Die Neonleuchte

Ein Museum für moderne Kunst und Theorie

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Dienstag, 6. November 2012

Ko-Involviertheit - Über die Ergänzung des Menschen



tl;dr: Menschen kommen als sie selbst in der Welt nicht einfach nur so vor. (Phänomenologie lesen undsoweiter.)

"ÜberaurischesEi"
Weder für sich noch als Andere für Andere sind Menschen in der gleichen Weise "da" wie andere Gegenstände -- ein Tisch oder ein Teller zum Beispiel. Sichtbar wird dieser Um-stand mit-unter im Ge-sicht. Einem Gesicht, das - zunächst und zumeist - das Gesicht eines Anderen ist: An-gesicht, öffnet es mit seiner spezifischen mimischen Immersionsspannung anders den Raum als der gestikulierende Körper oder auch anders als eine Tür.
Die menschlichen Gesichter nämlich sind [...] an sich schon Geschöpfe eines Intimitätsfeldes eigener Art, in dem der Anblick durch den Hinblick modelliert wird.
(Sloterdijk, Sphären II)
Menschen sind Nähe-Wesen - Wesen des Aufenthalts in meta- [eigentlich intra- oder inter-] physischen Milieus. Innerhalb einer sonst plump vor sich hingestellten Klotzmaterie bewegen sie sich in bedeutenden, spannungsangereicherten Vektorräumen, die ihre Aufmerksamkeiten lenken und distrahieren. Halb gezogen, halb hingesunken, halb aufmerkend, halb aufgehalten schieben sich zwar ihre Körper stets nur räumlich durch die (vielleicht) kontinuierlich verstreichende Zeit, aber das "Wo?" ihrer Aufenthalte und das "Worauf?" ihrer Aufmerksamkeiten befindet sich zugleich stets und immer auch in einem inneren Außerhalb.
Daran läßt sich wiederum erkennen, daß soziale Systeme autopoietische, sich selbst und ihre Grenzen seligierende Systeme sind. Auch in konkreten Alltagssituationen, und gerade hier, ist diese Autonomie unerläßlich, um Abstand zu gewinnen; und gerade situationsabhängige, durch alles Wahrnehmbare angreifbare Systeme müssen sich vorbehalten, mit Hilfe der Anwesenden entscheiden zu können, wer und was als anwesend zu gelten hat. Wie könnte man anders sich in einem Restaurant unterhalten, sich im Theaterfoyer verabreden, Fernsehaufnahmen durchführen, Schlangestehen für den Bus oder auch nur Autofahren?
(Luhmann, Soziale Systeme)
"Suche ontologische Eisenspäne.."
Anwesend sein heißt daher: bei etwas anderem sein, beschäftigt, befasst mit, fasziniert von etwas anderem, das man nicht schon selbst ist, auf das man als Ergänzendes in dem einfachen Sinne angewiesen ist, dass Bewusstsein immer Bewusstsein von etwas (anderem) ist. Das Andere des Eigenen, an dem jede Gegenwart (und so auch jedes Bewusstsein) hängt, ist damit die notwendige Ergänzung, die dem Einzelnen immer schon zuvorgekommen ist. Das Ich setzt sich also nicht "selbst schlechthin und alle Realität in sich" (Schelling), es entdeckt sich zunächst als ein bewegt-bewegendes Aufmerken auf Anderes: die Gegenstände, die Welt. Mit diesem Anderen ist es zugleich konfrontiert und involviert, ihm gegenüber aber zugleich schon in es verstrickt. Das Gegenüber-Sein ist also kein schlechthinniges Bei-sich-Sein, dem das Andere des Gegenüber nur zufällig so anhängt, es ist immer zugleich "Hier"- und "Da"-Sein: dynamische "Differenz von System und Umwelt". 

Da wir diese bewegt-bewegende Ko-Involviertheit des Menschen meist vom alltäglichen Gegenstandsgebrauch her auslegen, verkennen wir oft deren involvierenden Anteil und landen dann bei einer Theorie des (primär mit Materie) konfrontierten Menschen, der mit dem "Nicht-Ich"-Material "da draußen" irgendwie technisch umzugehen hat: Bewusstsein und Gegenstand, Subjekt und Objekt, Mensch und Ding, usw. auf das dann erst im nachhinein irgendwelche Werteigenschaften projiziert werden. Eine Anthropologie des immersiven Menschen fängt dagegen auf der Innenseite der Verstrickungen mit ihren Beschreibungen an und präsentiert sich so als Selbstinnenausschreitung des ekstatischen Hier- und Daseins.
Darum ist die Erkundigung nach unserem Wo sinnvoller denn je, denn sie richtet sich auf den Ort, den Menschen erzeugen, um zu haben, worin sie vorkommen können als die, die sie sind.
(Sloterdijk, Sphären II) 
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Montag, 5. November 2012

Aus dem Hause Teufel: Geruch von verbranntem Pferdehaar -- Musils Porträt des Wissenschaftlers als bösartiger Mann


("Teufelspackt schlägt sich,
Teufelspackt verträgt sich..")
Wissenschaftler soll man eigentlich nicht danach fragen, aus welchen inneren Motivationslagen heraus sie ihre Wissenschaft wirklich betreiben; sie wollen viel lieber danach gefragt und dafür gerühmt werden, dass ihre Beschreibungen "richtig" sind (oder "wahr" sogar). Solche Motivationslagen gibt es aber natürlich schon: Aufdecker und Aufklärer kränken möglicherweise besonders gerne. Besser beobachten hieße in diesem Fall immer auch: an den eigenen Erkenntnisvorsprung glauben und -- sofern man seine Erkenntnisse öffentlich publiziert -- den Anderen diesen Erkenntnisvorsprung auch vorführen (--> "Publikationsnarzissmus", P.S.).
Erst nachdem der Beobachter vorgestellt ist, können wir uns mit seiner Genealogie beschäftigen. Seine Absichten und Eigenschaften lassen gewisse Verwandtschaften mit seit langem bekannten Wesen erkennen. Er stammt, wenn man so sagen darf, aus dem Hause Teufel.
(NL, Wissenschaft der Gesellschaft)
Musil beschreibt die Wissenschaftler lieber und beweist damit, dass es eine Ebene der Beobachtung geben kann, die durch überlegene Beschreibung der überlegenen Beschreibung ihr Publikum wenigstens zu erheitern versucht (--> ironische Meta-Überlegenheit).
Das In den Bart Lächeln der Wissenschaft oder Erste ausführliche Begegnung mit dem Bösen
Es müssen ein paar Worte über ein Lächeln folgen, noch dazu ein Männerlächeln, und es war ein Bart dabei, geschaffen für die männliche Tätigkeit des In den Bart Lächelns; es handelt sich um das Lächeln der Gelehrten, die der Einladung Diotimas Folge geleistet hatten und den berühmten Schöngeistern zuhörten. Obgleich sie lächelten, darf man beileibe nicht glauben, daß sie es ironisch taten. Im Gegenteil, es war der Ausdruck ihrer Ehrerbietung und Inkompetenz, wovon ja schon die Rede gewesen. Aber man darf sich auch dadurch nicht täuschen lassen. In ihrem Bewusstsein stimmte das, jedoch in ihrem Unterbewußtsein, um dieses gebräuchliche Wort zu benützen, oder richtiger gesagt, in ihrem Gesamtzustand waren es Menschen, in denen ein Hang zum Bösen rumorte wie das Feuer unter einem Kessel.
Das sieht nun natürlich wie eine paradoxe Bemerkung aus, und ein o.ö. Universitätsprofessor, in dessen Angesicht man sie aufstellen wollte, würde vermutlich entgegnen, daß er schlicht der Wahrheit und dem Fortschritt diene und sonst von nichts wisse; denn das ist seine Berufsideologie. Aber alle Berufsideologien sind edel, und die Jäger zum Beispiel sind weit davon entfernt, sich die Fleischer des Waldes zu nennen, nennen sich vielmehr den weidgerechten Freund der Tiere und der Natur, ebenso wie die Kaufleute den Grundsatz des ehrbaren Nutzens hegen [...]. Auf die Darstellung einer Tätigkeit im Bewußtsein derer, die sie ausüben, ist also nicht allzuviel zu geben. [...] Sieht man andererseits zu, welche Eigenschaften es sind, die zu Entdeckungen führen, so gewahrt man Freiheit von übernommener Rücksicht und Hemmung, Mut, ebensoviel Unternehmungs- wie Zerstörungslust, Ausschluß moralischer Überlegungen, geduldiges Feilschen um den kleinsten Vorteil, zähes Warten auf dem Weg zum Ziel, wenn es sein muß, und eine Verehrung für Maß und Zahl, die der schärfste Ausdruck des Mißtrauens gegen alles Ungewisse ist; mit anderen Worten, man erblickt nichts anderes als eben die alten Jäger-, Soldaten- und Händlerlaster, die hier bloß ins Geistige übertragen und in Tugenden umgedeutet worden sind. [...] Zum Heroismus der Bitterkeit gesteigert, daß man sich im Leben auf nichts verlassen könne, als was niet- und nagelfest sei, ist sie [die Freude daran, "der Höhe ein Bein zu stellen und sie auf die Nase fallen zu sehen] ein in die Nüchternheit der Wissenschaft eingeschlossenes Grundgefühl, und wenn man es aus Achtbarkeit nicht den Teufel nennen will, so ist doch zumindest ein leichter Geruch von verbranntem Pferdehaar daran.
(Musil, MOE, 301ff.)
[Re-Entry vom 10.01.12]
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Sonntag, 21. Oktober 2012

Ja, Ja, Ja - Eine Kritik der Negation

Der Esel aber schrie dazu I-A.
(Welcher Esel zieht zuerst?)
Da Ja-Sagen steht nicht immer in besonders hohem Kurs. Ja-Sager: Weiche, Windige, Feige, Konturlose, Angepasste. Wer doch einmal aus Versehen unbedarft und in guter Absicht das Wort "Affirmation" in den Mund nimmt, der merkt schnell, dass es heute einen unangenehm muffigen Beigeschmack hat, mit Noten von fahlem Mitläufertum und sich anbiederndem Dabeiseinwollen. Nein, so geht das auf keinen Fall. "Kritik" dagegen ist immer noch und ungebrochen chick. "Kritisch" darf jeder sein, Kritisieren ist prima: die Verhältnisse nicht so annehmen, wie sie sind, sondern -- naja -- zumindest eben schonmal "kritisieren"; und das heißt dann eben: nicht zustimmen.
Aber Kritik als solche ist kein sinnvolles Ziel -- es sei denn, man sei im Vorhinein sicher, daß jede Kritik berechtigt sei. Einem Kritiker, der die Möglichkeit unberechtigter Kritik nicht eingesteht, fehlt es an Selbstkritik. 
(Luhmann, Die Praxis der Theorie)  
Im Internet scheint das Verhältnis von Negation und Affirmation nicht ganz symmetrisch zu sein. Entsprechend haben einige Kritiker angemerkt, dass das "Liken" allenthalben um sich greife, während ihm auf der anderen Seite keine entsprechende "Ich mag das nicht"-Option gegenübersteht. Die Entscheidung, keine Dislike-Buttons einzuführen, habe entsprechend etwas mit der Negationsaversion einer konfliktscheuen Internet-Weichlichkeit zu tun, die mit der Devisibilisierung von Ablehnung allen Widerstand aufzuheben versuche, weil sie für kritische Auseinandersetzungen keine Kraft besitze ("Charakterschwäche"): Weiches Gleiten durch widerstandslose Affirmationsfelder, keine virtuellen Reibereien auf öffentlichen Streitplätzen. 
Aber welche Funktion sollte ein Dislike-Button überhaupt erfüllen? Angenommen, das öffentliche "Mir gefällt das" markiert im Idealfall eine Faszinationsempfehlung, eine Einladung zur Auseinandersetzung mit Interessantem, auf das andere Nutzer ohne Empfehlung möglicherweise nicht gestoßen wären; was sollte demgegenüber ein Dislike-Button symbolisieren? Eine Aversion-Empfehlung? "Könntet ihr das hier bitte auch hassen", "Ich habe dieses Langweilige/Schlechte/Uninteressante im Netz gefunden, wäre schön, wenn ihr das auch schlecht finden könntet.."
Es war die Zeit, als Kolumnen in Magazinen wie Tempo, die alles besser, cooler, lässiger machen wollten als die drögen etablierten Medien, noch "100 Zeilen Hass" heißen und ganz ernsthaft den deutschen Schlagerkönig Ralph Siegel demontieren konnten.
Aber "100 Zeilen Hass" -- das bedeutet aus heutiger Sicht eben auch, dass es offenbar noch eine Verbindung, eine geteilte Grundlage des Nachdenkens über Kultur gab, die man dann effektvoll und für alle nachvollziehbar verwerfen konnte. [...] "100 Zeilen Hass" sind allein deshalb undenkbar geworden, weil die kulturelle Einigkeit, aus der dieser Hass erwachsen könnte, nicht mehr herrscht. Wenn einem auch das je Erfreuliche präsent sein kann, wieso sollte man sich dann mit dem Unerfreulichen aufhalten?
(Jens-Christian Rabe, Gegenwärtigkeit als Phantasma. Über den Hass auf den Hipster [Leseempfehlung]) 
Wenn das geteilte Mögen Assoziationen (im Sinne von "Verbindungen") der Faszination ermöglicht, müsste umgekehrt ein "Das hier gefällt mir nicht" Aversionsassoziationen erzeugen, Verbindungen, die sich in ihrer geteilten Abscheu kurzfristig vergemeinschaften, indem sie sich gegenseitig Einladungen zum Ärgern und Nörgeln zuschicken -- früher nannte man solche Aversionsassoziationen schlicht "Lästern" oder "Tratschen". Insofern ist die offizielle Erklärung, dass "eine destruktive Information" "keine viralen Effekte" (Quelle) erzeuge, wahrscheinlich nicht ganz zutreffend: kollektive Verärgerung hat immer eine gute Konjunktur; und das macht auch Sinn, sofern sich diese Verärgerung auf Dinge bezieht, die die eigene Lebenswirklichkeit unausweichlich mitbestimmen und zugleich auch anders besser möglich wären (d.h. optimierbar sind). Alle anderen Fälle, in denen willkürliche Aversionsoptionen aktiv gesucht werden, um sich dann gemeinsam über sie zu ärgern, scheinen eher Verhaufungen von Ressentiment darzustellen, die letztlich zu nichts anderem führen als zu sich selbst.
Aufklärung war immer schon Enttäuschung im positiven Sinn, und je mehr sie voranschreitet, desto näher rückt ein Augenblick, wo die Vernunft uns heißt, eine Bejahung zu versuchen. Eine Philosophie aus dem Geist des Ja umfaßt auch ein Ja zum Nein. Das ist kein zynischer Positivismus, keine "affirmativ" Gesinnung. Das Ja, das ich meine, ist nicht das Ja eines Besiegten. Wenn etwas vom Gehorsam in ihm steckt, dann von dem einzigen, der aufgeklärten Menschen zuzumuten ist, dem Gehorsam gegen eigene Erfahrung.
(Sloterdijk, Kritik der zynischen Vernunft)
[Re-Entry vom 20.03.12]
16 Kommentare:
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Dienstag, 21. August 2012

Wer sind wir, wenn wir Masken tragen? -- Ein kurzes Stück über Töne und Personen

[Re-Entry vom 08.01.12]
["Alle Barbiere, die sich nicht selbst zapfen." -- Troll Dad]




Ohne eine Lehre des Bluffs, der Show, der Verführung und der Täuschung lassen sich aber Bewußtseinsstrukturen der Moderne überhaupt nicht recht verstehen.
(P.S., Kritik der zynischen Vernunft, 730) 
Sobald man darauf aufmerksam geworden ist, dass die Benutzeroberfläche des eigenen Selbst für andere nicht man selbst sondern das ist, was als Selbst präsentiert und inszeniert wird, entwickelt man einen Hang zur Theatermetaphorik, um menschliches Zusammenleben zu beschreiben (Masken, Rollen, Stücke, Skripte, Erving Goffman). Solche Metaphern haben natürlich den Nachteil, dass sie auch bei der Beurteilung dessen, was man selbst ist, an der Unterscheidbarkeit von Spiel und Wirklichkeit festhalten (hysterische Gegendarstellungen von Schauspielerseite ändern hieran wenig). Die Frage bleibt allerdings, wie man eigentlich aus der Maske rauskommt, wenn man um die Maske gar nicht drumrum kommt.
Hugo Ball kennt hier zwar auch keinen Ausweg, ist dafür aber etymologisch informiert:
Wie ist das Wort persona abzuleiten? Daß es ursprünglich das Abbild der Götter und die Maske des antiken Theaters bedeutet, gibt keine Lösung. Ist der Maskenträger aktiv mit personare oder passiv mit personari in Beziehung zu setzen? Die Maske des griechischen Theaters hatte ein Schallrohr, durch das der Schauspieler zum Publikum sprach. Der Mime, der hohe Töne von sich gibt, könnte als Persönlichkeit gelten. So faßte noch vor kurzem C. G. Jung (in ›Psychologische Typen‹) die Persona als täuschendes Individuum auf, das sich mit seiner Maske identifiziert. Auch Erasmus, beim Beginn der (reformatorischen) Individual- und Original-Tendenzen setzt Persönlichkeit gleich Maske, erlogenes Antlitz, wenn er dann auch widersprechend die angeborene Gestalt als die echtere, der anderen, verlarvten (personatus), die nur auf der Nachahmung der Vorbilder beruhe, entgegenstellt.

Sehr im Gegensatz zu diesen beiden Auffassungen steht indessen eine dritte, die den Begriff der Maske auf das ganze Kleid, auf den Überwurf bezieht und an die magische Auffassung dieses Überwurfes bei den Alten erinnert (das Löwenfell des Herakles, das Seelenkleid des Gnostikers). Die Tier- oder Göttermaske prägt danach den Kern des Helden, der die höhere oder die physisch stärkere Person anzieht. Es handelt sich hier nicht mehr um ein Mimikry des Schauspielers und Nachahmers, sondern um die magische Identifikation mit einem kreativen übermenschlichen Wesen, das den Menschen, der vorher nur Sinn und Materie war, im Innersten prägt und erhöht. Vico vertritt diese Auffassung. Persona kommt nach ihm nicht von personare, durchtönen, sondern von personari, Festkleider anlegen.
(Hugo Ball, Der Künstler und die Zeitkrankheit, I)

2 Kommentare:
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Sonntag, 29. Juli 2012

Fahrlässigkeit als Selbst-Entbündelung, eine Ergänzung


"Leichter sein." - Pathosformelgenese
Nach dem etwas ausführlicheren Beitrag zur "Geburt der Fahrlässigkeit aus dem Geist der Selbstentlastung" ergänzt, wieder stilgenau und satzsicher, ein engagierter Clam als komplexitätssteigernder P.S.:  
Die "Prosopographie" der Postmoderne zeigt uns gerade ein hedonistisches, fluktuierendes, glattes und gleitendes Wesen, das durch seine durchurbanisierten und durchservicierten Landschaften so wie durch seine virtuellen elektronischen Umwelten ohne Mühe, ohne Reibung rollt und surft. Wenn dies ihm so gut gelingt, dann ist es nur, weil so viel Unbeschwerlichkeit und so viel aisance durch eine gründliche Entbündelung seiner Erlebens- und Denklinien gewonnen worden sind. Nötig ist dafür ein Abbau der dem Erleben innewohnenden, all seine Sequenzen und Inhalte nach einer Ökonomie der Einheit- und Selbstheit-bildung und -stärkung immanent normierenden Grundtendenz. [...] All dies: Eins- und Selbstsein, Sammlung, Ernst und Schuld, ist das, was es in der existenziellen spätmodernen Verfassung nicht gibt, -- oder genauer, was in ihr abgebaut wird. Durch Ablegen der Forderung nach Selbstung wird eine spezifische Leichtigkeit des Selbstvollzugs entlang einer Anzahl von freizügigergriffenen Differenzen erlangt.
(Jean Clam, Was heißt, sich an Differenz statt an Identität orientieren? [Lesen!])   
[Re-Entry vom 07.03.12]
1 Kommentar:
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Freitag, 1. Juni 2012

Unschärferelationen - Lob der Unentschiedenheit II


Explizierbarkeit vs. Formverlust
Man betrachtet die Wirklichkeit, indem man sie metaphorisiert.
(Gaston Bachelard)
Wenn Dinge verwickelter sind, muss ihrer Darstellung auch eine andere Schreibweise entsprechen. Unschärfere Gegenstände bedürfen unschärferer Beschreibungen; sonst kann es leicht passieren, dass einem mit der Steigerung vermeintlicher Präzision auch der Gegenstand auf einmal durch die Lappen geht, man bei lauter feinverkörnten Genauigkeiten ankommt und sich -- wenn man sich in denen nicht schon gleich verfängt -- fragen kann, wo denn auf einmal abgeblieben ist, über was man eigentlich hatte sprechen wollen. Andere versuchen gleich von Anfang an aus dem Sagbaren zu verbannen, worüber man nicht genau genug reden kann und wollen lieber zu allem Unscharfen schweigen. Muster verschwinden mit der Steigerung von Auflösegraden -- um das zu wissen, muss man nicht selbst impressionistisch veranlagt sein:
Unsere Ausführungen werden dann ausreichen, wenn ihre Klarheit und Bestimmtheit dem vorliegenden Stoff entspricht; denn man darf nicht bei allen Erörterungen denselben Grad von Genauigkeit (to akribes) suchen, sowenig wie bei handwerklichen Produkten.
(Aristoteles)
In der Physik haben wir uns schon lange davon überzeugen lassen, dass bestimmte Sachverhalte nur mit einer gewissen Unschärfe in Erfahrung gebracht werden können, und sogar, noch schlimmer, dass der Versuch, bestimmte Größen genauer zu erfassen, unweigerlich dazu führt, dass an anderer Stelle die Unschärfe steigt. Selbst vom Rechnen mit Wahrscheinlichkeiten hat man sich inzwischen überzeugen lassen, und tut dennoch bei konstitutiv unscharfen Gegenständen so, als müssten gerade hier -- und dann auch noch in den Geisteswissenschaften -- Vereindeutigungen immer möglich sein. Dabei riskiert man mit solchen eifrig voreilenden Schärfemaximen den Verlust der Redekompetenz über einige hochinteressante Themenbereiche: Atmosphären, Zeitgeist, Lebenswelt. Diffuse Gefilde des Denkens natürlich -- Vorsicht! Hier erhöhtes Diffamierungsrisiko:
Unsere Mystagogen spielen also mit dem Gespenst und dem Schleier, sie ersetzen Evidenzen und Beweise durch "Analogien" und "Wahrscheinlichkeiten"; das sind ihre eigenen Worte, Kant zitiert sie und nimmt uns zum Zeugen: Sehen sie selbst, das sind keine wahren Philosophen, sie greifen auf poetische Schemata zurück. Das alles ist Literatur."
(Derrida, Kants "Von einem neuerdings erhobenen vornehmen Ton in der Philosophie" paraphrasierend)
-- die Sprache wird weicher, weniger definitorisch, ausladender in der Auslegung [Wegbereitung] ihren Bedeutungs- und Assoziationshöfe: schwer, hier einen intensivierten Grenzverkehr mit der Literatur zu vermeiden, vor allem aber auch nicht nötig:
Der essayistische Gebrauch der Intelligenz ist eine zuerst unvermeidliche und später erst eine kultivierte Form der Kooperation mit dem Nicht-Festgestellten. [...] Wer in ihm eine Art "Erster Hilfe" des Denkens erkennt, begreift von ihm wohl mehr als der Kenner, der ihn als Verfeinerung genießt. [...]
Wo dieser Verdacht [ein Symptom von etwas Allgemeinem zu sein] sich konsolidiert, kann eine methodische Praxis beginnen, in deren Verlauf ein Autor sich selbst als Sonde für unklare Zustände im sozialen Raum benutzt.
(Sloterdijk, Medien-Zeit. Drei gegenwartsdiagnostische Versuche) 
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Montag, 28. Mai 2012

John Maus und Peter S. über die Notwendigkeit, auf offenen Bühnen zu erscheinen.



"Wenn die Räume schrumpfen, in die man hervortreten kann, um zu sagen oder zu zeigen, wie es aus der Sicht des Protagonisten um die Welt steht, dann gibt es bald auch keine Welt mehr, in die herauszukommen sich lohnt. Das Zurweltkommen von Menschen verweist von Anfang an auf die Bühnen- und Arenaeigenschaften der Welt als solcher. Wenn sich die Bühnen und die Arenen schließen, weil entweder die Schauspieler zu privatisieren beginnen oder die Mächtigen die Welt als Privathaushalt einrichten und nur noch ihre eigene geistlose Show zulassen, dann geht die Ära des Zurweltkommens überhaupt zu Ende. Eben das ist die Signatur unseres Zeitalters - es ist die Zeit der Resignation und der Show, die Zeit des offiziellen Privatismus und der intimen Apokalyptik. Wer heute noch groß herauskommen will, sucht das Spektakel im nicht mehr Offenen - bis die Höhle tobt."
(Sloterdijk, Zur Welt kommen - Zur Sprache kommen)  
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Montag, 21. Mai 2012

Ein Ausweg aus dem Selbstverwertungsdilemma? Alternativen zwischen Selbstunterdrückung und Selbstverkleinerung

[RP 20.11.11]
"Das Rennen beginnt, doch ich bleib´ stehen, wenn ihr loslauft" (Retrogott)
Wer für Selbstaneignung eintritt, der muss damit rechnen, dass die ewigen Kritiker der Verwertung ihn mit der Frage zu provozieren versuchen, ob sein Engagement für Engagement nicht letztlich einem liberal-ökonomischen Impuls verpflichtet bleibt, der den Einzelnen heimlich - und mit der dazu nötigen List der Vernunft - zu einem kalkulierenden Verwerter seiner Lebenschancen und -appetite umzuqualifizieren versucht. Das mag natürlich sein. Aber wie sähe denn die Alternative aus? Aktive Selbstverunmöglichung?
Mit aller mir zu Gebote stehenden Leidenschaft bin ich bemüht, mir gewisse Wege und Möglichkeiten (so z.B. Karriere, Erfolg, eine bürgerliche Existenz u. dgl.) völlig und für alle Zeit zu verlegen. Mein gegenwärtiges Leben ist dazu angetan, mich in dieser Absicht kräftig zu unterstützen. Von Zeit zu Zeit, wenn die verdächtige "Harmonie" meiner Natur sich durchringt, wittere ich Unrat und bin instinktiv bemüht, irgendeine Torheit, einen Fehltritt, einen Verstoß zu begehen, um mich vor mir selbst wieder herunterzubringen. Ich darf gewisse Talente und Fähigkeiten nicht aufkommen lassen. Mein höheres Gewissen, meine Einsicht verbieten mir das.
(Hugo Ball, Die Flucht aus der Zeit)
Anderen Alternativen jedenfalls fehlt häufig scheinbar der nötige Schneid. Irgendwo irgendwie dazwischen sich einrichten: "das ist doch nicht radikal genug". Die Gesamtverhältnisse müssen auf jeden Fall ganz und von Grund auf -- von wo ganz anders her -- geändert werden.

Der Totalitarismus der Kritik duldet kein "Dazwischen" und keinen "Kompromiss", er will Revolution, keine Reform. Seine regressive Trotzigkeit verbirgt er dabei geschickt hinter der scheinbaren Selbstverständlichkeit des "Ganz oder gar nicht". Allerdings kommt diese verständliche Sehnsucht nach der absoluten Alternative über die radikalistische Geste und den mit ihr verbundenen moralischen Fingerzeig auf die vermeintlichen "Kollaborateure des falschen Lebens" selten hinaus. Sie übersieht, dass "totale Kritik" und "Weitermachen" sich gegenseitig immer schon ausgeschlossen haben. Wer "alles das hier" so kritisiert möchte, der wird sich "in diesem Leben" schwer damit tun, sich am System nicht die Finger schmutzig zu machen oder schlichtweg zu sich selbst in unbequemen, offenen oder latenten Widerspruch zu treten.
Falsches Ziel gewählt?
"No matter. Try again. Fail better"
(Cyberdees, CC BY-NC-SA 2.0)
Gibt es andere Formen des Umgangs mit der unternehmerischen Anrufung [...]? Wie könnten Alternativen zu Enthusiasmus, Ironie und Melancholie aussehen? Eine pragmatische Gelassenheit vielleicht, die weder glorifiziert noch dämonisiert, der die hochgetunte Selbstmobilisierung des Enthusiasten so fern liegt wie die angestrengte Selbstdistanzierung des Ironikers oder die behagliche Selbstgewissheit des Dagegenseins, die der Melancholiker kultiviert. [...] Eine taktische Klugheit, welche die Listen der Simulation, des Abtauchens und des détournement beherrscht und den Aktivierungsfuror der Förderer und Forderer ins Leere laufen lässt.
(Bröckling, Enthusiasten, Ironiker, Melancholiker)
Eine Frage der klugen Wahl der Ziele, für die man sich wirklich engagieren (lassen) will. Die wird gerade in Strukturen akut, die eigene Ambitionen und Eitelkeiten bewusst provozieren, Angebote zur eigenen Verausgabung mit dem leisen Versprechen verbinden, man könnte - Überverausgabung fröhlich in Kauf nehmend - bald schon zu den wenigen glücklich Auserwählten zählen, oder zumindest die Leiter des symbolischen Kapitals ein signifikantes Stück nach oben klettern. Aber möglicherweise ist das alles auch noch eine Spur zu ernst:
Fuest: Das Pathos, die Larmoyanz, all das, was die Melancholie ausmacht, das hat man naturgemäß zu korrigieren über den Witz. Sich selbst ernst nehmen ist die größte Katastrophe, die man sich leisten kann im Leben. Daran krankt ja die halbe Welt.
[...]
TAZ: Woran glauben Sie dann?
Fuest: Ich glaube an die Wirksamkeit in mikropolitischer und mikroethischer Hinsicht. Und dass sich die nur erzeugen lässt im Dialog, im Gespräch, in kleinen Gruppen. [...] Werdet, die ihr seid, werdet Zwerge!
TAZ: Ist das nicht ein Rückzug?
Fuest: Nein, ein Auszug. Die Zwerge, das sind in den Mythen die Ausgewanderten. Die Zwerge sind diejenigen, die weggegangen sind, weil die Menschen zu laut waren, zu habgierig, zu hässlich und zu tölpelhaft. Und es sind die, die unterirdisch wühlen, an den Wurzeln graben. 
(Leonhard Fuest über Melancholie und Utopie in der TAZ)
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Dienstag, 17. April 2012

Zerstreuung und Konzentration -- Skizzen zur Wiederbeschwerung der Welt


(Foto: dreamfire; Lizenz: CC BY-NC-SA 2.0)
Das Internet ist seiner inneren Struktur nach eine wenig widerstandsfreundliche Zone. Allzu Wirres oder Uneingängiges versperrt sich schnell den Weg zur Aufmerksamkeit seiner potentiellen Empfänger, macht ihnen zumindest den Zugang schwer und lässt sie bald die Lust verlieren. Das Surfen [sofern man das heute überhaupt noch sagt] ist eine flüchtige Angelegenheit, "ein ungleich nervöserer, zielorientierterer, aber auch nüchternerer Akt als bloße Unterhaltung" (Jens-Christian Rabe, in: Hipster. Eine transatlantische Diskussion), es sucht nach Faszination, nicht nach mühsamer Einarbeitung und erschwertem Zugang, es weicht aus, wo Dinge zu langweilig zu werden drohen:
Stößt man bei irgendeiner dieser Tätigkeiten auf Schwierigkeit, so läßt man die Sache einfach stehen; denn man findet eine andre Sache oder gelegentlich einen besseren Weg [...].
(Musil, Der Mann ohne Eigenschaften)
Es könnte aber doch sein, dass das Zulassen und Verarbeiten von Widerständen und Irritationen (und wieso nicht auch: Irritationen durch Verlangsamung und Nicht-Verstehen) die Aufmerksamkeit für Alternativen und blinde Flecken, den eigenen Möglichkeitssinn erst kultiviert. --
Die ideale Maschine wäre eine [so liest man gelegentlich], die in der Realisierung ihrer Effekte gar nicht mehr als Maschine auffällig werden würde, ein Apparat ohne Widerstand oder auch ein Effekt-Knopf ohne Apparat, der die gewünschten Resultate ohne sichtbare Zwischenschritte und ohne irgendwelche zusätzlichen Eingabeerfordernisse schon verwirklichen würde (vielleicht eine Art universaler virtueller Fernbedienung). Man kann sich fragen, ob der Grenzfall dieses Ideals (die unmittelbare und ruckelfreie Erfüllbarkeit aller willkürlichen Intentionen) nicht einer Abschaffung aller Widerstände, Widrigkeiten und Irritationen gleichkommen müsste, einer Abschaffung, die an die Stelle von Irritation, Anstrengung und geduldiger Einarbeitung das semi-benommene und immer affirmationsbereite Hindurchfließen durch Ströme angenehmer Affiziertheit setzt:    
Es sind vielleicht die Vorzüge unserer Zeiten, welche ein Zurücktreten und eine gelegentliche Unterschätzung der vita contemplativa mit sich bringen. [...] Weil Zeit zum Denken und Ruhe im Denken fehlt, so erwägt man abweichende Ansichten nicht mehr: man begnügt sich, sie zu hassen. Bei der ungeheuren Beschleunigung des Lebens wird Geist und Auge an ein halbes oder falsches Sehen und Urtheilen gewöhnt, und jedermann gleicht den Reisenden, welche Land und Volk von der Eisenbahn aus kennen lernen. Selbständige und vorsichtige Haltung der Erkenntniss schätzt man beinahe als eine Art Verrücktheit ab, der Freigeist ist in Verruf gebracht [...].
(Nietzsche, Menschliches, Allzumenschliches)
Eine provisorische Ablehnung alles allzu Befremdlichen, die nur noch die Affirmation dessen kennt, an das man sich ohnehin bereits gewöhnt hat, muss auf Dauer in aktive Selbstabschottung, einen Zirkel der Selbstisolation gegen alles Fremde münden, in den nur hineingerät, was den Test auf Ähnlichkeit vorher immer schon bestanden hat [Angst vor dem Algorithmus]. Man ist dann eigentlich nicht länger mit irgendeiner Sache als einem "aufsässigem" Gegenüber (Heidegger) konfrontiert, sondern befindet sich stattdessen in einem Zustand absoluter Defrontation (Ent-wider-ständiung), sich in einem gleichförmigen Strom der Similaritäten bewegend, der vielleicht noch seichte Variationen, aber keine Brüche kennt.
Man erwartet von der Philosophie eine Förderung und gar Beschleunigung des praktisch-technischen Kulturbetriebes im Sinne einer Erleichterung. Aber - die Philosophie macht ihrem Wesen nach die Dinge nie leichter, sondern nur schwerer. Und das nicht beiläufig, weil die Art ihrer Mitteilung dem Alltagsverstand befremdlich oder gar verrückt vorkommt. Erschwerung des geschichtlichen Da-seins und damit im Grunde des Seins schlechthin ist vielmehr der echte Leistungssinn der Philosophie. Erschwerung gibt den Dingen, dem Seienden, das Gewicht zurück (das Sein).
(Heidegger, Einführung in die Metaphysik)
Andererseits ist fraglich, ob ein einseitiges Votum für bewusste Selbstwiederbelastung und Arbeit nicht einem überkommenen Leistungsideal (dem "Decorum des alteuropäischen Heroismus"; Sloterdijk, Sphären III) verpflichtet bleibt, dass die Vorstellung einer widerstandlosen Produktivität ("organloser Körer", Deleuze/Guattari) gar nicht kennt, das sich nicht vorstellen kann, dass Faszinierbarkeit und Engagement auch eine nicht-destruktive faszinativ-fließende Liaison eingehen könnten:
Diese Protagonisten des Realismus in der entzauberten Welt [Heidegger, Gehlen, Schmitt] besaßen ein geschärftes Bewußtsein davon, daß unter den Bedingungen ihrer eigenen Zeit die Zerstreuung gegenüber der Konzentration das umfangreichere Phänomen ist. [...] Nicht die Not befiehlt, wir wählen eine Schwierigkeit.
(Sloterdijk, Sphären III, Leichtsinn und Langeweile)
[RP vom 8.02.12]
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Labels: Carl Schmitt, Gehäuse und Widerstände, Heidegger, Musil, Nietzsche, Philosophie, Sloterdijk, Technik, Utopie

Samstag, 31. März 2012

Wieso das öffentliche Eingeständnis von Nicht-Wissen eine Chance zur Entkrampfung des politischen Diskurses darstellen könnte


"Eine Politik der öffentliche Rede über die Verzweiflung würde außerordentlich therapeutisch wirken." 
(Sloterdijk im Gespräch mit Carlos Oliveira, 1996)

Risiko und Sicherheitssuggestion als Konstituenten von Politik

(Unsicherheit absorbieren)
Souveränitäts- und Bescheidwissens-, auch Ehrlichkeitssuggestionen gehören scheinbar unverbrüchlich zum Alltag politischer Selbstdarstellung. Politiker wissen Bescheid, haben bereits heute Lösungen für Probleme, mit denen sie bis vorhin nicht einmal gerechnet hatten und können jederzeit abschätzen, was genau die Folgen dieser oder jener Entscheidung im Detail sein werden.
Diese Situation bringt die Politik in ein Darstellungsproblem. Sie hat keine ausreichende Weltkenntnis, sie kennt vor allem die Zukunft nicht. Sie muß also riskant entscheiden. Wenn es aber um den politisierten Konflikt von Entscheidern und Betroffenen geht, kann sie ihre eigene Entscheidung nicht gut als das darstellen, was sie ist: als riskant.
(Luhmann, Soziologie des Risikos)
Politik muss also suggerieren, was sie eigentlich zu leisten gar nicht im Stande ist. Das heißt, dass sie sich als Zurechnungsadresse von Verantwortung selbst da zur Verfügung stellt, wo Verschuldung nur noch schwer oder gar nicht mehr zurechenbar ist. Eine solche Zurechnungsadresse für Verantwortung entlastet ihrerseits die Gesellschaft von der Konfrontation mit eigener Unsicherheit und Kontingenz. Selbst wenn Schwerwiegendes geschieht, ist man als Beobachter von Politik dann nicht mit der Schwierigkeit konfrontiert, es als einen unvorhersehbaren Zufall der allgemeinen Unordnung des Lebens zuzurechnen, sondern hat in der Politik eine Adresse für Klage und Protest (insofern nimmt auch und gerade die "Politikverdrossenheit", wo sie nicht einfach Desinteresse ist, die Politik besonders ernst, da sie ihr Verantwortung für die "Gesamtsituation" und ihre diesbezüglichen Verfehlungen dann als Schuld zuschreibt). In diesem Sinn stellen Politiker -- indem sie sich dafür zur Verfügung stellen, Verantwortung für Prozesse zu übernehmen, die sie teilweise selbst kaum überschauen (geschweige denn deren Risiken bis ins Letzten vorausberechnen können) -- "Unsicherheitsabsorbatoren" dar.
Selbst Naturkatastrophen werden heute als gesellschaftsverursacht wahrgenommen. Irgendwo müsse ein Bruch des Vorausssichts- oder Vorsichtsprinzips gelegen haben, der zu einer Verschlechterung der ökologischen Verhältnisse geführt hat und die Gesellschaft für Erdrutsche, Erdbeben, Überschwemmungen, ja einzelne besonders heftige Gewitter verantwortlich macht.
(Clam, Kontingenz, Paradox, Nur-Vollzug)
Der oft beklagte "Vertrauensverlust" in die Politik scheint zum Teil eine Reaktion auf die Einsicht in diese Form politischer Selbstdarstellung zu sein, sofern die standardisierte und mittlerweile allenthalben als phrasenhaft wahrgenommene Suggestion von Sicherheit selbst inzwischen an Glaubwürdigkeit verloren hat.  

Vertrauen in Politik?

(Politik als Selbstbeschuldung)
Vertrauen setzt da ein, wo man nicht genau weiß, was wirklich geschehen wird und sich trotzdem darauf festlegt, so zu handeln, als wüsste man es doch. "Im Akt des Vertrauens wird die Komplexität der zukünftigen Welt reduziert", insofern "überzieht [Vertrauen] die Information, die es aus der Vergangenheit besitzt und riskiert eine Bestimmung der Zukunft" (Luhmann, Vertrauen), Vertrauen bleibt also immer riskant und enttäuschbar. 
Insofern stellt das politische Versprechen die größte Gefahr für die Stabilisierung von Vertrauen dar, da politisch Versprochenes (vor einer Wahl oder einer Krise beispielsweise) sich im Wandel der Geschehnisse (nach der Wahl/Krise) schon als nicht mehr durchsetzbar oder sogar als unklug erweisen kann, aber auch -- und noch schwerwiegender -- wenn da versprochen wird, wo der Versprecher gar keine Handhabe über Verwirklichung oder Nicht-Verwirklichung seines Versprechens besitzt (er/sie beispielsweise die Sicherheit von Rentenansprüchen, die Senkung von Arbeitslosigkeit oder die Sicherheit der auf Sparkonten angelegten Einlagen verspricht).
Das öffentliche Eingeständnis von Nicht-Wissen (wie man es jüngst etwa von der Piratenpartei erleben konnte) und Unsicherheit, das Eingeständnis, dass man nicht genau weiß, was die Folgen und die Risiken der Entscheidungen tatsächlich sein werden, könnte für die Wahrnehmung des politischen Diskurses also durchaus heilsam sein und es zumindest ein Stück von der Last der permanenten Souveränitätsdarstellung befreien. Und auch wenn Stuckrad-Barre schon meinte feststellen zu können, dass ihn dieses Eingeständnis inzwischen schon wieder langweile 
Wie weit kann man´s mit dieser Masche bringen: "Keine Ahnung von Afghanistan..." Nervt sie das schon, dass das so pseudofrisch kommt? Mich fängts jetzt schon an zu nerven..
(Stuckrad-Barre zu Christopher Lauer ab Minute 25) 
könnte es also durchaus als ein gesundes Korrektiv gegenüber einer sich ständig um die Suggestion von Sicherheit der eigenen und Unzulänglichkeit der fremden Vorschläge bemühten Politik fungieren. Allerdings: "Die Kommunikation von Nichtwissen stellt von Verantwortung frei" (Luhmann, Beobachtungen der Moderne), was auf der anderen Seite natürlich auch bedeutet, selbst nicht mehr zu entscheiden. Politik besteht immer in der Übernahme von Verantwortung für Entscheidungen und in einer damit verbundenen Selbstbeschuldung, d.h. Auf-sich-Nahme der dem Entscheiden (angemessen oder unangemessen) zugerechneten Folgen. Das ändert allerdings nichts daran, dass eine langfristige Veränderung der politischen Selbstdarstellung (gerade im Hinblick auf das Eingeständnis von Unsicherheit und Risiko) einen positiven Einfluss auf die Wahrnehmung von Politik haben könnte.

Die Forderung nach Transparenz

Könnte dabei die Forderung nach Transparenz zur Wiedergewinnung des "verlorenen Vertrauens" (ist es aber wirklich das Vertrauen in die Politik, das wir verloren haben?) beitragen? (Vgl. hierzu entsprechenden Beitrag auf sozialtheoristen.de)
Man mag die Hoffnung hegen, durch aufrichtige, vollständige Information Vertrauen zu gewinnen. Aber Vertrauen wozu? — wenn nichts verschwiegen wird. Vermutlich ist denn auch der Wunsch, besser informiert zu werden, eher ein Anzeichen für zunehmenden Vertrauensverlust als ein Mittel, Vertrauen zu gewinnen.
(Luhmann, Soziologie des Risikos)
Vertrauen in Politik bedeutet ja gerade: Sich verlassen können/wollen auf die durch die Autorität (Expertise, etc.) anderer zur Verfügung gestellten Unsicherheitsabsorptionen. Wer hat schon die Zeit, jede Beratungssitzung wirklich im Live-Stream zu verfolgen? Wer die Zeit, alle Protokolle zu lesen, sowie vor allem auch die Aufmerksamkeit und Kenntnis, sie alle zu verstehen? In diesem Sinne bleibt die Politik auf Intransparenz angewiesen (was allerdings nicht bedeutet, dass Transparenz im Sinne der grundsätzlichen Ermöglichung, dies alles im Einzelnen in Erfahrung zu bringen, wenn man nur will (d.h. Transparenz als "Zugänglichmachung"), nicht zur Wahrnehmung der Politik als vertrauenswürdig beiträgt).
Kandidieren heißt ja doch, an den eigenen Kraftüberschuss glauben. Und glauben, dass man selber ein "Container" ist, also eine Hohlform, in der sehr viel gesellschaftliche Sorge deponiert werden kann. Und das ist eine Haltung, die für die demokratische Politik zwar konstitutiv ist, auf die Dauer aber nicht mehr tragen wird. Dieser "Müllabfuhrpolitiker", der sich sozusagen als Sorgencontainer der Öffentlichkeit anbietet und dann am Ende doch aber auch selber auf den Müll geschickt wird, das ist ein Typus, dem ich keine große Zukunft zuspreche. 
(Sloterdijk, Autobahnuniversität, Gespräche mit Carlos Oliveira, 1996)
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Freitag, 23. März 2012

Der elf-köpfige Soziograph auf Bildungsreise im Bahnabteil, eine Mikronovelle XXVIII

[Re-Entry 24.12.11]
Keine Goethe-Reise gemacht = der ekS auf fliehender Wanderschaft mit Blick auf weiten Flur (Einz Zwo, Unschuld vom Lande). Ein Signal öffnet die Portale: Zwei parallele "Vierer" (auch in der Unendlichkeit ungeschnitten) sofort besetzt: Maike, Sabine, Marlene, Karo, Delfi, Liha (und noch zwei) schief aber gerecht ins Abteil verteilt. Die eben noch in kleine Doppel zerstreute Unruhe wandert jetzt zur Mitte. Erste zögernde nervöse Wellen Lachen lösen sich zuerst aus Einzelmündern. Marlene wirft mutig zwei Sätze hin: zwei prusten gleich, der Rest schließt kaum vermittelt auf: Langsam setzt sich die Lachmaschine in Gang. Nach zwei kanonischen Lachsalven rollt die ganze Runde, unverwundbare Lachkugel, in organlosem Innen durchs Gewitter. Zuckende Wellen Gekicher ziehen durch den Gang, alte Herren fühlen sich unbequem gegen Wände geschoben, in Mitten unbeholfen ausgestellt; ernsthafte Mütter und ein Paar, anglophil und gelotophob, erproben sich an einer Empörungsblickkontakte-Blase, die an nächster lachender Spitze aber gleich zerplatzt.

Auch der ekS vermeidet Blickkontakte, wirft bunte ungeschliffene Worte als Irritationsgelenke gegen die Hülle der wabernden Lachgestalt: hinter Nagellack und einem schwarz-scheiteligen Horizont als Kante, kleine Ruinen an der Wange, stockt zwei Sekunden die Kugel. Etwas ändert sich. Marlene kompensiert den Schreck durch Wiederholung, findet nicht sofort wieder Anschluss. Dann entspannt Delfi den Regenschirm ins Abteil -- Verkantungen lösen sich, die Kugel ist wieder heil und ruckelfrei, lacht vorsichtiger weiter. Sabine brütet ernst. Kleine Phänomenologinnen des Alltags entdecken die Ähnlichkeit zwischen dem Türschlussignal und Emma, Lukas´ Lokomotive. Eine will auf einmal das Höhlengleichnis analysieren im Abitur. Der stille Zug sei gruselig, mutmaßt Marlene. Dann rollt er (noch immer oberhalb) ins Gleis, drei irritierte Passagiere auf dem Weg in Die lächelnde Röhre zum Abschied.
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Mittwoch, 21. März 2012

ZSCHOKK - Angst um Adorno

Bei Adorno ging die Leugnung des Männlichen so weit, daß er vom Namen des Vaters nur einen Buchstaben behielt, W. Der Weg zum Wiesengrund muß jedoch nicht gerade ein Holzweg sein.
(Sloterdijk, KdzV)
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Samstag, 10. März 2012

Lieber Nüstern als nüchtern: Die Zukunft der Kunst, die Zukunft der Vernunft

[Re-load vom 3.12.11]
Mein Genie ist in meinen Nüstern..
(Nietzsche, Ecce Homo)
(Aufschlingende und verschlingende Vernunft
konstellieren sich im Denkraum
Wenn die "Zeit der großen Einzelnen" vorbei ist, Originalität nicht mehr nur unwahrscheinlich, sondern generell als ein Effekt der historischen Selbstverwischung der Kulturen entlarvt ist, müssen Kunst und Geisteswissenschaft andere Leitorientierungen finden. Die Philosophie//Theorie kann sich nicht länger an der Vorstellung festhalten, dass sie das Denken weiter entwickelt, dass sie heute besser und in klareren Synthese begreift, was Vorgängergenerationen nur durch trübe Linsen zu sehen bekamen; und die Kunst kann nicht länger glauben, dass sie einer historischen Linie vorgezeichneter -- oder doch zumindest re-spektiv so erscheinender -- Notwendigkeiten in der Gestalt von Großgeistern [resp. Genies] ihre Wege bahnt. Zu wenig konnten die einzelnen Künstler wahrnehmen, um alles Wesentliche in ihre Werke einfließen zu lassen, zu wenig konnten die Theoretiker lesen, um in ihren Texten das Ganze dessen, was schon gedacht war, weiterzuschreiben. Wenn die Zuschreibung von Originalität selbst als eine Frage des vorausgesetzten Horizontes erkennbar wird, muss auch der Glaube an den eigenen Fortschritt, der in den Naturwissenschaften noch einen einfachen, an der Kontrollierbarkeit der Phänomene festzumachenden Sinn besitzt, aufgegeben werden. Natürlich, man kann sich gegen so etwas hier wie überall re-naivisieren: 
Wer [immer noch am alten Fortschrittsglauben festhält] - und man kann das natürlich, wenn man Bücher schreibt oder Kongreßreferate hält - begründet dies [meist überhaupt nicht, sondern tut am besten so, als könnte alles einfach weitergehen wie bisher].
(nach Luhmann, Soz.Sys.) 
Weiter an den Dingen schreiben und arbeiten, an denen man halt so schreibt und arbeitet: Als ob die Philosophie//Theorie und die Kunst einfach weiter so möglich wären wie bisher. Aber Kunst und Theorie sind keine überschaubaren Großbewegungen, die in ein Schema der vernünftig aufeinanderfolgenden Epochen passen. Beide wachsen heute wilder: In die Fläche, in Untergründen, breit und gestreut, immer von vielen an vielen verschiedenen Orten zugleich voranbewegt:
Nicht zufällig haben die Werke der Gegenwart häufig relativierende Attribute um sich, sie werden leiser, fungibler, weniger epatant, biographischer, subkultureller, ironischer gegen Genialismus, skeptischer gegen Wirkung sowie Wirkungsverweigerung.
(P.S.)
Kunst und Theorie mit Befreundungs-Bewusstsein werden nicht mehr "für alle" zu sein beanspruchen, nicht mehr für alle (und auch nicht für alle und keinen); sondern für die jeweils Anderen, die sich von Ähnlichem faszinieren lassen.
Ich muß sagen, ich halte Begriffe wie Faszination, interessant, erregend für viel zu wenig beachtet in der deutschen Ästhetik und Literaturktitik. Es soll hierzulande immer alles sofort tiefsinnig und dunkel und allhaft sein [...] demgegenüber glaube ich, daß die inneren Wandlungen, die die Kunst, die das Gedicht hervorzubringen im Stande ist [...] aus dem Erregenden, dem Faszinativen hervorgehen.
(Benn, Probleme der Lyrik)
Die Kunst tut sich hiermit sehr viel leichter. Gerade sie kann sich in Faszinationsgemeinschaften, denen ähnliche Stile, ähnliche Motive, ein ähnlicher Sound oder eine ähnliche Art von Unsinn behagen, sehr viel einfacher neu einrichten als das der Philosophie gelingen kann: die Kunst hat es längst; und nur die Fiktion eines weltweiten Kunstmarktes erzeugt hier noch so etwas wie die Vorstellung eines Ortes, an dem sich alle Kunstwerke mit allen anderen messen würden, um die wenigen Großen als Sieger zu bestimmen. Aber das ist ein Problem des Marktes und seiner Selbstwahrnehmung, keines der gegenwärtige Kunst. Die Philosophie dagegen tut sich schwer, ihre Ansprüche auf Allgemeinheit aufzugeben, obwohl sie inzwischen teils so selbstzerstreut erscheint, dass der Singular, mit dem man das Fach bezeichnet, als ein bloß noch historisches Erbe anmuten kann. Woran sollte man sie erkennen? Besitzt sie denn eine eindeutige Form? Einen eindeutigen Gegenstand? Wäre es nicht vielleicht angebracht, den Begriff "Philosophie" aus Respekt vor seiner altmodischen Gravität für eine Weile ruhen zu lassen, ihn zu "musealisieren" (in den Schutz der Ausstellung zu ziehen)? Man könnte derweil an seine Stelle etwas setzen, was die Freundschaft zur Befreundung meint und nicht mehr die Freundschaft zu einer bestimmten Weisheit -- "Philophilie":
Noch einmal, anders: 'Philologie ist Zuneigung der Sprache zu einer Sprache, die ihrerseits Zuneigung zu ihr oder einer anderen ist. Darum ist Philologie Zuneigung zur Sprache als Zuneigung. Sie mag in der Sprache ihr Mögen, ihres und ihr eigenes. Sprache ist Selbstaffektion im anderen ihrer selbst. Philologie ist Philophilie.
(Werner Hamacher, 95 Thesen zur Philologie)
Vielleicht wäre aber damit auch zu früh eine Sache aufgegeben, die nach wie vor den Versuch einer Gegenwartsformatierung mit eigenem Faszinationswert ertragen könnte:
Daß es "Grand Theories" nach wie vor geben kann und geben sollte, ist damit nicht bestritten. Aber sie haben, wenn sie "intellektuell" zelebriert werden (was nicht sein muß), zugleich etwas Spielerisches, Künstlerisches, Selbstironisierendes an sich. Man führt eine Konstruktionsanweisung aus und sieht, wie weit man kommt.
(Luhmann, Gibt es ein "System" der Intelligenz?) 
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Dienstag, 28. Februar 2012

Eine philosophisch-verträumte Temperamentenlehre zwischen Ernüchterung und Weltwiedererwärmung

[Re-Enrty vom 22.06.11]
Kunst und Theorie nach der Abklärung I 

(Quelle: Flickr - Dominic´s Pics, CC BY 2.0)
Das Licht der Aufklärung war immer schon ein Licht von verhältnismäßig niedriger Temperatur. Ihr Versprechen war nie das einer klimatischen Restauration der Welt, ihr Genuss und Eifer nie mehr als die Begleiterinnen des guten Gewissens, die falschen fremderzeugten Schattenbilder durch potentere Selbst-Innenbeleuchtung zu vertreiben. Aber die hellste Beleuchtung ist - wie man weiß - nicht immer auch die angenehmste. Und so sind bei näherer Betrachtung Aufklärung und Ernüchterung, Auf- und Abklärung zwei Seiten derselben, eifrig ent-eifernden Bewegung, die gleichermaßen Mut zur Kälte und Mut zur Selbstüberschätzung von ihren Adepten einforderte.

Das Licht der Aufklärung - das in Dunkelheiten nur zu orientieren vermag, sofern die Welträume, die es ausleuchtet, überhaupt ausreichend widerständige Strukturen bereitstellen, um noch von "Orientierung" im positiven Sinn zu sprechen - ist ein nüchternes Licht, Neonlicht. Und wenn es überhaupt ein Licht für Menschenhände und Menschenaugen ist, bleibt ihm doch die Motivation für konkrete Ziele und Richtungen gänzlich fremd: Der Eifer der Aufklärung und ihrer Aufklärer kennt sich zwar selbst als engagierendes Ziel, aber was "nach" der Aufklärung kommen soll, lässt sich aus diesem Eifer nicht noch einmal eigens motivieren...
...Hier weiterlesen...
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Samstag, 11. Februar 2012

Die Geburt der Fahrlässigkeit aus dem Geist der Selbstentlastung


(Beschwerte Individualität)
Gehäuse und Widerstände III

Die Abfall des Realitätsdrucks im Inneren der Kulturgehäuse bringt mit einer gewissen Wahrscheinlichkeit "fahrlässige Individuen" hervor. Realitätsdruck meint dabei diejenige Form von Nötigung, die ein Individuum (beispielsweise durch die Verknappung von Ressourcen (im einfachsten Fall: Reduktion von Komplexität durch das Verstreichen von Zeit) oder direkte Konfrontation mit Gefahr) unausweichlich zum Treffen konkreter Entscheidungen nötigt, sofern es überhaupt ähnlich wie bisher weitermachen will. Die Kultur dient hier gleichsam als ein Schutzwall, an dem die heranbrandenden Realitäten locker auslaufen, ihre erste Wucht verlieren können, um dann als seichte und unbedrohliche Ereignis-Wellen (vermittelt beispielsweise durch öffentliche Medienkanäle) die Kulturinsassen zu erreichen. 

Ein in eine allzu stark ausgebildete Ernstabschottung geborenes Individuum bekommt allerdings selbst von diesen Wellen kaum noch etwas mit. In warme Gehege einkuschelt erlebt es seine Welt als einen Raum der diffusen und semi-relevanten Optionen:
Wir treiben auf dem Ozean der Appetite, Erlebnisbereitschaft hat die Welt entgrenzt. [...] [Der moderne Verbraucher ist] nicht mehr zur Freiheit, sondern zur Frivolität [verurteilt]. Frivol ist, wer ohne ernsten Grund in der Natur der Dinge sich für dies oder das entscheiden muß [...]. Alles geschieht im Bewußtsein dessen, daß es ebensogut anders ginge. Ästhetik -- die Komödie des Bevorzugens.
(P.S., Falls Europa erwacht) 
Er treibt bewusstlos -- weil wenig entscheidungsaffin -- durch seine Gefilde, er muss keine Konsequenzen "ein für allemal" auf sich nehmen, er driftet fahrlässig als buntes und lustiges Möglichkeitsknäuel ohne ernstzunehmenden Verwirklichungsdrang durch die sich ihm gerade anbietenden Passagen und Programme, lacht fröhlich unentschlossen vor sich hin.
Steigt nun allerdings der Realitätsdruck im Selbst- und Kulturgehäuse wieder an, müssten auch die entsprechenden Ernstfallprogramme dem Einzelnen bei der Bewältigung dieses Drucks wieder beistehen, ihm konkretes Entscheiden irgendwie ermöglichen. Für fahrlässige Individuen beginnt an dieser Stelle das Problem: Ihnen steht kein Sensorium zur Erkennung des Ernstfalls mehr zur Verfügung, sofern sie bisher nur beliebig an sie herangespülte Optionen ohne allzu hohen Ernstwert kannten. Die Bedrohung "geht an ihnen vorbei", oder sie wollen es schlichtweg nicht akzeptieren, dass ihr freie Optionalität durch Restriktionen von außen begrenzt werden könnte und beginnen -- wie man heute sagt -- zu "prokrastinieren". Prokrastination wird möglich und wahrscheinlich, sobald das Unterlassen von Entscheidungen nicht mehr als eine Bedrohung des Weitermachens wie bisher erlebt wird, sobald der erlebte Realitätsdruck unter ein bestimmtes Engagierungs-Niveau gefallen ist. Die Entscheidungen werden an ihrer Stelle dann von der verstreichenden Zeit und den so verunmöglichten Möglichkeiten wie von selbst getroffen. "Not der Notlosigkeit" hat Heidegger das genannt, die "Schwierigkeit der Wiederbeschwerung der Welt" könnte man das Problem heute vielleicht nennen.  
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Mittwoch, 8. Februar 2012

Zorn und Sound

Nimmt die Verausgabung des Zorns entwickeltere Formen an, kommt es so weit, daß die Saaten des Zorns bewußt gesät und die Früchte des Zorns mit [verbaler] Sorgfalt geerntet werden.
(P.S., Zorn und Zeit)
[Der Original-Ausschnitt aus der SWR-Diskussion findet sich hier]
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Freitag, 20. Januar 2012

Lebens-Kunst-Nischen XXII: Zur Welt kommen. Zur Sache kommen


(Einladung zur Teilnahme vs. "Krise des Arenabewusstseins")
Wer Philosophie über die Probleme identifiziert, die sie jeweils zu lösen versucht und beansprucht, wird schnell darauf aufmerksam, dass eine Philosophie der Selbstorientierung andere Schwierigkeiten zu diskutieren hat als eine Philosophie der sicheren Erkenntnis. Selbstorientierungsphilosophien suchen ihren Halt nicht in letzten Tatsachen sondern in spezifischen Arrangements derjenigen prozesshaften Beweglichkeit, die man sonst "das eigene Leben" nennt (--> Selbstaneignung). Nachdem Rafael Horzon hier schon theoretisch und praktisch einiges vorgearbeitet hat, liefert S. diesmal einen Vierschritt gelingender Weltaneignung nach der ersten Welteröffnung:

Erst einmal das Dringendste aus der Bahn arbeiten, um einen Spielraum möglichen Anderstuns zu erschließen..
Das Dringlichkeits-Apriori: 
"Bei einer genaueren Analyse zeigt sich, daß niemals die Zeit als solche drängt, sondern der Drang als solcher Reihenfolgen zeitigt; an deren uns zugekehrten Spitzen stehen immer die Dinge, die wir als unumgängliche Dringlichkeiten erleben. Unter dem Druck des Dringlichen vollzieht sich die Umandlung von Notwendigkeit in Erste Selbsthilfe."
..etwas anfangen...
Das Initiativ-Apriori:
"Es besagt zunächst nicht mehr, als daß Menschen, um zu einer Welt zu kommen, etwas anfangen müssen -- ohne eigenes Anfangen keine Welt. [...] Das Mitsichanfangen, von dem hier die Rede ist, bedeutet buchstäblich: Sichanfangen. Man muß diese Redewendung hören, als hieße sie: Sichscharfmachen, wie eine Bombe; Sichzururaufführung bringen, wie ein noch nie gespieltes Stück; [...] Sichübernehmen, wie ein bisher untragbares Gewicht [...]."
..nie das allerwichtigste vorbereiten..
Das Zurückstellungs-Apriori  ["Das Prinzip Aufschub"]:
"Durch Zurückstellung entstehen Vorfelder zu den Hauptsachen, und solche Vorfelder lassen sich beleben, bewohnen und bewirtschaften. Man darf behaupten, daß Lebenskunst über weite Strecken sich auf die Kunst der Nebensachen bezieht, wie es auch Anhaltaspunkte für die Vermutung gibt, daß ein gut Teil des wirklichen Lebens sich nicht auf dem Spielfeld, sondern im Seitenaus abspielt, nicht während des Hauptprogramms, sondern in der Pause. [...] Wie jeder sieht, spielt sich heute ein kultureller Ansturm ins Vorfeld ein, das Leben wird für echte Metropolitaner zum Zehnkampf im Leichtnehmen aller Disziplinen."
 ..und damit trotzdem auftreten.
Das Bühnen-Apriori:
"Kulturen sind [...] nicht nur soziale "Systeme", in denen Entbindungen stattfinden, wo Dringlichkeiten verarbeitet, Initiativen ergriffen und Vorfelder zur lockeren Pflege der zweitwichtigsten Dinge eingerichtet werden. Sie sind vor allem bühnenbauende Systeme. [...] Das Zurweltkommen von Menschen verweist von Anfang an auf die Bühnen und Arena-Eigenschaften der Welt als solcher. [...] [Was es gibt], ist eine Krise des Zurweltkommens, eine Krise des Arenabewußtseins und des Glaubens daran, daß Menschen Wesen sind, die völlig zur Welt kommen können, um ganz von dieser Welt zu sein."
(Alles jeweils aus: Sloterdijk, Zur Welt kommen. Zur Sprache kommen.)
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Donnerstag, 12. Januar 2012

Erwachen und Einschlafen -- Für eine Philosophie des Sich-nochmal-Umdrehens




Nachdem durch Husserl und Kant bereits erste Spuren einer Philosophie des Gähnens in formalwissenschaftlicher Tönung zusammengetragen sind, kommen nun zwei erzählende Philosophen einschlafend und aufwachend zum Zug:

Einschlafen:
An uns selbst sind wir noch leer. So schlafen wir leicht ein, wenn die äußeren Reize fehlen. Weiche Kissen, Dunkel, Stille lassen uns einschlafen, der Leib verdunkelt sich. Liegt man nachts wach, so ist das gar kein Wachsein, sondern zähes, verzehrendes Schleichen an Ort und Stelle. Man merkt dann, wie ungemütlich es mit nichts als mit sich selber ist.
(Ernst Bloch, Spuren)
"Vermutungen über das Erwachen":
Wieder sorgt ein Morgen dafür, daß es mich geben wird. Eine helle Brise geht durch das Halbdunkel; im Zimmer erscheinen die Vorzeichen eines Etwas, das sich durch Geräusche von Tätigkeiten melden läßt. Dieses Sein -- oder wie immer das, was sich da rührt, sonst heißen könnte -- verhält sich kaum anders als Eltern, die sich keine Mühe mehr geben, leise zu sein, wenn für die Kinder die Zeit zum Aufstehen gekommen ist. Die Geräusche werden angreiferisch, um nicht rücksichtlos zu sagen. So mag die Welt im übrigen sein, was sie will, sicher ist nur, daß sie etwas ist, was seinen Betrieb vor mir beginnt. Die Lichtfliegen lassen sich an den Augenlidern nieder, sie werden nicht aufhören, ihr Quälgeisterwerk wahrzunehmen, bis sie die Augen dazu gebracht haben, ihren Widerstand gegen den Tag aufzugeben. Ich bin durchdrungen von der Ahnung, worauf die Szene hinauswill. Zu oft habe ich, was bevorsteht, durchgemacht, als daß ein Mißverständnis über den Ausgang der Sache möglich wäre. Ich weiß, was sie vorhaben -- sie wollen mich, daran ist kein Zweifel, wieder zu mir bringen. Längst habe ich verstanden, daß in der Nacht die dunkel gekleideten Bademeister zwischen den Schlafwannen auf und ab gehen und gegen Morgen, oder wenn sie sonst meinen, den Stöpsel herausziehen. Während das Schlafwasser abläuft, kommt langsam der Körper wieder und fühlt sich als eine vage Tendenz, die bald dieses und jenes tun soll -- man wird es handeln nennen, wenn man erst wieder auf den Füßen steht.
(Sloterdijk, Weltfremdheit)
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Dienstag, 3. Januar 2012

"Links" von "Rechts" unterscheiden: Avantgarde-Konservativismen auf der Überholspur


Ein Stück echte Protesttheorie [Missstand; Freizeit; Kritikfähigeit; Protestgrad]; Quelle: fallen/legen
P.S. beobachtet Luhmann mithilfe des Schemas [konservativ/progressiv] und stößt auf die Einheit der Luhmann-Paradoxie. Das Publikum kann als ausgeschlossener Dritter nur hustend protestieren, will sich selbst am liebsten als progressiv beobachten und entdeckt sich auf einmal als Bewahrer der schönen guten alten Bestände wieder. [--> "Die Paradoxie des pseudoprogressiven Neokonservativismus"]
Luhmann fängt als gewöhnlicher Konservativer an, um mit der Zeit zu dem zu werden, was eine italienische Kolumne einen "Avantgarde-Konservativen" genannt hat. Man könnte auch sagen: zu einem Vertreter eines Genres von Denkern, die sich der Kunst, kein Priester zu sein, in einer bisher nicht gekannten Konsequenz gewidmet haben. Intellektuelle, die Luhmann nahestanden, haben hierzu bemerkt, er habe die vorgeblich "Linke" methodisch längst links überholt. Gerade weil Luhmann der rebellische oder revolutionäre Impuls existenziell fremd geblieben  ist, weil ihm das Wegräumenwollen von Hindernissen gegen expansive Ansprüche einer aufsteigenden oder expressiven Gruppensubjektivität auf vitaler Ebene unzugänglich schien, weil er durch eine unerklärliche Bescheidenheit für sich selbst und seine Umgebung nichts finden konnte, was unter allen Umständen umgewälzt und beseitigt werden sollte, war er -- wie kaum ein anderer -- dazu prädisponiert, sich freizumachen von allen naiv oder hypokritisch-parakletischen Rollen.
(Sloterdijk, Anwalt des Teufels)
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Donnerstag, 22. Dezember 2011

Crash Course in Science - It Cost´s To Be Austere


Musikalische Fußnote zur wissenschaftlichen Enthaltsamkeit. Der "Scheintod im Denken" als Exzess.

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