Posts mit dem Label Lichtenberg werden angezeigt. Alle Posts anzeigen
Posts mit dem Label Lichtenberg werden angezeigt. Alle Posts anzeigen

Samstag, 17. November 2012

Lob der Unentschiedenheit - Ein Plädoyer

Vielleicht hat es kein sprachnormatives und zugleich sprachtheoretisches Postulat gegeben, das Jahrtausende so ungebrochen überstand, wie die europäische Ächtung der Ambiguität.
(Schüttpelz, Figuren der Rede, 1996)
("Konsequenzen mangelnder Ambiguitätstoleranz")
Wie anstrengend ist einer, der sich nicht entscheiden kann. Wie unangenehm einer, der keine eigene Meinung vertritt. Eine eigene Meinung vertreten, das ist auf jeden Fall einer der großen zivilisatorischen Schritte in der Menschwerdung junger Hominiden. Zu Meinung und Entscheidung gehört Mut. Echter Heldenmut. Vor allem dann, wenn man eigentlich gar nicht genau wissen kann, was die richtige Meinung eigentlich ist. Dann trotzdem etwas bestimmtes meinen: das ist Stärke. Man weiß nichts ganz genau und ist sich aber trotzdem absolut sicher: echter heldenhafter Meinungsmut. ("So sieht das aus!" "Auf keinen Fall!") Deshalb erscheint für gewöhnlich der Vorwurf der Unentschieden- und Meinungslosigkeit als messerscharfe, stechende Kritik, gerade auch, weil sie charakterlich ins Eingemachte zielt. Wer ist schon gern ein Unentscheider?

Man kann sich natürlich fragen, ob das so stimmt. Die hinter solchen Bemerkungen rumorende These ist offenbar, dass das Stellungnehmen mehr Kraft und Anstrengung erfordert, als das unentschlossene Dahingestelltseinlassen möglicher Tatsachen. Es könnte vielleicht nützlich sein, hier zwischen Entscheidungsstärke und Meinungsstärke zu unterscheiden. Eine entscheidungsstarke Person ist bereit, Entscheidungen zu treffen. Eine meinungsstarke Person ist bereit, Meinungen zu vertreten. Nun ist schnell einsichtig, dass die potentiellen Kosten für zukunftsrelevante Entscheidungen sehr viel schneller sehr viel höher sind, als die potentiellen Kosten für das Vertreten einer (und sei es einer abseitigen) Meinung. Sehr schematisiert lässt sich sagen: Mögliche Folgen einer riskanten Entscheidung tragen alle, die sich im Wirkraum der Entscheidung aufhalten. Die möglichen Kosten für eine vertretene Meinung trägt nur der, der sie vertritt (sobald die Meinung etwa skandalisiert, oder eine Person durch ihre Meinung aus für sie relevanten Kontexten exkludiert wird). Entscheidungen können teuer werden, Meinungen sind überall billig zu haben -- insofern gehört zu wenigen Meinungen wirklich Mut. Während eine entscheidungsstarke Person durch Entscheidungen bewusst Unsicherheit als Risiko absorbiert (d.h. sich als Zurechnungsadresse für oft unkalkulierbare Verantwortung zur Verfügung stellt), ist eine meinungsstarke Person häufig einfach nur lauter als der Rest. Wer entscheidet, obwohl er eigentlich nicht sicher wissen kann, absorbiert dagegen ein Risiko, dass er dann seine Verantwortung nennt. Der Verantwortliche trifft bei prekärer Faktenlage eine mutige Entscheidung und heimst sich dann -- je nach Spielverlauf -- Lob oder Tadel ein. Die mutige Entscheidung erscheint dann einmal als grandiose Fehleinschätzung (der eingewechselte Spieler schießt ein fatales Eigentor), das andere Mal als glorreich-mutige Vorhersehung dessen, was nicht vorherzusehen war (der eingewechselte Spieler gibt die zwei spielentscheidenden Vorlagen).

Entscheidungen sind daher immer problematisch. Meinungen sind das auch. Der Unterschied ist nur, dass Entscheidungen unvermeidbar sind, meinungsartige Positionierungen aber nicht. Wieso? Die Situation der Entscheidung ist immer die durch das Verstreichen von Zeit forcierte Notwendigkeit einer Auswahl aus einer gegebenen (bewussten oder unbewussten) Menge möglicher Optionen (unter denen das Nichts-Entscheiden eine ist). Wieso sollte für die Meinung nun Analoges gelten? Das "Meinen" (im Sinne einer wie immer erläuterten "Identifikation" mit einer "Position") ist nie in analoger Weise zu einer Vereindeutigung gezwungen. Im Gegenteil, die Vereindeutigung der eigenen Haltung gegenüber einem Problem zu einer "Meinung" kommt immer einer bewussten Renaivisierung gleich: Man behandelt das Problem, als ob es eine Entscheidung sei. Ich weiß, dass ich nicht genau wissen kann -- und weiß aber trotzdem. Eine mögliche Definition von Sturheit. Das ist zumindest den fallibilistisch denkenden Naturwissenschaften immer schon klar gewesen:
Mit ihrem Bedürfnis nach Vollendung wie mit ihrem Prinzip steht die Wissenschaft in einem vollkommenen Gegensatz zur Meinung. Wenn sie einmal in einem besonderen Punkt die Meinung rechtfertigen sollte, so aus anderen als für die Meinung ausschlaggebenden Gründen, so daß die Meinung auch im Recht immer unrecht hat. Die Meinung denkt falsch; sie denkt nicht: sie übersetzt Bedürfnisse in Erkenntnisse.
(Bachelard, Die Bildung des wissenschaftlichen Geistes) 
Man könnte aus dieser Überlegung die Vermutung ableiten, dass ein Gewinn darin liegen könnte, in Texten zu Problemen keine voreiligen Entschiedenheiten zu suggerieren. Texte so unentschieden werden zu lassen, wie es die Probleme selbst sind. Es ist für die Lösung von Problemen nicht mehr interessant, wenn in Texten Meinungen vertreten werden. Meinungen kann man sich jeder Zeit auch selbst und leicht herbeispekulieren. Ob jemand sie dann auch noch "vertritt", fügt den Meinungen weder etwas hinzu, noch nimmt es ihnen etwas weg. Interessanter sind Texte, die die Dinge verkomplizieren. Hypothetische, ambiguitätsoffene, ambiguitätseröffnende Texte, die dem Leser Oszillationen statt Positionen, Irritationen statt Konspirationen, kompliziertere Fragen statt provokativere Meinungen anbieten. Das mag in einer meinungs- und positionsfixierten (dazu auch noch skandalfixierten) Öffentlichkeit schwer vermittelbar erscheinen. Das muss aber nicht so sein.
[27.05.12]

Samstag, 4. August 2012

Schielen lernen mit den "magischen >>Augen" der Wunderwelt<< - Mythopoietisch-pathetische Perspektiven


"Aber mein place-to-be ist utopisch" (Retrogott)

"Nicht als Untergrabender, sondern als Ebnender versteht sich
Kant: nicht als Maulwurf, sondern als Planierraupe."
(Krell, Der Maulwurf)

Hypotope (Foto: cc by-nc-nd Bruno Monginoux)
Wer die sichernden Gründe verlässt gerät in instabile Bezirke. >Hier< kann es von Vorteil sein, mit Ohren zu sehen um mit Augen zu hören. "Ist es wirklich so traurig und gefährlich, daß die Augen nicht mehr sehen wollen, die Lungen nicht mehr atmen, die Sprache nicht mehr sprechen...?" (Deleuze/Guattari) Das Lösen der Griffe auf der Suche nach klügeren Stricken führt Schritt für Schritt vom Be- ins Un- und Unter-griffliche zurück (!?). >Zwischen< "Nacheinander" und "Nebeneinander" ("Schließ deine Augen und schau! [...] Fünf, sechs: das Nacheinander. Genau: und das ist die unausweichliche Modalität des Hörbaren. Öffne deine Augen. Nein. Jesus! Wenn ich von einem Felsen fiele, der in die See nickt über seinen Fuß, ich fiele unausweichlich durch das Nebeneinander." - Joyce) scheinen vage Orte auf, Zwischen-Orte, Bei- und Vor-Orte, hypotopische, atlantische Aufenthalte. >Was< macht hier noch Unterschiede? "Wo sind wir...?", will man fragen und spürt, dass das alte "Wo" >von hier aus< schon nicht mehr zu sehen ist, statt "Ich" oder "Wir" würde >man< lieber "Es" sagen (Lichtenberg); aber selbst >da< regt sich schon wieder leise aber distinkt ungutes Gefühl.
Es ist nicht unmöglich, sich mit einem solchen kybernetischen Denken auseinanderzusetzen, aber das verlangt einen elementaren Wechsel der Ebenen: von Land zu Meer, - und damit ändern sich auch alle anderen Bedingungen und wir benötigen auf einmal eine andere Aufmerksamkeit, einen überraschend beweglich gewordenen Verstand. Ja, wir müssen uns hier ganz anders als zuvor "aufs Spiel setzen". Immer in der Gefahr das Wesentliche aus den Augen zu verlieren: "Thalassa", die "kleinste Kluft", das, wo alles vor sich geht (d. h. auch, noch einmal: den stummen Hintergrund der Schrift, der manchmal laut wird, durch den auch Stürme fegen); immer in der Gefahr, dass wir dann irgendwo stranden (und notgedrungen unser Lager aufschlagen: wieder einen Standpunkt beziehen...), dass unsere Klugheit nicht ausreicht und wir Schiffbruch erleiden; dass wir die falschen Routen wählen, oder unsere Fesseln zu locker sind: es gibt tausend Gründe unzeitig und spurlos im Offenen zu verschwinden.
(Anonym)
Deshalb ist überall Vorsicht geboten. >Wir< brauchen neben klugen Fesseln Proviant, aber brauchen >wir< auch und wie Navigation. Tasten >>wir<< >uns< nicht mit "Flimmerhaaren" (Benn) an kleinsten salomaimonischen "Differentialen" entlang. Vielleicht kommen >wir< dabei auch gar nicht umhin, die >falschen< Routen zu wählen, aber die Frage bleibt, woher >wir< und wie und wann wissen, dass es >falsche< Routen waren. Wie weit ins Offene sollten >wir< >>uns<< bewegen, sind wir überhaupt schon ins Offene geraten. Wünschen >wir< uns denn noch, dass Gründe tragen:
Sokrates war, meine Herren, kein gemeiner Kunstrichter. Er unterschied in den Schriften des Heraklitus, dasjenige, was er nicht verstand, von dem, was er darin verstand, und that eine sehr billige und bescheidene Vermuthung von dem Verständlichen auf das Unverständliche. Bey dieser Gelegenheit redete Sokrates von Lesern, welche schwimmen könnten. Ein Zusammenfluß von Ideen und Empfindungen in jener lebenden Elegie vom Philosophen machte desselben Sätze vielleicht zu einer Menge kleiner Inseln, zu deren Gemeinschaft Brücken und Fähren der Methode fehlten.
(Hamann, Sokratische Denkwürdigkeiten)
Wenn Medien trügen und Behälter beinhielten -- wenn Sprache mehr Boot als "Haus" (Hdg//KKS), mehr Wasser als Boden wäre. Schwimmen oder tauchen wir. Müssten wir nicht mit Flüssigkeiten zu sprechen lernen: "Du sagst, Du hast Flows, aber das ist nur Kondenswasser." (Retrogott) "Meine Flows sind wie Wein. Du dagegen bist unreif. Du bist zu steif für tighte Rapflows." (Taktloss) Wo hielten wir uns auf. In Dunkel-, "in denen man erst nach längerer Eingewöhnung etwas sieht" (Luhmann), oder Wunderkammern: "Wenn uns ein Engel einmal aus seiner Philosophie erzählte, ich glaube es müßten wohl manche Sätze so klingen als wie 2 mal 2 ist 13." (Lichtenberg). >Was< wollen >>wir<< hier noch unterscheiden. >Was< unterscheidet >>uns<<. Kein Kybernet geht über Wasser - eher noch durchschwimmt _sie_ mit offenen Augen die Gründe: viel schmerzhafte Unterschiede, >Stille der Schattenwelt<, mit "embryonischen" Maulwurfsaugen (Schopenhauer).
Denn, von ihr [der Theorie] wird, zum Skandal der Philosophie, nicht selten vorgeschützt, dass, was in ihr richtig sein mag, doch für die Praxis ungültig sei: und zwar in einem vornehmen wegwerfenden Ton, voll Anmassung, die Vernunft selbst in dem, worin sie ihre höchste Ehre setzt, durch Erfahrung reformieren zu wollen; und in einem Weisheitsdünkel, mit Maulwurfsaugen, die auf die letztere geheftet sind, weiter und sicherer sehen zu können, als mit Augen, welche einem Wesen zu Teil geworden, das aufrecht zu stehen und den Himmel anzuschauen gemacht war.
(Kant)
Wer hier "sehen lernen" möchte - nicht "weiter und sicherer", mit neuer "Kurzsichtigkeit" - sollte sicher sein, dass er dafür ausreichend gewappnet ist. Sich mit >Klugheit< ("Habt ihr auch genug Klugheit walten lassen? Nicht etwa Weisheit, sondern Klugheit als Dosis, als innere Regel des Experimentierens: Injektionen von Klugheit." "...man braucht kleine Rationen von Subjektivität..." - Deleuze/Guattari) an unerhörte Blicke gewöhnen. "Man muss noch...", ja, was muss man eigentlich noch genau:
Ich halte auch keinen Kompromiß für möglich, denn er würde dieselben Probleme aufwerfen wie ein Kompromiß zwischen der Ente und dem Hasen in dem bekannten Gestaltwandel-Bild. Die meisten Menschen können zwar ohne weiteres einmal die Ente und einmal den Hasen sehen, doch einen Entenhasen wird man mit noch so viel Übung und Anstrengung nicht erzeugen können.
(Thomas Kuhn)
(Entenhausen)
Mit Maulwurfsaugen Entenhasen UND Hasenenten sehen lernen: "Die Paradoxie lässt den Beobachter oszillieren, nämlich ganz kurzzeitig (aber immerhin: kurzzeitig) zwischen der einen Feststellung und ihrem Gegenteil pendeln." (Luhmann) Und wenn wir nun die Bildrate der Oszillation erhöhen, bis beides auf einmal sichtbar würde, müsste sie nicht als stehende Bewegung in den Blick geraten. Und bewegt sie sich denn nicht.

Dienstag, 12. Juli 2011

Der Mensch ist... -- Eine Essaysammlung nach Hans Blumenberg


Der Mensch ist ein Tier, das schwindelt. 
(E.A. Poe)

Der Mensch ist ein Neider.
 
(Helmut Schoeck)

Der Mensch ist der größte und gemeinste physikalische Apparat.
 
(Goethe)

Der Mensch ist das indirekte Wesen.
 
(Simmel)

Der Mensch ist sozusagen eine Art Prothesengott. 
(Freud)

Der Mensch ist ein Wesen, das sich an alles gewöhnt.
 
(Dostojewski)

Der Mensch ist ein Agglomerat von Systemen.
 
(Luhmann)

Der Mensch ist ein Wesen der Zucht. 
(Gehlen)

Der Mensch zeigt sich als Seiendes, das redet. 
(Heidegger)

Der Mensch ist -- von der Natur auf den Weg über die Logik zur Kultur gezwungen -- das ordentliche Lebewesen.
 
(Marquard)

Der Mensch ist das Wesen, das vor sich selber Angst hat. 
(Blumberg nach Engels, jung)

Der Mensch ist das Wesen mit Berührungsfurcht. 
(Canetti)

Der Mensch ist ein Wilder, nachdem er aufgehört hat, Affe zu sein.
 
(Marx)

Der Mensch ist sechs Fuß einer bestimmten Reihenfolge von Kohlenstoff-, Wasserstoff- und Phosphoratomen. 
(Joshua Ledersberg)

Die Menschen sind eine am Größenwahn erkrankte Affenspezies. 
(Hans Vaihinger)

Der Mensch ist das Wesen, das übertreiben kann. 
(Blumenberg nach Spengler)

Der Mensch ist das Geschöpf, das sich langweilt. 
(Sombart)

Das Tier, das sich selbst vervollkommnen darf. 
(Kant)

Das Tier, das versprechen darf. 
(Nietzsche)

Das Tier, das zum Umzug in abstrakte Gehäuse verdammt ist. 
(Sloterdijk)

Der Neinsagen-Könner. 
(Scheler)

Ich glaube, der Mensch ist am Ende ein so freies Wesen, daß ihm das Recht zu sein, was er glaubt zu sein, nicht streitig gemacht werden kann. 
(Lichtenberg)

Der Mensch ist das einzige Tier, das errötet oder erröten sollte. 
(Twain)

Der Mensch ist ein Wesen, das klopft, schlechte Musik macht und seinen Hund bellen lässt. 
(Tucholsky)

Der Mensch ist das einzige Wesen, das im Fliegen eine warme Mahlzeit zu sich nehmen kann. 
(Loriot)

Der Mensch ist invariant gerade als das sich [...] stets überschreitende Wesen."
(Bloch)