Die Neonleuchte

Ein Museum für moderne Kunst und Theorie

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Samstag, 5. Januar 2013

Das Defaszinations-Apriori der Theorie (und seine Negation)

[Re-Entry 07-20-12]
"Apo-Sitional" [@SG]
"Du verstehst es nicht. (Es ist Jazz.) Ich habe die Flows. (Und du nur ein Gefäß). Fang davon etwas auf und flieg auf und davon.
(In deinem mentalen Heißluftballon)"
(Retrogott/Hazenberg)
Nicht zugeben zu dürfen, was die eigene Motivation eigentlich ist. So tun müssen, als hätte sich alles auch von alleine genau so ergeben, wenn nur irgendeiner es einmal nüchtern und lange genug - analytisch! - in den Blick genommen hätte: Unter einem allgemeinen Neutralitätsgebot steht für gewöhnlich die Theorie. Wer doch offen gesteht, dass er in und durch seine Überlegungen emotiven Impulsen folgt, ihn möglicherweise hier etwas antreibt, was nicht seinerseits einfach abstrakt und nüchtern zu begründen wäre, macht sich dem gegenüber verdächtig. Neutral sei sie, die Theorie, ganz wie ihr großer, naturwissenschaftlicher Bruder. 
Die "theoretische Einstellung" meint die praktische Desinteressiertheit der Disposition gegenüber dem Thema der betätigten "Theoria". Die Neutralität im Sinne der Unbeteiligtheit des Theoretikers als eines Zuschauers ist für Husserl wesenhaft dem Eingestellt-Sein auf Wissen. So deutet diese knappe Erläuterung des Begriffs der "theoretischen Einstellung" auf ein grundlegendes Merkmal der wissenschaftlichen Untersuchung als Textgattung, d.i. auf die Verschwiegenheit der sie bewegenden Motivation.
(Jean Clam)
Wenn Theorie sich selbst präsentiert, so tut sie das also meist als von ihren Gegenständen defasziniert. Ihr Paradigma der Defaszination ist -- ihr Name hat es schon verraten -- der göttliche Blick, Sauron (der allerdings fast schon zu spezifisch aufmerksam), der "Blick von nirgendwo" (Thomas Nagel), Zeus, "als eine Art Pensionär im Absoluten" (Sloterdijk), der Welt souverän bei ihren Autoimmun-Verstrickungen zusehend, während die vielen kleinen selbstverwickelten und -faszinierten Ideologen sich gegenseitig "die Zähne ins eigene Fleisch" (Schopenhauer) schlagen. Der Theoretiker dagegen arbeitet, von den konkreten Bedrängnissen unberührt, thronend, schwebend [und was einem noch an Jovialitätsfiguren so einfällt] an ihn im Idealfall überdauernden Resultaten, die mit ihm nicht mehr zu tun haben als ihren "context of discovery" (Reichenbach).
Nur durch strenge Spezialisierung kann der wissenschaftliche Arbeiter tatsächlich das Vollgefühl, einmal und vielleicht nie wieder im Leben, sich zu eigen machen: hier habe ich etwas geleistet, was dauern wird.
(Max Weber)
Das Dauernde der Philosophie sind aber nicht ihre Antworten, ihr Dauerndes sind [das wird hier einfach behauptet; mit einem Kopf, Textkopf, versehen] die verschiedenen Weisen des faszinierten Fragens und Sagens. Wer von den Philosophen Positionen lernen will ("Herr H., Sie sind doch Philosoph, sagen Sie uns, wie sollen wir uns moralisch korrekt verhalten?"), hat nicht verstanden, dass die einzelnen Positionierungen nur vorübergehende Anhalte eines gerichteten Sagens und Fragens waren. 
Es gibt vielleicht so etwas wie die heisenbergsche Unschärferelation des Philosophierens, die darin besteht, dass man, wenn man den Ort einer philosophischen Positionierung in Erfahrung bringt, nichts mehr über den spezifischen Impuls aussagen kann, der diese Positionierung eigentlich trägt, ihr als Impuls- und Bewegungsmasse im Nacken sitzt. Die Philosophie verkauft aber keine mentalen Immobilien sondern bietet Richtungen und Geschwindigkeiten, vielleicht sogar Vehikel des Sagens und Fragens an, Methoden, denen sie -- jeweils verschieden -- selbst folgt; und dabei dieses Bewegtsein fasziniert präsentiert.
Die Faszination spielt hier insofern eine gewichtige Rolle, weil sie den Bewegungssinn, die Richtung der Bewegtheit vorgibt, auf der sich ein Denken jeweils bewegt. Hier hat man es überhaupt nicht mit "Ideologien" zu tun, weil Ideologien Selbsteinmauerungen in positionale Gefäße bedeuten. Das faszinierte Denken besitzt dagegen (nur) eine Gerichtetheit, Es tut Es nicht für "cash und fame" (D-Flame), sondern weil Es ihm So am interessantesten erscheint -- und ist dabei a-positional, transitorisch:   
Es käme darauf an, dem "Standpunktdenken", das vergeblich nach dem richtigen (proletarischen, konservativen, liberalen) Standort fragt, abzusagen, und Rationalität in der Struktur der Theorie anzusiedeln: Im Verhältnis des Aussagesubjekts zu seinen semantischen und narrativen Verfahren. [...]
Das Engagement als solches sollte [...] keineswegs unterdrückt, sondern als angebracht erkannt und anerkannt werden: solange es nicht in Ideologisierung umschlägt und die theoretische Reflexion lähmt.
(Peter V. Zima, Was ist Theorie?)
Das wäre eine Theorie, die ihre eigenen Fasziniertheit offen bekennt und bekennend auch verkörpert, eine "Art Wissenschaft, die von Fans betrieben wird" und die das "eigene Fasziniertsein nicht ideologisch ausblendet, sondern heuristisch fruchtbar macht".

(Diedrich Diederichsen, zitiert nach Eckhard Schumacher, Existenzielles Besserwissen, in: Dilettantismus als Beruf). 
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Labels: Diedrich Diederichsen, Jean Clam, Philosophie, Reichenbach, Retrogott, Schopenhauer, Schumacher, Wissenschaft

Samstag, 4. August 2012

Schielen lernen mit den "magischen >>Augen" der Wunderwelt<< - Mythopoietisch-pathetische Perspektiven


"Aber mein place-to-be ist utopisch" (Retrogott)

"Nicht als Untergrabender, sondern als Ebnender versteht sich
Kant: nicht als Maulwurf, sondern als Planierraupe."
(Krell, Der Maulwurf)

Hypotope (Foto: cc by-nc-nd Bruno Monginoux)
Wer die sichernden Gründe verlässt gerät in instabile Bezirke. >Hier< kann es von Vorteil sein, mit Ohren zu sehen um mit Augen zu hören. "Ist es wirklich so traurig und gefährlich, daß die Augen nicht mehr sehen wollen, die Lungen nicht mehr atmen, die Sprache nicht mehr sprechen...?" (Deleuze/Guattari) Das Lösen der Griffe auf der Suche nach klügeren Stricken führt Schritt für Schritt vom Be- ins Un- und Unter-griffliche zurück (!?). >Zwischen< "Nacheinander" und "Nebeneinander" ("Schließ deine Augen und schau! [...] Fünf, sechs: das Nacheinander. Genau: und das ist die unausweichliche Modalität des Hörbaren. Öffne deine Augen. Nein. Jesus! Wenn ich von einem Felsen fiele, der in die See nickt über seinen Fuß, ich fiele unausweichlich durch das Nebeneinander." - Joyce) scheinen vage Orte auf, Zwischen-Orte, Bei- und Vor-Orte, hypotopische, atlantische Aufenthalte. >Was< macht hier noch Unterschiede? "Wo sind wir...?", will man fragen und spürt, dass das alte "Wo" >von hier aus< schon nicht mehr zu sehen ist, statt "Ich" oder "Wir" würde >man< lieber "Es" sagen (Lichtenberg); aber selbst >da< regt sich schon wieder leise aber distinkt ungutes Gefühl.
Es ist nicht unmöglich, sich mit einem solchen kybernetischen Denken auseinanderzusetzen, aber das verlangt einen elementaren Wechsel der Ebenen: von Land zu Meer, - und damit ändern sich auch alle anderen Bedingungen und wir benötigen auf einmal eine andere Aufmerksamkeit, einen überraschend beweglich gewordenen Verstand. Ja, wir müssen uns hier ganz anders als zuvor "aufs Spiel setzen". Immer in der Gefahr das Wesentliche aus den Augen zu verlieren: "Thalassa", die "kleinste Kluft", das, wo alles vor sich geht (d. h. auch, noch einmal: den stummen Hintergrund der Schrift, der manchmal laut wird, durch den auch Stürme fegen); immer in der Gefahr, dass wir dann irgendwo stranden (und notgedrungen unser Lager aufschlagen: wieder einen Standpunkt beziehen...), dass unsere Klugheit nicht ausreicht und wir Schiffbruch erleiden; dass wir die falschen Routen wählen, oder unsere Fesseln zu locker sind: es gibt tausend Gründe unzeitig und spurlos im Offenen zu verschwinden.
(Anonym)
Deshalb ist überall Vorsicht geboten. >Wir< brauchen neben klugen Fesseln Proviant, aber brauchen >wir< auch und wie Navigation. Tasten >>wir<< >uns< nicht mit "Flimmerhaaren" (Benn) an kleinsten salomaimonischen "Differentialen" entlang. Vielleicht kommen >wir< dabei auch gar nicht umhin, die >falschen< Routen zu wählen, aber die Frage bleibt, woher >wir< und wie und wann wissen, dass es >falsche< Routen waren. Wie weit ins Offene sollten >wir< >>uns<< bewegen, sind wir überhaupt schon ins Offene geraten. Wünschen >wir< uns denn noch, dass Gründe tragen:
Sokrates war, meine Herren, kein gemeiner Kunstrichter. Er unterschied in den Schriften des Heraklitus, dasjenige, was er nicht verstand, von dem, was er darin verstand, und that eine sehr billige und bescheidene Vermuthung von dem Verständlichen auf das Unverständliche. Bey dieser Gelegenheit redete Sokrates von Lesern, welche schwimmen könnten. Ein Zusammenfluß von Ideen und Empfindungen in jener lebenden Elegie vom Philosophen machte desselben Sätze vielleicht zu einer Menge kleiner Inseln, zu deren Gemeinschaft Brücken und Fähren der Methode fehlten.
(Hamann, Sokratische Denkwürdigkeiten)
Wenn Medien trügen und Behälter beinhielten -- wenn Sprache mehr Boot als "Haus" (Hdg//KKS), mehr Wasser als Boden wäre. Schwimmen oder tauchen wir. Müssten wir nicht mit Flüssigkeiten zu sprechen lernen: "Du sagst, Du hast Flows, aber das ist nur Kondenswasser." (Retrogott) "Meine Flows sind wie Wein. Du dagegen bist unreif. Du bist zu steif für tighte Rapflows." (Taktloss) Wo hielten wir uns auf. In Dunkel-, "in denen man erst nach längerer Eingewöhnung etwas sieht" (Luhmann), oder Wunderkammern: "Wenn uns ein Engel einmal aus seiner Philosophie erzählte, ich glaube es müßten wohl manche Sätze so klingen als wie 2 mal 2 ist 13." (Lichtenberg). >Was< wollen >>wir<< hier noch unterscheiden. >Was< unterscheidet >>uns<<. Kein Kybernet geht über Wasser - eher noch durchschwimmt _sie_ mit offenen Augen die Gründe: viel schmerzhafte Unterschiede, >Stille der Schattenwelt<, mit "embryonischen" Maulwurfsaugen (Schopenhauer).
Denn, von ihr [der Theorie] wird, zum Skandal der Philosophie, nicht selten vorgeschützt, dass, was in ihr richtig sein mag, doch für die Praxis ungültig sei: und zwar in einem vornehmen wegwerfenden Ton, voll Anmassung, die Vernunft selbst in dem, worin sie ihre höchste Ehre setzt, durch Erfahrung reformieren zu wollen; und in einem Weisheitsdünkel, mit Maulwurfsaugen, die auf die letztere geheftet sind, weiter und sicherer sehen zu können, als mit Augen, welche einem Wesen zu Teil geworden, das aufrecht zu stehen und den Himmel anzuschauen gemacht war.
(Kant)
Wer hier "sehen lernen" möchte - nicht "weiter und sicherer", mit neuer "Kurzsichtigkeit" - sollte sicher sein, dass er dafür ausreichend gewappnet ist. Sich mit >Klugheit< ("Habt ihr auch genug Klugheit walten lassen? Nicht etwa Weisheit, sondern Klugheit als Dosis, als innere Regel des Experimentierens: Injektionen von Klugheit." "...man braucht kleine Rationen von Subjektivität..." - Deleuze/Guattari) an unerhörte Blicke gewöhnen. "Man muss noch...", ja, was muss man eigentlich noch genau:
Ich halte auch keinen Kompromiß für möglich, denn er würde dieselben Probleme aufwerfen wie ein Kompromiß zwischen der Ente und dem Hasen in dem bekannten Gestaltwandel-Bild. Die meisten Menschen können zwar ohne weiteres einmal die Ente und einmal den Hasen sehen, doch einen Entenhasen wird man mit noch so viel Übung und Anstrengung nicht erzeugen können.
(Thomas Kuhn)
(Entenhausen)
Mit Maulwurfsaugen Entenhasen UND Hasenenten sehen lernen: "Die Paradoxie lässt den Beobachter oszillieren, nämlich ganz kurzzeitig (aber immerhin: kurzzeitig) zwischen der einen Feststellung und ihrem Gegenteil pendeln." (Luhmann) Und wenn wir nun die Bildrate der Oszillation erhöhen, bis beides auf einmal sichtbar würde, müsste sie nicht als stehende Bewegung in den Blick geraten. Und bewegt sie sich denn nicht.
36 Kommentare:
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Labels: Deleuze, Hamann, Heidegger, Hölderlin, Kant, Lichtenberg, Luhmann, Philosophie, Retrogott, Schopenhauer, Taktloss, Thomas Kuhn

Montag, 21. Mai 2012

Ein Ausweg aus dem Selbstverwertungsdilemma? Alternativen zwischen Selbstunterdrückung und Selbstverkleinerung

[RP 20.11.11]
"Das Rennen beginnt, doch ich bleib´ stehen, wenn ihr loslauft" (Retrogott)
Wer für Selbstaneignung eintritt, der muss damit rechnen, dass die ewigen Kritiker der Verwertung ihn mit der Frage zu provozieren versuchen, ob sein Engagement für Engagement nicht letztlich einem liberal-ökonomischen Impuls verpflichtet bleibt, der den Einzelnen heimlich - und mit der dazu nötigen List der Vernunft - zu einem kalkulierenden Verwerter seiner Lebenschancen und -appetite umzuqualifizieren versucht. Das mag natürlich sein. Aber wie sähe denn die Alternative aus? Aktive Selbstverunmöglichung?
Mit aller mir zu Gebote stehenden Leidenschaft bin ich bemüht, mir gewisse Wege und Möglichkeiten (so z.B. Karriere, Erfolg, eine bürgerliche Existenz u. dgl.) völlig und für alle Zeit zu verlegen. Mein gegenwärtiges Leben ist dazu angetan, mich in dieser Absicht kräftig zu unterstützen. Von Zeit zu Zeit, wenn die verdächtige "Harmonie" meiner Natur sich durchringt, wittere ich Unrat und bin instinktiv bemüht, irgendeine Torheit, einen Fehltritt, einen Verstoß zu begehen, um mich vor mir selbst wieder herunterzubringen. Ich darf gewisse Talente und Fähigkeiten nicht aufkommen lassen. Mein höheres Gewissen, meine Einsicht verbieten mir das.
(Hugo Ball, Die Flucht aus der Zeit)
Anderen Alternativen jedenfalls fehlt häufig scheinbar der nötige Schneid. Irgendwo irgendwie dazwischen sich einrichten: "das ist doch nicht radikal genug". Die Gesamtverhältnisse müssen auf jeden Fall ganz und von Grund auf -- von wo ganz anders her -- geändert werden.

Der Totalitarismus der Kritik duldet kein "Dazwischen" und keinen "Kompromiss", er will Revolution, keine Reform. Seine regressive Trotzigkeit verbirgt er dabei geschickt hinter der scheinbaren Selbstverständlichkeit des "Ganz oder gar nicht". Allerdings kommt diese verständliche Sehnsucht nach der absoluten Alternative über die radikalistische Geste und den mit ihr verbundenen moralischen Fingerzeig auf die vermeintlichen "Kollaborateure des falschen Lebens" selten hinaus. Sie übersieht, dass "totale Kritik" und "Weitermachen" sich gegenseitig immer schon ausgeschlossen haben. Wer "alles das hier" so kritisiert möchte, der wird sich "in diesem Leben" schwer damit tun, sich am System nicht die Finger schmutzig zu machen oder schlichtweg zu sich selbst in unbequemen, offenen oder latenten Widerspruch zu treten.
Falsches Ziel gewählt?
"No matter. Try again. Fail better"
(Cyberdees, CC BY-NC-SA 2.0)
Gibt es andere Formen des Umgangs mit der unternehmerischen Anrufung [...]? Wie könnten Alternativen zu Enthusiasmus, Ironie und Melancholie aussehen? Eine pragmatische Gelassenheit vielleicht, die weder glorifiziert noch dämonisiert, der die hochgetunte Selbstmobilisierung des Enthusiasten so fern liegt wie die angestrengte Selbstdistanzierung des Ironikers oder die behagliche Selbstgewissheit des Dagegenseins, die der Melancholiker kultiviert. [...] Eine taktische Klugheit, welche die Listen der Simulation, des Abtauchens und des détournement beherrscht und den Aktivierungsfuror der Förderer und Forderer ins Leere laufen lässt.
(Bröckling, Enthusiasten, Ironiker, Melancholiker)
Eine Frage der klugen Wahl der Ziele, für die man sich wirklich engagieren (lassen) will. Die wird gerade in Strukturen akut, die eigene Ambitionen und Eitelkeiten bewusst provozieren, Angebote zur eigenen Verausgabung mit dem leisen Versprechen verbinden, man könnte - Überverausgabung fröhlich in Kauf nehmend - bald schon zu den wenigen glücklich Auserwählten zählen, oder zumindest die Leiter des symbolischen Kapitals ein signifikantes Stück nach oben klettern. Aber möglicherweise ist das alles auch noch eine Spur zu ernst:
Fuest: Das Pathos, die Larmoyanz, all das, was die Melancholie ausmacht, das hat man naturgemäß zu korrigieren über den Witz. Sich selbst ernst nehmen ist die größte Katastrophe, die man sich leisten kann im Leben. Daran krankt ja die halbe Welt.
[...]
TAZ: Woran glauben Sie dann?
Fuest: Ich glaube an die Wirksamkeit in mikropolitischer und mikroethischer Hinsicht. Und dass sich die nur erzeugen lässt im Dialog, im Gespräch, in kleinen Gruppen. [...] Werdet, die ihr seid, werdet Zwerge!
TAZ: Ist das nicht ein Rückzug?
Fuest: Nein, ein Auszug. Die Zwerge, das sind in den Mythen die Ausgewanderten. Die Zwerge sind diejenigen, die weggegangen sind, weil die Menschen zu laut waren, zu habgierig, zu hässlich und zu tölpelhaft. Und es sind die, die unterirdisch wühlen, an den Wurzeln graben. 
(Leonhard Fuest über Melancholie und Utopie in der TAZ)
1 Kommentar:
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Labels: Adorno, Beckett, Deleuze, Heidegger, Hugo Ball, Ironie, Lebens-Kunst-Nischen, Nietzsche, Philosophie, Retrogott, Sloterdijk

Donnerstag, 3. Mai 2012

Beschleunigung -- "entweder" und "oder", oder aber "auch".

("Die Maschine läuft auf Hochturing"; Lizenz: CC BY-SA 3.0)
So oder so muss man sich entscheiden. Mit irgendwas anfangen, damit irgendwas anderes ausgeschlossen wird. Schneller als erwartet akkumuliert sich Geschichte, macht das System träge, erzeugt Ruckel-Effekte, verhindert im Einzelfall Akzeleration, lässt das System hinter andere (aber welche?) zurückfallen und sich demotiviert in Trägheit einrichten. Die erste Initiative lässt nächste Schritte folgen, auf die Erwartungen Anderer folgen, die sich wechselseitig zu einem limitierend-limitierten Spielraum von Systemmöglichkeit verdichten: Sind ihm Witze erlaubt? Darf es in seinen Kontexten beleidigt sein? Lässt man ihm Unhöflichkeit durchgehen? 
Es ist die Bewältigung dieser Kontingenz, die das System in die Richtung von Individualität spezifiziert. Wenn das System sich konform einstellt, gewinnt es Individualität, weil es nicht abweicht. Wenn es abweicht, gewinnt es Individualität, weil es sich nicht konform verhält. Beide Haltungen können sich bewähren und durch positiven feedback verstärkt werden. Wie typisch für Bifurkationen, kann das zur Akkumulation einer Geschichte führen, die sich entweder auf der Bahn der Konformität oder auf der Bahn der Abweichung akkumuliert und mit der Last ihrer Bewährungen radikale Änderungen erschwert. Die Option für die eine oder andere Seite kann nach Sachgebieten des Erwartens differenziert werden, etwa nach dem Muster: beruflich erfolgreich, aber drogenabhängig; in der Schule ein völliger Versager, aber im Leben bewährt; ein glänzender Verführer und Liebhaber, aber hin und wieder im Gefängnis; oder zwar ehrlich, aber doof. 
(Luhmann, Die Autopoiesis des Bewusstseins)
Die Lore läuft -- während das System sich ins Netz dessen verstrickt, was es schon getan hat, das andere so oder ähnlich auch wieder von ihm erwarten. Ein "sich selbst limitierender Kontext" (Soziale Systeme), der ohne kompletten Milieu-Wechsel durch Umzüge oder Urlaube nur unter großem Kraftaufwand aus den routinisierten Erwartungs-Erwartungen ausbrechen kann.
Nicht zufällig haben schon frühe Soziologen beobachten können, daß der unvertraute Fremde mehr Freiheit genießt und unbefangener agieren kann. Wer länger am Platze ist, schon bekannt ist, vertraut hat und Vertrauen genießt, ist eben dadurch mit seiner Selbstdarstellung in ein durch ihn miterzeugtes Gewebe von Normen verstrickt, aus dem er sich nicht zurückziehen kann, ohne Teile seines Selbst zurückzulassen -- es sei denn, daß er ganz von der Szene verschwindet und nur die Illusion hinterläßt, daß er anderswo derselbe bleibt. 
(Luhmann, Vertrauen)
Die Frage ist dann, wie und ob oder überhaupt nicht sich das System zum unerwarteten System verdichten, beschleunigen oder flexibilisieren lässt, ohne sich dabei einfach aufzulösen. Nicht nur Chaos muss man noch in sich haben:
Man muß genügend Organismus bewahren, damit er sich bei jeder Morgendämmerung neugestalten kann; und man braucht kleine Vorräte an Signifikanz und Interpretation, man muß auf sie aufpassen, auch um sie ihrem eigenen System entgegenzusetzen, wenn die Umstände es verlangen, wenn Dinge, Personen, oder sogar Situationen euch dazu zwingen; man braucht kleine Rationen von Subjektivität, man muß so viel davon aufheben, daß man auf die herrschende Realität antworten kann.
(Deleuze/Guattari, Tausend Plateaus)
Das System kann Erwartungen zu unterwandern versuchen, sich auf einmal anders verhalten, den Überraschenden, Spontanen geben, muss dann aber aufpassen, nicht wieder einfach als "Erwartungen unterwandernd" erwartet zu werden:
Und da Provokation sich nicht wiederholen läßt, muß man immer neue Provokationen ersinnen, bis ein Zustand der Gewöhnung eintritt mit der Folge, daß die Gesellschaft sich durch Provokationen nicht mehr provozieren läßt.
(Luhmann, Die Kunst der Gesellschaft)
[Re-Entry 9.12.11]
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Samstag, 28. April 2012

Kultur(gegen)Revolution - Retrogott(gegen)Meese

"Aber mein place-to-be ist utopisch" (Retrogott)
[Eine kleine Ergänzung zu "Zwischen Reform und Revolution":] Die Kultur(gegen)Revolution fängt nicht irgendwo da vorne an. Als das Andere schlechthin beginnt sie immer nur zu spät, um dann trotzdem noch auf sich warten zu lassen. Als bloß nur erwartbar Unerwartetes, Nichtplanbares, letzter und erster Metahack, Selbstüberlistung eines träumenden Genies, ist sie nur an Gabe und Gunst gebunden, Selbsteröffnung ihrer selbst, ihr eigener Anfang- und Schlussverkauf.  Einfall des Anderen als Anderes. Ereignis.

Zwei Versuche über DAS als K(g)R:

1. Die spektakuläre Variante:
Man muss nur abwarten und dann wird alles sich fügen, wie es sich zu fügen hat, und das ist natürlich immer revolutionär, besonders, wenn wir dieser Revolution nichts in den Weg stellen. Aufzuhalten ist sie eh nicht, es dauert dann halt nur länger und das ist einfach sehr langweilig, weil ja was Grundsätzliches passieren muss. Und das, was grundsätzlich passiert, fußt natürlich auf Begriffen wie Dilettantismus, Kindergeburtstag feiern, albern sein. Wie bei allen Großrevolutionen und Großrevolutionären war es immer so, dass die Leute gespielt haben wie Kinder und auf eine Expedition gegangen sind, wo eigentlich die Rückkehrchancen gleich null waren.
(Meese, Totalrevolution de Stunki)
2. Die subkulturelle Variante:


Dergegenrvolutionaer / beim täglichen Selbstverzehr / die Stützbalken der Konstruktion stellen sich quer / Ich handel nicht fair / Die Säulen des Chaos stehen stabil / Immer die selben Geschichten über das Meer / Die Welt ist eine Scheibe: / Hörst du nicht das Rauschen? / Gott ist für die da / die ihn brauchen / und das Geld ist für die da, die etwas mit ihm kaufen / Wer lässt sich mit dem letzten Wassertropfen taufen / der ihn vor dem Austrocknen zu retten vermag? / Fragen mit der kommunikativen Kraft von einem Schlag / stehen im Raum / wie ein Riese auf Stelzen / dass Antworten sie zerschmettern geschieht selten / doch viele Höhenflüge enden in Felsen / und Goldketten verheddern sich in Gebirgsketten / Er wäre frei, wenn sie ihn nicht vor seinem letzten Atemzug erwürgt hätten

Dergegenrevolutionaer / hat keine Kinder, die er essen könnte / Von allen Dingen, über die ich rappen könnte, ist mir ausgerechnet nichts eingefallen / und ich meine nicht das Nichts, sondern nichts. 2x
Dergegen..dergegen..hat keine Kinder..
Die letzte Wahrheit sprechen nur falsche Zungen aus / sie ist keine Hure, aber hält Jahrhunderte lang Vergewaltigungen aus.
(Retrogott)
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Samstag, 7. April 2012

"Urheber, echt!?" - Herausforderung durch multiplizierbare Ware


"Du bist nicht Original wie eine Fotokopie"
"I don´t blame someone for being a copycat. I´m a copycat aswell, we all are." 
"Du bist der Auffassung, dass dir die Musik gehört. Ich habe immer nur Musik gehört."
 Retrogott

Vorweg: Der folgende Versuch entspringt einem kritischen Impuls: Er soll vor allem dazu dienen, in der Debatte oft als Selbstverständlichketien suggerierte Behauptungen zu "ent-sichern" [wie gedankliche Wegfahrsperren], um ihnen ihre Mobilität zurückzugeben.

Wem gehören meine Gedanken?

"Meins!" -- Landnahme oder Urhebe?
Urheberrecht setzt voraus, dass es einen Urheber gibt, einen, der das Werk zuerst [wie einen Schatz] gehoben, der sein Urbild hergestellt hat: Im Werk des genialischen Künstlers, dessen auratischer  Wert am Original haftet, findet sich diese Idee des Urhebers idealtypisch verwirklicht. Hier wird nicht kopiert, sondern originär geschaffen.
Wie ist es aber mit der menschlichen Kunst? Durch die Baukunst etwa, so könnte man doch sagen, bringt sie das Haus selbst hervor, durch die Malerei aber ein anderes Haus, so etwas wie ein von Menschen erzeugtes Traumbild für Wachende.
(Platon, Sophistes) 
Allerdings hat Kant, der die genieästhetische Tradition wesentlich (als einer ihrer Urheber) mitgeprägt hat, das Genie selbst als "Naturgabe" interpretiert, sodass nicht eigentlich das Genie, sondern die Natur Urheber seiner Werke wäre; die allerdings könnte ihre Urheberschaft nur schwer selbst rechtlich verwerten (--> Patente auf pflanzliche Wirkstoffe). Wenn Künstler nun den Besitz an den Produkten ihre Köpfe einklagen -- wobei zu überlegen bleibt, ob der Kopf hier wirklich die richtige Zurechnungsadresse ist, "denn wenngleich die meisten Menschen das Denken im Kopfe zu fühlen glauben, so ist das doch bloss ein Fehler der Subreption [heute: der Erschleichen von Leistungen], nämlich das Urteil über die Ursache der Empfindung an einem gewissen Orte (des Gehirns) für die Empfindung der Ursache an diesem Orte zu nehmen" (Kant in einem Brief an Sömmering, 1795) -- scheinen sie vorauszusetzen, dass die eigenen Ideen natürlicherweise einen privaten Besitz darstellen (und nicht etwa ein "Besitz" der Menschheitsgeschichte o.ä.). 

Aber gehören "meine" Gedanken denn "mir"? Bin "ich" denn ihr Urheber? Und was würde das genau bedeuten? Dass "ich" "meine Gedanken" gewissermaßen intentional in mich hineindenke? Ich müsste dann meine Gedanken (die Idee einer Melodie, ein neues Wort, den nächsten Vers für ein innovatives politisches Gedicht) schon "haben", bevor ich sie habe, um sie mir dann selbst einfallen zu lassen. Einfälle zeichnen sich nun aber gerade dadurch aus, dass sie eher zu einem kommen, als dass man sie in sich selbst hereinbringt. Der Einfall fällt eben ein, er-eignet sich [oha, Todtnauberg]. ("Ideas come to us. We don´t really create an idea. We just catch them -- like fish. No chef ever takes credit for making the fish. It´s just preparing the fish." -- Lynch). Ist er aber damit schon mein Eigentum? Gerade so, wie ein Eroberer meint, dass ihm das Land gehöre, dass er "zuerst" betritt? ("Der war zuerst bei mir! Mein Kopf! Mein Gedanke!") Und woher weiß ich, dass ein Gedanke zuerst bei mir war? Dass es nicht die Tradition, bisherige Lektüre, Filmkenntnis, die eigene Umgebung usw. war, aus der der Einfall kam? Wie dem auch sei -- Urheberschaft ist keine natürliche Tatsache.

Als soziales Phänomen ist Urheberschaft eher eine Frage der Zurechnung. Natürlich kann man, ähnlich wie in der Diskussion um die Willensfreiheit ("Wer ist der Autor meiner Handlungen?" - Mein Gehirn? Hormone? "Ich selbst" am Ende?), Urheberrschaft dekonstruieren. Sie wird dann, ganz wie die Frage nach der Zuschreibbarkeit von Verantwortung bei Strafttaten, eine Frage der Grenzziehungen und der Definitionen, ist wie diese dann Gegenstand sozialer Aushandlung. Urheber zu sein bedeutet dann nur: das Subjekt der rechtlich legitimen Zuschreibung von Urheberschaft zu sein. Und das wird hoffentlich auch so bleiben, die Frage ist nur: Unter welchen Bedingungen?

Aneignung ohne Enteignung - Multiplizierbare Ware

("Datenhighway" - Raubdruck und frz..Rev.)
Gedanken sind natürlich noch keine Werke, müssen erst zu solchen gemacht werden -- wie bei der Produktion von anderen Gütern auch. Nachdem die Künstler nun dazu übergegangen waren, nicht mehr Geschichten ohne klaren Urheber als Sänger oder Erzähler durch die Generationen abwandelnd zu tradieren, konnte der Künstler, der jetzt Originale produzierte, seine Originale auch als Originale vermarkten. Die von ihm urgehobenen Werke besaßen dabei gewissermaßen einen natürlichen Kopierschutz, sofern sie eben nicht als Originale kopiert werden konnten. Die Möglichkeit, Werke technisch zu reproduzieren, schien dann -- so mutmaßte zumindest Walter Benjamin -- dazu zu führen, dass die Originale schrittweise ihre auratischen Qualitäten verloren. Im Zeitalter ihrer digitalen Reproduzierbarkeit scheinen Werke nun nicht mehr nur technisch reproduzierbar, sondern verlustfrei multiplizierbar zu werden. Auf sie scheint mit einemmal zuzutreffen, was Luhmann einmal über die Kommunikation bemerkte: dass bei ihr
[...] nichts weggegeben wird. Derjenige, der etwas mitteilt, verliert sein Wissen sozusagen nicht aus dem Kopf, es ist also nicht so wie ein ökonomischer Vorgang, wo man, wenn man gezahlt hat, das Geld hinterher nicht mehr hat oder das Ding, was man überträgt, nicht mehr besitzt, sondern es ist ein Vorgang, der offenbar multiplikativ wirkt. Erst hat es nur einer und dann wissen es zwei oder mehr oder hunderte oder millionen oder mehr; je nachdem, an welches Netzwerk wir hier jetzt denken.
(Luhmann, Einführung in die Systemtheorie, MC13A, Kommunikation)
Kopie ist also Aneignung ohne Enteignung. Das kopierte wird nicht entwendet, sondern "bloß" unerlaubt vervielfacht. Die Möglichkeit ihrer digitalen Reproduktion erhöhte dabei auch die Reichweite der Werke. Was früher noch an körperliche Präsenz und Aufführung gekoppelt war, ließ sich jetzt beliebig oft reproduzieren und damit auch beliebig weit verbreiten. Das hat dazu geführt, dass erfolgreiche Künstler unwahrscheinlichste Verbreitungsweiten erreichen, und, solange die technische Reproduktion ihrer Werke für Laien noch verhältnismäßig aufwendig war, erstaunliche Verkaufszahlen erzielen konnten. Einmaliger Produktion stand potentiell beliebige Vervielfältigung gegenüber -- eine äußerst unwahrscheinliche Ware.

Heute erscheint es mehr als deutlich, dass mit den verlustfrei multiplizierbaren Waren eine neue Sorte von "Gegenständen" das Licht der Welt erblickt hat. Und es wird schwierig werden, durch künstliche Restriktionen (z.B. Kopierschutz) die Eigenschaften der "alten" Gegenstandswaren (vor allem: die strenge Korrelation von Übertragung und Enteignung) auf multiplizierbare Waren zu übertragen (das gilt allerdings auch schon für öffentliche Rezitation von Gedichten oder Liedern, für Kommunikation). Dateien sind keine in der Festplattengarage parkenden Informationsautomobile. Ihre Multiplizierbarkeit kann eine Chance sein, jedenfalls wird sie sich kaum verhindern lassen, das erfordert auch ein neues Verständnis der Möglichkeiten ihres Vertriebs: 

[via autopoiet]
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Labels: Benjamin, Kant, Kunst, Kunst und Theorie nach der Abklärung, Luhmann, Lynch, Musik, Platon, Retrogott, Wirtschaft

Montag, 30. Januar 2012

Üpsielohns moderne Lyrik-Kiste VIII: Retrogott @ Denken Schenken


Moderne Lyrik aus dem Rap-Feinkostladen:



Retrogott über seinen pädagogischen Elan: "Ich durchbreche durch schlechte geschmacklose Worte starre Horizonte, die ich in Köpfen verorte." (Der Zug endet hier)

Denken Schenken
„This is going out to..“

..Kain und Abel / Ihr wart wohl beide Idioten / aber Nachdenken ist in diesen Zeiten verboten / Deshalb bleibt Brudermord / die einzige Option / Konkurrenz ausschalten für den väterlichen Thron / Ich verbanne die Welt ins Battlerap-Mikrofon / Güterzüge erinnern mich an Deportation / Aber Genozide sind in Rapmusik meistens nur die Grundlage einer krassen Metapher / Du bist played out wie eine Waffenmetapher / Deutscher Rap ist eine riesengroße Affenmetapher / Wir arbeiten täglich an ei´m modernen Nationalbewusstsein / Unsere erste Maxime: / „Irgendwann muss auch mal Schluss sein!“ / Der Zustand der Zugabteile ist für mich eine Offenbarung / über deutsche Demokratiebewahrung / Alle reden modernerweise über "Deutsche" und "Kanacken" / Dicke Luft geht über Beatmungsschläuche in den Rachen / Verkauf deine Drogen / Verkauf deine Seele / Verkauf deine Musik / Verkauf deinen Körper / Verkauf deine Freundin / Verkauf deine Eltern / Verkauf nicht nur dich sondern auch andere Menschen / Das typische Opfer erfordert kein Mitleid / mach es kaputt bis es sein wahres Gesicht zeigt / Auge um Auge und / Zahn um Zahn / Ich bin weder Optiker noch Zahnarzt / und am Ende / ist doch kein Gesicht da / Ich wander´ durch die Dunkelheit / ein ganzes Lichtjahr / Für dich ist meine Weltanschauung zu abstrakt: / „Du Hurensohn, du...du Hurensohn..“

Ich dachte Hip Hop sei anders, ihr habt mich´n bisschen enttäuscht / Ich dachte Hip Hop sei anders, ihr habt mich´n bisschen enttäuscht / „Ich dachte Hip Hop sei anders, ihr habt mich´n bisschen enttäuscht“ (Torch)

..ich dachte. Aber egal, ich mach mir mein´ eigenen / Hip Hop / Ich muss keine Zeit gewinn´ / Unsere Gesellschaft beruht auf Gewinn [winn] / also auf dem Verlust der Anderen [rinn] / Im Kampf gegen dich selbst musst du dich selbst besiegen / also verlier´n (Platon) / Ich fühle mich zu nichts berufen sondern beschwiegen / also muss ich reden / um dagegen anzugehen / Ich seh´ wie der Hass der Ig/noranz die Hand reicht (Stieber Twins) / wie man schwar/ze Musik mit weißer Farbe anstreicht / Ich schreibe mein Buch / ohne Buchhalter / kreativ wie Foltermethoden im Mittelalter / Ich töte die Wackness / „Mic Check: Eins, Zwei“ / bin strenger als die iranische Sittenpolizei / Verabscheue die Werte der westlichen Welt / um bekämpfe sie mit wertvollem westlichen Geld / Das ist widersprüchlich? / Soll es auch sein / Du legst dich hin, denn du stellst dir ein Bein / Wack-MCs mögen jetzt meine Raps und Beats / aber ihr bleibt immer noch Wack-MCs

"Ich dachte Hip Hop sei anders, ihr habt mich´n bisschen enttäuscht." (4x)

..aber auch nur ein bisschen.
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Donnerstag, 19. Januar 2012

Retrogott bereitet mit Platon einen frühromantischen Vorabend vor..



Shoutouts von Hölderlin und dem Philogott:
Urtheil. ist im höchsten und strengsten Sinne die ursprüngliche Trennung des in der intellectualen Anschauung innigst vereinigten Objects und Subjects, diejenige Trennung, wodurch erst Object und Subject möglich wird, die Ur=Theilung.
(Hölderlin, Urtheil und Seyn, 1795)
Unsere ehemalige Naturbeschaffenheit nämlich war nicht dieselbe wie jetzt, sondern von ganz anderer Art. Denn zunächst gab es damals drei Geschlechter [...]. Ferner war damals die ganze Gestalt jedes Menschen rund, indem Rücken und Seiten im Kreise herumliefen, und ein jeder hatte vier Hände und ebenso viele Füße und zwei einander durchaus ähnliche Gesichter auf einem rings herumgehenden Nacken, zu den beiden nach der entgegengesetzten Seite von einander stehenden Gesichtern aber einen gemeinschaftlichen Kopf, ferner vier Ohren und zwei Schamteile, und so alles übrige, wie man es sich hiernach wohl vorstellen kann. Man ging aber nicht nur aufrecht wie jetzt, nach welcher Seite man wollte: sondern, wenn man recht schnell fortzukommen beabsichtigte, dann bewegte man sich, wie die Radschlagenden die Beine aufwärtsgestreckt sich überschlagen, so, auf seine damaligen acht Glieder gestützt, schnell im Kreise fort. [...] Sie waren daher auch von gewaltiger Kraft und Stärke und gingen mit hohen Gedanken um, so daß sie selbst an die Götter sich wagten [...]. Zeus nun und die übrigen Götter hielten Rat, was sie mit ihnen anfangen sollten, und sie wußten sich nicht zu helfen [...]. Endlich nach langer Überlegung sprach Zeus: »Ich glaube ein Mittel gefunden zu haben, wie die Menschen erhalten bleiben können und doch ihrem Übermut Einhalt geschieht, indem sie schwächer geworden. Ich will nämlich jetzt jeden von ihnen in zwei Hälften zerschneiden, und so werden sie zugleich schwächer und uns nützlicher werden, weil dadurch ihre Zahl vergrößert wird, und sie sollen nunmehr aufrecht auf zwei Beinen gehen. Wenn sie uns aber dann auch noch fernerhin fortzufreveln scheinen und keine Ruhe halten wollen, dann werde ich sie von neuem in zwei Hälften zerschneiden, so daß sie auf einem Beine hüpfen müssen wie die Schlauchtänzer.«
(Platon, Symposion)
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Freitag, 16. Dezember 2011

"Der Urlaub war so schön."




Ein politisch-historisches Psychogramm:
Bleib nicht stehen. Lauf nicht weg. Geh einfach ganz normal weiter. Vöglein flieg. Ikarus. Deadalus. Der Vater muss / sehen wie sein Sohn fällt. Und der Holocaust / kommt doch nicht aus Hollywood. Warum mit den Toten reden, wenn wir die Lebenden schon nicht verstehen? Warum überhaupt reden, wenn das Geschichtsbuch alles besser weiß? "Du störst mich. Geh bitte weg!" Sauberkeit. Der ewige Dreck.

"Der Urlaub war so schön." "Der Urlaub war so schön."

Warum jetzt dieselben Fragen wie immer stellen? "Der Urlaub war so schön." Und erst die Terrorzellen. Das Militär war grundauf sympathisch. Mach den Mund auf und sag nichts. Bist du Politiker oder bist du Prediger? Bist du Aufgabenerteiler oder -erlediger? Letzte Frage: sinnlos.

"Der Urlaub war so schön."

Der Urlaub hat nicht stattgefunden. Das Flugzeug ist in die Stadt geflogen an-statt zu landen. Die Erde wird umkreist von Trabanten, während alles um die Sonne kreist umkreist die Sonne sich im Geist.

"Der Urlaub war so schön."

Menschentransport. "Deportation", was für ein Wort. Abschied für immer? "Von wegen." Nach der Verabschiedung fängt es erst richtig an. In Gesetzen / festsitzen. Die Epoche geht zuende, die Idee lebt weiter. Deutschland entnazifiziert? Es muss weitergehen.

"Der Urlaub war so schön."

Fragt nicht: "Warum du?" frag: "Warum jemand anders?"

"Der Urlaub war so schön."
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Sonntag, 11. Dezember 2011

Debodiment oder joggender Panpsychismus? - Perspektiven




"Die meisten Menschen würden leichter dahin zu bringen seyn, sich für ein Stück Lava im Monde, als für ein Ich zu halten." -- Fichte 

Nach dem Verhältnis von Wort und Tat steht die Frage nach dem Verhältnis von Körper und Geist nach wie vor unbeantwortet im Raum. Luhmann schlägt vor, den Körper als Bedingung der Möglichkeit der "Einheit" des Bewusstseins zu beschreiben, das sich an seinem Körper von seinem Körper unterscheidet, der vom Bewusstsein als beweglicher Identifikationspol gewissermaßen überall mit hingeschleift wird, während sich der Körper im Bewusstsein als "vibrierende Kompaktheit" anzeigt. 
Da jede Bezeichnung eine Unterscheidung voraussetzt, innerhalb derer sie die eine und nicht die andere Seite bezeichnet, kann die Einheit der Gesamtheit der Gedanken nur mit Hilfe einer Unterscheidung in das System eingeführt werden. Die naheliegendste Vermutung ist, daß dies die Unterscheidung von Bewußtsein und Leben leistet, d.h. die Beobachtung der „eigenen" Körperlichkeit durch das Bewußtsein - eine Art Schwere oder vibrierende Kompaktheit der Befindlichkeit, die man jenseits aller Sonderzustände wie Müdigkeit oder Schmerz immer spürt und immer intentional beobachten kann, wenn man an sie denkt. Das Bewußtsein kann, anders gesagt, seine Gedanken nur durch Zuordnung zu diesem seinem leiblichen Leben zur Einheit aggregieren, und nur dadurch, daß es sich selbst zugleich von diesem Leben unterscheidet. Identifikation mit Hilfe des eigenen Leibes ist also gerade nicht: Identifikation mit dem eigenen Leib.
(Luhmann, Autopoiesis des Bewusstseins)
Retrogott dagegen votiert gegen eine vorschnelle Trennungen der Instanzen und verweist -- durch Heidegger inspiriert? -- auf den medialen Bewegungscharakter der Sprache, die irgendwo zwischen Seele und Leib angesiedelt zu sein scheint:
"Was ist deine Motivation, dich der Sprache zu bedienen?"
"Die Sprache selbst ist Motivation, die bewegt ja viel. Die Sprache ist Selbstbewegung. [...] Ich schreibe einen Text, weil ich Bewegung brauche. Schreiben und Laufen sind ähnliche Sachen. Schreiben ist eine sehr körperliche Angelegenheit, da ist Physik drin, so wie Tanzen. Ich denke nicht...ich schreibe nicht mit dem Kopf, ich schreibe mit der Hand mit Tinte auf Blätter, ich bewege mich dabei. Und beim Joggen hingegen denke ich auch mal was. [...] Was heißt das, seinen Kopf zu benutzen? Man benutzt so viel gleichzeitig. Man denkt immer "Schreiben --> Kopf", "Bewegen --> Körper". Aber das kann man nicht so einfach voneinander trennen. Manche Leute behaupten das vielleicht, Descartes hat das behauptet. Aber ich behaupte, dass Körper und Geist zusammengehören. Deshalb kann man das nicht so sehen, dass beim Schreiben nur der Kopf da ist. Jeder Autor hat auch einen Körper."
(Retrogott im "Splash! Mag"-Interview)
Merleau-Ponty schließt sich Retrogott an, bleibt dabei allerdings etwas diffus, fordert aber trotzdem, dass alles auf jeden Fall verbunden und die lebensweltlich-involvierte Beschreibungsperspektive gegen die positivistische Verkürzung der Welt in Stellung gebracht werden sollte.
Ein Cartesianer sieht nicht sich im Spiegel: Er sieht eine Gliederpuppe, ein >Äußeres<, von dem er mit Recht annimmt, daß die Anderen es in gleicher Weise sehen, das für ihn selbst ebensowenig ein Leib ist wie für die Anderen. Sein >Bild< im Spiegel ist eine Wirkung der Mechanik der Dinge; wenn er sich in ihm wieder erkennt, wenn er es >ähnlich< findet, so knüpft sein Denken an dieses Band. Das Spiegelbild ist nichts von ihm. [...] Unserer Philosophie bleibt nur noch übrig, die wirkliche Welt zu erkunden. Wir sind das aus Körper und Seele zusammengesetzte, es muß also ein Denken davon geben. [...] Die Philosophie, die noch zu schaffen ist, beseelt den Maler -- nicht, wenn er Ansichten über die Welt äußert, sondern in dem Augenblick, in dem sein Sehen zur Geste wird, wenn er, wie Cézanne sagt, "im Malen denkt".
(Merleau-Ponty, Das Auge und der Geist)
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Dienstag, 8. November 2011

Üpsielohns moderne Lyrik-Kiste III: Retrogott@Nacktscanner, Doktor in ´Pataphysik


Üpsielohn trifft beim Durchstöbern der virtuellen Archive immer wieder auf Goldstücke, die noch nicht (und zum Glück) ins hochkulturelle Kunstraster passen:



"Ein bisschen Ying, ein bisschen Yang. (Geht immer). 

Deine Freundin legt sich nackt auf den Scanner, um ihre Brüste zu vergrößern. Ich brauch´ keinen Soundcheck, der Soundmann wird / zehn Minuten vor / Show-Beginn / ohnehin / Kokain genommen haben. Yoa. Die Welt besteht aus Opfern und Opfern. Und die Logik dessen kommt auf deinen Gott an. Rapper faken rum wie Depressive in Gesellschaft die fragen, ob alles gut ist, und dann sagen: "Bei mir auch." Syntaxerror. Ideologiefreier Terror. Zwar bewaffnet / doch die möglichen Ziele sind so vorbelastet / mit Religion oder Politik / menschlichem Versagen / Doktor in ´Pataphysik ["Eine typische ’pataphysische Untersuchung ist die Berechnung der Oberfläche Gottes.", Wikipedia]. Zwischen Turnschuhfabrik und einem abgefilmten Fick / kostet deine Meinungsfreiheit dich nur einen Doppelclick. Was heißt hier "nur"? Das ist echte Feinmotorik. Evolution benutzt keine Nazi-Rhetorik. Die Ermittlung der Wahrheit / Stasi-Methodik / gegenüber ihrem / Schwarz auf Papieren. Yeah. Und komm mir nicht mit Ästhetik, BPM-Genetik, Drumcomputer-Kinetik. Retrogott im Untergrund immun gegen den Untergang. Liebe ist ein Pulverfass, also zünd dir ´ne Lunte an." 
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Freitag, 24. Juni 2011

Ent-täuschung


Retrogott über Aufklärung und die unangenehmen Seiten des Zu-sich-selbst-Kommens:

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Freitag, 6. Mai 2011

Unsere kleinen Großen [Deleuze] VII: Retrogott Atomares Echolot


"[...] Das heißt, nicht wie ein Ire oder Rumäne französisch sprechen, das ist weder bei Beckett noch bei Luca der Fall, sondern in einer Sprache, wenn man sie perfekt und nüchtern spricht, diese Variationslinie einführen, die einen zum Fremden in der eigenen Sprache macht oder aus der fremden Sprache eine eigene oder in die eigene Sprache eine immanente Zweisprachigkeit als eigene Fremdheit einführt. Immer wieder auf die Formel Prousts zurückgreifen. "Die schönen Bücher sind in einer Art Fremdsprache geschrieben." 
(Aus: Deleuze, Ein Manifest weniger)



"Wessen Geistes Kind? Irgendeines Alpha-Tiers, dessen Scheiße stinkt. "Geht´s auch was genauer?" Genau das nicht. Es ist außer sich(t). Wieviel Du braucht das Ich - um zu glauben, dass es denkt - was sonst keiner denkt. Auch wenn es als Segment in einer Kette hängt. Ein Patronengürtel - und die Spendierhosen sitzen - wie angegossen - sogar im angeschossenen Zustand. - Ein Christ ohne Herde - blutet - ewig in die Furchen und frisst rote Erde. Gebisslose Pferde - tragen Atheisten ohne Werte - über eine siedendheiße Fährte. Komm wir schreiben ein paar - Reime über Freiheit - und zwängen dabei die Sprache in ein Stacheldrahtkleid. Tief in Phantasievölker eingesogen - folge ich den - imaginären Demagogen. Vollziehe nach, was sie aus Erziehung machen. Esse Bio-Essen und schieße mit Bio-Waffen. Ich kann´s mir leisten Wert auf Qualität zu legen - und im Legen lebend von Egalität zu reden." (Retrogott)
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Samstag, 5. Februar 2011

Lamsahma biddäää! Zieh´ mal die Rapnotbremse.


@retrogott: zunächst mal kompliment für eure kunstwerke. möchte aber darauf hinweisen, dass viele der hörer noch jung sind, seelisch noch nicht gefestigt und auch teils psychoaktive drogen missbrauchen. zu viele, komplexe metaphern können bei persönlichkeiten mit entsprechender abundanz den anschein einer geheimsprache erwecken, was fatale folgen haben kann. bitte mal drüber nachdenken.


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Dienstag, 11. Januar 2011

Vormgefolge


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Sonntag, 9. Januar 2011

Totales Selbstdesign. Oder: "Copy something different!"




Retrogott erklärt das deutsche Rapgame und nimmt dabei insgeheim Bezug auf einen geheimen Mitschnitt eines Wiener Sloterdijk-Seminars über "Die Tragik des sich selbst beobachtenden Individuums".  

Sloterdijk selbst weist vor allem auf die Allgegenwart der Nachahmung als legitimes Mittel gelingenden Selbst-Designs hin, macht sich Gedanken über immernoch fingierungswürdige Bernhard-Stücke und den Dandy als Exhibitionisten seiner ent-eigneten Oberfläche:

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