr - Dominic´s Pics, CC BY 2.0)
Das Licht der Aufklärung war immer schon ein Licht von verhältnismäßig niedriger Temperatur. Ihr Versprechen war nie das einer klimatischen Restauration der Welt, ihr Genuss und Eifer nie mehr als die Begleiterinnen des guten Gewissens, die falschen fremderzeugten Schattenbilder durch potentere Selbst-Innenbeleuchtung zu vertreiben. Aber die hellste Beleuchtung ist - wie man weiß - nicht immer auch die angenehmste. Und so sind bei näherer Betrachtung Aufklärung und Ernüchterung, Auf- und Abklärung zwei Seiten derselben, eifrig ent-eifernden Bewegung, die gleichermaßen Mut zur Kälte und Mut zur Selbstüberschätzung von ihren Adepten einforderte.

Das Licht der Aufklärung - das in Dunkelheiten nur zu orientieren vermag, sofern die Welträume, die es ausleuchtet, überhaupt ausreichend widerständige Strukturen bereitstellen, um noch von "Orientierung" im positiven Sinn zu sprechen - ist ein nüchternes Licht, Neonlicht. Und wenn es überhaupt ein Licht für Menschenhände und Menschenaugen ist, bleibt ihm doch die Motivation für konkrete Ziele und Richtungen gänzlich fremd: Der Eifer der Aufklärung und ihrer Aufklärer kennt sich zwar selbst als engagierendes Ziel, aber was "nach" der Aufklärung kommen soll, lässt sich aus diesem Eifer nicht noch einmal eigens motivieren...

Samstag, 18. Februar 2012

Der elf-köpfige Soziograph auf Bildungsreise XXIX

Der elf-köpfige Soziograph versteht keine zwei-seiten Form; vergrämt keine widerstreitenden Pagen; der Soziograph verwendet nur selten Gouache
Die Binarität der Eloge

Doppelt gebunden: Spaziergang an einer Baustelle, sommerliche Großbäume, Großgebäude in passionierter Elegie sich freundschaftlich gegen elf trübe müde Notizgesichter neigend. Hinten ziehen kahle Bäume mit dem Spliss ihrer Baumspitzen Kritzeleien in den Wolken-Wunderblock

Chiffernschrift der Natur flüstert leise verblümt das Geheimnis der Poesie:
Order from Noise // Noise from Order
:eiseoP red sinmieheG sad tmülbrev esiel tretsülf ratuN red tfirthcsnreffihC.  

An der Grenze zu anderen Kontexten, äußeren Hüllen der Wirklichkeiten entlang. Hier keine Hintergründe: Letzter Versuch einer Umschichtung von Gewichten, Großgeschichten, Gesichter. Verschwimmende Immanenzfenster: drinnen fressen draußen auf wie vice versa auch.
Die Ununterscheidbarkeit der Symptome.  

Donnerstag, 16. Februar 2012

Minima Irritabilia II: Rückkehr des pop-ästhetischen Lumpenproletariats in die Dominanzkultur

[Re-Entry vom 01.08.11]

Eine kleine, nicht ganz unbrauchbare Reflexions-Performance über den Untergrund:
Das Kellerkind sitzt mitten unter der Gesellschaft und begrüsst die Rückkehr des ästhetischen Lumpenproletariats in die Dominanzkutur...

Ein ergebnisoffenes Herumschrauben an den Kunstproduktionsmittel, das sich jedoch allzu absichtsvollen Berührungen durch äussere Diskurse verweigert und den Charakter eines dramaturgisch-halbdurchdachten, leicht irrsinnigen, aufklärungsresistenten Popvandalismus haben kann.

[Ergänzend zur Rand- und Grenzmetaphorik:  
"Die Bestimmung des Privat-Horizonts hängt ab von mancherlei empirischen Bedingungen und speziellen Rücksichten, z. B. des Alters, des Geschlechts, Standes, der Lebensart u. dgl. m. Jede besondre Klasse von Menschen hat also in Beziehung auf ihre speziellen Erkenntniskräfte, Zwecke und Standpunkte ihren besondern, – jeder Kopf, nach Massgabe der Individualität seiner Kräfte und seines Standpunktes, seinen eigenen Horizont."
(Kant, Logik)]
Dazu der CV der Künstlerdarstellerin Ariane Andereggen, die in ihren Versuchen der Frage nachgeht, 
"was geschieht, wenn eine Schauspielerin in die Rolle einer Künstlerin schlüpft, und dadurch versucht, diese untersuchbar zu machen. Diese Aneignung geschieht weniger über eine Identifikation mit der Künstlerperson, sondern eher über eine Neu-Einschreibung in das Methodenprogramm der Kunst des 20 Jahrhundert. Als ART-ACTOR überführt sie dabei Praktiken authentischer Kunstproduktion in ein selbstdefiniertes, experimentelles System, welches aus selbst auferlegten Regie- und Handlungsanweisungen besteht, mit welchen sie die Rolle eines Künstlers „performt“."

Donnerstag, 2. Februar 2012

Erlesener Kant an vergorener Meese, expressiv serviert.

Da nun die Originalität des Talents ein (aber nicht das einzige) wesentliche Stück vom Charakter des Genies ausmacht: so glauben seichte Köpfe, daß sie nicht besser zeigen können, sie wären aufblühende Genies, als wenn sie sich vom Schulzwange aller Regeln lossagen, und glauben, man paradiere besser auf einem kollerichten Pferde, als auf einem Schulpferde. [...] Wenn aber jemand sogar in Sachen der sorgfätigsten Vernunftuntersuchung wie ein Genie spricht und entscheidet, so ist es vollends lächerlich; man weiß nicht recht, ob man mehr über den Gaukler, der um sich so viel Dunst verbreitet, wobei man nichts deutlich beurteilen, aber umso mehr sich einbilden kann, oder mehr über das Publikum lachen soll, welches sich treuherzig einbildet, daß sein Unvermögen, das Meisterstück der Einsicht deutlich erkennen und fassen zu können, daher komme, weil ihm neue Wahrheiten in ganzen Massen zugeworfen werden, wogegen ihm das Detail [...] nur Stümperwerk zu sein scheint.
(Kant, Kritik der Urteilskraft, §47)

Ein etwas aktuelleres Meese-Portät findet sich hier.

Dienstag, 31. Januar 2012

Kant-Robinsonaden : Eine kleine Phänomenologie der Südsee-Sehnsucht


Nicht (oder doch zumindest nicht ausschließlich) als strenger logischer Deduktor, wachsamer Hüter der "Kaserne in ihrer metaphysischen Potenz" (Ball), sondern kants in der Rolle des aufmerksamen Weltmanns, mit allen sieben Wassern der Menschenkenntnis gewaschen, als aufmerksamer Phänomenologe der Sehnsucht nach Welt- und Menschenflucht zum einen, Bedürfnislosigkeit zum anderen, präsentiert sich das sonst vor allem ehrfurchtseinflößende Inselgenie IK in folgenden kurzen Textabschnitten:
Sich selbst genug sein, mithin Gesellschaft nicht bedürfen, ohne doch ungesellig zu sein, d.i. sie zu fliehen, ist etwas dem Erhabenen sich Näherndes, so wie jede Überhebung von Bedürfnissen. Dagegen ist Menschen zu fliehen, aus Misanthropie, weil man sie anfeindet, oder aus Anthropophobie (Menschenscheu), weil man sie als Feinde fürchtet, teils häßlich, teils verächtlich. Tatsächlich gibt es eine (sehr uneigentlich sogenannte) Misanthropie, wozu die Anlage sich mit dem Alter in vieler wohldenkender Menschen Gemüt einzufinden pflegt, welche zwar, was das Wohlwollen betrifft, philanthropisch genug ist, aber vom Wohlgefallen an Menschen durch eine lange traurige Erfahrung weit abgebracht ist: wovon der Hang zur Eingezogenheit, der phantastische Wunsch, auf einem entlegenen Landsitze, oder auch (bei jungen Personen) die erträumte Glückseligkeit auf einem der übrigen Welt unbekannten Eilande mit einer kleinen Familie seine Lebenszeit zubringen zu können, welche die Romanschreiber oder Dichter der Robinsonaden so gut zu nutzen wissen, Zeugnis gibt.
(Kritik der Urteilskraft, §29)  
Der dritte Wunsch, oder vielmehr die leere Sehnsucht (denn man ist sich bewusst, dass das Gewünschte uns niemals zu Teil werden kann) ist das Schattenbild des von Dichtern so gepriesenen goldenen Zeitalters: wo eine Entledigung von allem eingebildeten Bedürfnisse, das uns die Üppigkeit aufladet, sein soll, eine Genügsamkeit mit dem blossen Bedarf der Natur, eine durchgängige Gleichheit der Menschen, ein immerwährender Friede unter ihnen, mit einem Worte der reine Genuss eines sorgenfreien in Faulheit verträumten oder mit kindischem Spiel vertandelten Lebens; – eine Sehnsucht, die die Robinsone und die Reisen nach den Südseeinseln so reizend macht, überhaupt aber den Überdruss beweiset, den der denkende Mensch am zivilisierten Leben fühlt, wenn er dessen Wert lediglich im Genusse sucht, und das Gegengewicht der Faulheit dabei in Anschlag bringt, wenn etwa die Vernunft ihn erinnert, dem Leben durch Handlungen einen Wert zu geben. 
(Mutmasslicher Anfang der Menschengeschichte)
Dann aber:
Für sich allein würde ein verlassener Mensch auf einer wüsten Insel weder seine Hütte, noch sich selbst ausputzen, oder Blumen aufsuchen, noch weniger sie pflanzen, um sich damit auszuschmücken; sondern nur in Gesellschaft kommt es ihm ein, nicht bloß Mensch, sondern auch nach seiner Art ein feiner Mensch zu sein (der Anfang der Zivilisierung) [...].
(Kritik der Urteilskraft, §41)

Mittwoch, 4. Januar 2012

"Kleine" philosophische Metaphernkunde




Mehr Problemverfeinerung als Ergebnislieferantin, mehr erkenntnistheoretische Fahrschule ohne Fahrlehrer als Kraftmeierei mit Thesen -- die Philosophie ist keine positive Wissenschaft. Auch Schiffereimetaphern helfen da wenig weiter, suggerieren auch nur, dass irgendwas Stehendes, Haltendes, Tragendes am Ende der Mühe entstehen soll:
Es gibt keine tabula rasa. Wie Schiffer sind wir, die ihr Schiff auf offener See umbauen müssen, ohne es jemals in einem Dock zerlegen und aus besten Bestandteilen neu errichten zu können.
(Otto Neurath, “Protokollsätze”) 
Haus- und Baummetaphern nicht besser, auch wenn dabei gelegentlich Bescheidenheit markiert wird:
Freilich fand es sich, daß, ob wir zwar einen Turm im Sinne hatten, der bis an den Himmel reichen sollte, der Vorrat der Materialien doch nur zu einem Wohnhause zureichte, welches zu unseren Geschäften auf der Ebene der Erfahrung gerade geräumig und hoch genug war, sie zu übersehen; [...].
(Kant, KdrV, B 735)
So wird sorgsam Stein zu Stein gefügt und ein sicherer Bau errichtet, an dem jede folgende Generation weiterschaffen kann. 
(Carnap, Der logische Aufbau der Welt, xiv)
Jene Ausbildung muß endlich vollendet, und das uns bestimmte Wohnhaus fertig werden.
(Fichte, Die Bestimmung des Menschen)
Ganz anders natürlich Bewëgungs-, Fluss- und Richtungsmetaphern. Ziel der Philosophie ist hier nicht mehr Zustand, sonden -- wer altbacken-esoterischen Slang nicht verabscheut -- selbst "Weg": "der Fliege den Weg aus dem Fliegenglas zeigen" -- also nicht: Ankommen, sondern: "unterwegs zur Lösung" sein. Wenn Zustand allenfalls dynamisch.

Dann vielleicht lieber Geschmacksmetaphorik? Das Fragen ist die Bekömmlichkeit des Denkens; wer dagegen wild herumbehauptet verdirbt sich schnell den Magen. Oder auch einfacher: Philosophie ist Essig.

Mittwoch, 28. Dezember 2011

"Zwischen den Jahren": Ein kleiner Einblick in den Maschinenraum der Sinngenese


Mal wieder ein wenig zeitgenössische Kunst zum Ausspannen:



Denn aller Reichthum der [Einbildungskraft] bringt in ihrer gesetzlosen Freiheit nichts als Unsinn hervor.
(Kant, KdU)
Die Systeme können sich nur selbst und nur durch selbsterzeugte Strukturen determinieren. Aber es kann trotzdem zu massiven und wiederholten Irritationen kommen, die dann jeweils systemintern zu Informationen verarbeitet werden. Längerfristig gesehen erklärt sich somit die Strukturentwicklung durch die Dauerzufuhr von Irritationen aus bestimmten Quellen - und durch das Fehlen von Anstößen von Seiten anderer Umweltsegmente.
(Lu, Die Realität der Massenmedien)

Es mag »sinnlose« Irritationen geben, aber auch für sie werden sofort Sinnformen gesucht und gefunden. Andernfalls könnten sie weder erinnert noch für den Anschluß weiterer Operationen verwendet werden.
(Lu, Die Religion der Gesellschaft)