Die Neonleuchte

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Samstag, 17. November 2012

Lob der Unentschiedenheit - Ein Plädoyer

Vielleicht hat es kein sprachnormatives und zugleich sprachtheoretisches Postulat gegeben, das Jahrtausende so ungebrochen überstand, wie die europäische Ächtung der Ambiguität.
(Schüttpelz, Figuren der Rede, 1996)
("Konsequenzen mangelnder Ambiguitätstoleranz")
Wie anstrengend ist einer, der sich nicht entscheiden kann. Wie unangenehm einer, der keine eigene Meinung vertritt. Eine eigene Meinung vertreten, das ist auf jeden Fall einer der großen zivilisatorischen Schritte in der Menschwerdung junger Hominiden. Zu Meinung und Entscheidung gehört Mut. Echter Heldenmut. Vor allem dann, wenn man eigentlich gar nicht genau wissen kann, was die richtige Meinung eigentlich ist. Dann trotzdem etwas bestimmtes meinen: das ist Stärke. Man weiß nichts ganz genau und ist sich aber trotzdem absolut sicher: echter heldenhafter Meinungsmut. ("So sieht das aus!" "Auf keinen Fall!") Deshalb erscheint für gewöhnlich der Vorwurf der Unentschieden- und Meinungslosigkeit als messerscharfe, stechende Kritik, gerade auch, weil sie charakterlich ins Eingemachte zielt. Wer ist schon gern ein Unentscheider?

Man kann sich natürlich fragen, ob das so stimmt. Die hinter solchen Bemerkungen rumorende These ist offenbar, dass das Stellungnehmen mehr Kraft und Anstrengung erfordert, als das unentschlossene Dahingestelltseinlassen möglicher Tatsachen. Es könnte vielleicht nützlich sein, hier zwischen Entscheidungsstärke und Meinungsstärke zu unterscheiden. Eine entscheidungsstarke Person ist bereit, Entscheidungen zu treffen. Eine meinungsstarke Person ist bereit, Meinungen zu vertreten. Nun ist schnell einsichtig, dass die potentiellen Kosten für zukunftsrelevante Entscheidungen sehr viel schneller sehr viel höher sind, als die potentiellen Kosten für das Vertreten einer (und sei es einer abseitigen) Meinung. Sehr schematisiert lässt sich sagen: Mögliche Folgen einer riskanten Entscheidung tragen alle, die sich im Wirkraum der Entscheidung aufhalten. Die möglichen Kosten für eine vertretene Meinung trägt nur der, der sie vertritt (sobald die Meinung etwa skandalisiert, oder eine Person durch ihre Meinung aus für sie relevanten Kontexten exkludiert wird). Entscheidungen können teuer werden, Meinungen sind überall billig zu haben -- insofern gehört zu wenigen Meinungen wirklich Mut. Während eine entscheidungsstarke Person durch Entscheidungen bewusst Unsicherheit als Risiko absorbiert (d.h. sich als Zurechnungsadresse für oft unkalkulierbare Verantwortung zur Verfügung stellt), ist eine meinungsstarke Person häufig einfach nur lauter als der Rest. Wer entscheidet, obwohl er eigentlich nicht sicher wissen kann, absorbiert dagegen ein Risiko, dass er dann seine Verantwortung nennt. Der Verantwortliche trifft bei prekärer Faktenlage eine mutige Entscheidung und heimst sich dann -- je nach Spielverlauf -- Lob oder Tadel ein. Die mutige Entscheidung erscheint dann einmal als grandiose Fehleinschätzung (der eingewechselte Spieler schießt ein fatales Eigentor), das andere Mal als glorreich-mutige Vorhersehung dessen, was nicht vorherzusehen war (der eingewechselte Spieler gibt die zwei spielentscheidenden Vorlagen).

Entscheidungen sind daher immer problematisch. Meinungen sind das auch. Der Unterschied ist nur, dass Entscheidungen unvermeidbar sind, meinungsartige Positionierungen aber nicht. Wieso? Die Situation der Entscheidung ist immer die durch das Verstreichen von Zeit forcierte Notwendigkeit einer Auswahl aus einer gegebenen (bewussten oder unbewussten) Menge möglicher Optionen (unter denen das Nichts-Entscheiden eine ist). Wieso sollte für die Meinung nun Analoges gelten? Das "Meinen" (im Sinne einer wie immer erläuterten "Identifikation" mit einer "Position") ist nie in analoger Weise zu einer Vereindeutigung gezwungen. Im Gegenteil, die Vereindeutigung der eigenen Haltung gegenüber einem Problem zu einer "Meinung" kommt immer einer bewussten Renaivisierung gleich: Man behandelt das Problem, als ob es eine Entscheidung sei. Ich weiß, dass ich nicht genau wissen kann -- und weiß aber trotzdem. Eine mögliche Definition von Sturheit. Das ist zumindest den fallibilistisch denkenden Naturwissenschaften immer schon klar gewesen:
Mit ihrem Bedürfnis nach Vollendung wie mit ihrem Prinzip steht die Wissenschaft in einem vollkommenen Gegensatz zur Meinung. Wenn sie einmal in einem besonderen Punkt die Meinung rechtfertigen sollte, so aus anderen als für die Meinung ausschlaggebenden Gründen, so daß die Meinung auch im Recht immer unrecht hat. Die Meinung denkt falsch; sie denkt nicht: sie übersetzt Bedürfnisse in Erkenntnisse.
(Bachelard, Die Bildung des wissenschaftlichen Geistes) 
Man könnte aus dieser Überlegung die Vermutung ableiten, dass ein Gewinn darin liegen könnte, in Texten zu Problemen keine voreiligen Entschiedenheiten zu suggerieren. Texte so unentschieden werden zu lassen, wie es die Probleme selbst sind. Es ist für die Lösung von Problemen nicht mehr interessant, wenn in Texten Meinungen vertreten werden. Meinungen kann man sich jeder Zeit auch selbst und leicht herbeispekulieren. Ob jemand sie dann auch noch "vertritt", fügt den Meinungen weder etwas hinzu, noch nimmt es ihnen etwas weg. Interessanter sind Texte, die die Dinge verkomplizieren. Hypothetische, ambiguitätsoffene, ambiguitätseröffnende Texte, die dem Leser Oszillationen statt Positionen, Irritationen statt Konspirationen, kompliziertere Fragen statt provokativere Meinungen anbieten. Das mag in einer meinungs- und positionsfixierten (dazu auch noch skandalfixierten) Öffentlichkeit schwer vermittelbar erscheinen. Das muss aber nicht so sein.
[27.05.12]
14 Kommentare:
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Labels: Bachelard, Ironie, Lichtenberg, Luhmann, Philosophie, Theorie

Mittwoch, 24. Oktober 2012

Über den schrecklichsten aller Trolle - Ein persönlicher Nachschlag zur #Trollcon


***Nachträglich eingeschobene Warnung: Der Text enthält mitunter Ironie***


Der Troll kann - wenn er nur raffiniert genug ist - fast immer und überall provozieren. Beobachtet er nur genau genug, wer aus welcher Motivation wie was sagt - und vor allem: wie was nicht sagt - wird er die Schwachstellen finden, die Andere (konkrete oder beliebige, je nach gewählter Strategie) zur Weißglut treiben werden. 

"Cyber-Zeiträuber-Troll"
[Ich gebe diesem Text nun eine persönliche Note:] Ich fühlte mich auf der Trollcon tatsächlich nur in einem Augenblick getrollt: Und zwar, als sich nach dem Vortrag über Trollfeminismus eine Diskussion darüber entfaltete, ob Männer und Frauen nun unterschiedlich seien oder doch eher nicht, ob die Wissenschaft da vielleicht Beweise in der Tasche habe oder ob die Steinzeitvorzeit vielleicht feste Rollenmuster mit Mentalkeilschrift tief in unsere Gehirne eingekeilt habe oder ob nicht doch alles Wesentliche am Ende ja wohl ansozialisiert sein müsse. Diese Diskussion [die Diskussion, wohlgemerkt] war in der Tat so furchtbar fruchtlos, dass ich mich von ihr bis ins Mark provoziert fühlte. Ich wünschte - dabei eindeutig körperliche Impulse in mir aufsteigen fühlend - ihr Ende herbei, fühlte mich versucht, sie mit einigermaßen wütenden Zwischenrufen lächerlich zu machen, undsoweiterersmehr. Die Unordnung, das chaotische Hin- und Herverweisen auf je natürlich bezweifelbare Evidenzgrundlagen erschien mir unerträglich und so ganz offensichtlich hoffnungslos, in der Zeitspanne unserer Leben unmöglich einer "Klärung" zuführbar, dass ich meine Wut kaum unterdrücken konnte. Ich war von dieser Furchtbarkeit also offenbar getrollt worden. [Ende des Versuchs, dem Text einen persönliche Note zu geben.]

Worauf dieser Umstand verweist, ist die Frage nach dem Phantasma, das hinter der Trollpraxis insgesamt steht: Welche Situation wird implizit von den Trollen anvisiert, was ist die positive Utopie, die hinter dem Trolling als Provokationspraxis aufscheint? Ich glaube, es ist die Vorstellung der Unverwundbarkeit, man könnte auch sagen: die Vorstellung absoluter Immunität. 
"The willingness of trolling “victims” to be hurt by words [...] makes them complicit, and trolling will end as soon as we all get over it."
(Mattathias Schwartz, The Trolls Among Us)
Immunität wäre hier also verstanden als die Vorstellung einer Universalversicherung, die gegen alle möglichen antizipierbaren Schäden schon im Vorhinein so versichert, dass diese Schäden nicht einmal mehr eintreten könnten. Der Untrollbare wäre also durch keine mögliche Situation mehr provozierbar. Beim Dadaisten Hugo Ball findet sich eine solche Vorstellung im Hinblick auf die Frage, wie man ("heute noch!") Literatur schreiben könne:
Es gilt, unangreifbare Sätze zu schreiben. Sätze, die jeglicher Ironie standhalten. Je besser der Satz, desto höher der Rang. Im Ausschalten der angreifbaren Syntax oder Assoziation bewährt sich die Summe dessen, was als Geschmack, Takt, Rhytmus und Weise den Stil und den Stolz eines Schriftstellers ausmacht.
 (Die Flucht aus der Zeit, 1927)
Die Frage ist nun einfach: Ist die Hoffnung, die wir haben sollten, tatsächlich, uns am Ende alle "untrollbar" und unangreifbar zu machen? Ganz darüber hinwegzukommen, uns durch Worte verletzen zu lassen? Ich glaube: Nein. Und der Grund ist ziemlich einfach: Zeit. Nein und Zeit also. Wir [jeder, ich zumindest] haben einfach keine Zeit, Furchtbarkeiten allzu oft und allzu lange über uns ergehen zu lassen. Im Internet stellen sich hier kaum Probleme: Man kann virtuelle Räume sehr leicht und ohne großen Wind verlassen, wenn Kommunikation zu langweilig wird und man sich lieber anderswo mit Interessamterem beschäftigen will. Probleme mit Trollen entstehen in der "Analog-Welt": Wenn man einer Sache beiwohnt, die schlichtweg zu schrecklich ist, ihr länger Zeit zu schenken, gleichzeitig aber die vorgestellten (sozialen) Kosten des Abbruchs der Situation (durch Verlassen, Störung oder auch Zer-störung) im Augenblick zu hoch erscheinen, als dass man der Situation wirklich entkommen könnte. Der furchtbarste Troll ist also derjenige, dem es gelingt, andere unausweichlich einer Furchtbarkeit über unangenehm lange Zeitspannen hinweg auszuliefern: Die aktive Nötigung zur Zeitverschwendung. Nichts provoziert schrecklicher. Es gibt Ereignisse, Diskussionen und Situationen, die offenbar einer Beledigung der Zeit selbst gleichkommen. Aber auch der Zeiträubertroll macht vielleicht hierauf erst aufmerksam: Die alltägliche Sinnlosigkeit des Verstreichens von Zeit. Hiervon provozierbar zu bleiben scheint allerdings eher gesund als lächerlich zu sein.
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Labels: Hugo Ball, Integration, Ironie, Philosophie

Mittwoch, 17. Oktober 2012

Lernen, ernsthafter mit Ironie umzugehen: Max Müller - Natur


Bruder des "Tödliche Doris"-Frontmanns Wolfgang Müller, der bei Merve noch über "geniale Dilletanten" schrieb,
"Dilletantismus auf musikalischen (aber auch allen anderen möglichen) Bereichen hat nichts mit Stillstand durch Nicht-Professionalität zu tun - ganz im Gegenteil - Entwicklung unter Einbeziehung aller möglichen und angeblich unmöglichen Bereiche kann ein universellen Ausdruck finden, dem die Profis hilflos unterlegen sind."
Wolfgang Müller
auch bei seinem kleinen Bruder also der Krieg der Basen offenbar ständig im Kopf: Hier mit dem Versuch, existenzielle Ergriffenheit durch Ironie vor leichtfertiger Ironisierung zu schützen (aus dem Album "Endlich tot"). [Frage: Könnte vorweggenommene Ironisierung als wertvoll Empfundenes vor Ironiemissbrauch behüten? --> Unterwegs zu einer neuen Ironie, die vorsichtig wirklich meint, was sie sagt und das Gesagte als Botschaft durch Ironiemarkierung trotzdem destabilisiert.] 

[Re-Entire von 11.03.12]
7 Kommentare:
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Labels: Ironie, Kunst, Musik, Unsere Großen

Dienstag, 21. August 2012

Wer sind wir, wenn wir Masken tragen? -- Ein kurzes Stück über Töne und Personen

[Re-Entry vom 08.01.12]
["Alle Barbiere, die sich nicht selbst zapfen." -- Troll Dad]




Ohne eine Lehre des Bluffs, der Show, der Verführung und der Täuschung lassen sich aber Bewußtseinsstrukturen der Moderne überhaupt nicht recht verstehen.
(P.S., Kritik der zynischen Vernunft, 730) 
Sobald man darauf aufmerksam geworden ist, dass die Benutzeroberfläche des eigenen Selbst für andere nicht man selbst sondern das ist, was als Selbst präsentiert und inszeniert wird, entwickelt man einen Hang zur Theatermetaphorik, um menschliches Zusammenleben zu beschreiben (Masken, Rollen, Stücke, Skripte, Erving Goffman). Solche Metaphern haben natürlich den Nachteil, dass sie auch bei der Beurteilung dessen, was man selbst ist, an der Unterscheidbarkeit von Spiel und Wirklichkeit festhalten (hysterische Gegendarstellungen von Schauspielerseite ändern hieran wenig). Die Frage bleibt allerdings, wie man eigentlich aus der Maske rauskommt, wenn man um die Maske gar nicht drumrum kommt.
Hugo Ball kennt hier zwar auch keinen Ausweg, ist dafür aber etymologisch informiert:
Wie ist das Wort persona abzuleiten? Daß es ursprünglich das Abbild der Götter und die Maske des antiken Theaters bedeutet, gibt keine Lösung. Ist der Maskenträger aktiv mit personare oder passiv mit personari in Beziehung zu setzen? Die Maske des griechischen Theaters hatte ein Schallrohr, durch das der Schauspieler zum Publikum sprach. Der Mime, der hohe Töne von sich gibt, könnte als Persönlichkeit gelten. So faßte noch vor kurzem C. G. Jung (in ›Psychologische Typen‹) die Persona als täuschendes Individuum auf, das sich mit seiner Maske identifiziert. Auch Erasmus, beim Beginn der (reformatorischen) Individual- und Original-Tendenzen setzt Persönlichkeit gleich Maske, erlogenes Antlitz, wenn er dann auch widersprechend die angeborene Gestalt als die echtere, der anderen, verlarvten (personatus), die nur auf der Nachahmung der Vorbilder beruhe, entgegenstellt.

Sehr im Gegensatz zu diesen beiden Auffassungen steht indessen eine dritte, die den Begriff der Maske auf das ganze Kleid, auf den Überwurf bezieht und an die magische Auffassung dieses Überwurfes bei den Alten erinnert (das Löwenfell des Herakles, das Seelenkleid des Gnostikers). Die Tier- oder Göttermaske prägt danach den Kern des Helden, der die höhere oder die physisch stärkere Person anzieht. Es handelt sich hier nicht mehr um ein Mimikry des Schauspielers und Nachahmers, sondern um die magische Identifikation mit einem kreativen übermenschlichen Wesen, das den Menschen, der vorher nur Sinn und Materie war, im Innersten prägt und erhöht. Vico vertritt diese Auffassung. Persona kommt nach ihm nicht von personare, durchtönen, sondern von personari, Festkleider anlegen.
(Hugo Ball, Der Künstler und die Zeitkrankheit, I)

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Labels: Hugo Ball, Ironie, Kinski, Lynch, Russell, Sloterdijk

Mittwoch, 8. August 2012

Im Delirium der Logolalie - Eine kurze Apologie des Unsinns


"Wie geht die mens mit notio um, der Kusaner?"
Noch kämpfen wir Schritt um Schritt mit dem Riesen Zufall, und über der ganzen Menschheit waltete bisher noch der Unsinn, der Ohne-Sinn.
(Nietzsche, Also sprach Zarathustra)
Etwas zu verstehen ist gut. Etwas nicht zu verstehen kann ein Problem sein: Wird Unverständnis auf eigenes (Un)Vermögen angerechnet, fühlt man sich selbst durch die Sinnvermutung bei gleichzeitigem Nicht-Verstehen provoziert ("Ich checks einfach nicht."). Wird Unverständnis andererseits auf das Unverstandene zugerechnet, glaubt man, es mit Sinnlosem zu tun zu haben, mit Unsinn vielleicht sogar. Das Sinnlose basiert auf der Abwesenheit der Unterstellung von Sinnintentionen überhaupt ("Er hat gar nichts damit gemeint."). Zuschreibung von Unsinn dagegen unterstellt Intention: Sinnintention, wenn der Zuschreiber denkt, es war etwas damit intendiert, das aber eigentlich gar nichts bedeutet ("Metaphysik ist Unsinn."), Unsinnintention, wenn der Zuschreiber meint, es sollte etwas dargestellt sein, das aber bewusst keinen rechten Sinn macht. Dabei gibt es natürlich trivialen Unsinn, der als einfache Blödelei langweilt. Wird Unsinnsintention zu schnell als solche transparent, ist Unsinn öde. Eleganten Unsinn dagegen erfolgreich zu inszenieren ist nicht leicht: Der Unsinn muss in eine Grenze eingehegt werden, an der er eindeutig zu signifizieren scheint, ohne eigentlich zu signifizieren (Kant: Das Genie bringt "in seiner gesetzlosen Freiheit nichts als Unsinn [nämlich Erfass-, aber nicht begrifflich Erschließbares] hervor"):
Der Unsinn ist zugleich das, was keinen Sinn hat, sich aber als solcher der Abwesenheit des Sinns entgegensetzt, indem er die Sinnstiftung vornimmt. Und genau das hat man unter nonsense zu verstehen.
(Deleuze, Logik des Sinns) 
Der Beobachter wird in eine Situation gedrängt, in der er sich nicht mehr ganz sicher sein kann, ob er es hier wirklich bloß mit intendiertem Unsinn, oder vielleicht nicht doch mit Sinn zu tun haben könnte, den zu verstehen er "einfach nur zu blöd ist": Er fühlt sich gezwungen, Sinn zu unterstellen, kann aber keinen finden. 
Im Rahmen eines Gesprächs über die Übertragung von 1960/61 unternahm Lacan eine detaillierte Lektüre des Gastmahls (Platon) und beschloß, an einem kritischen Punkt seinen philosophischen Mentor, Alexander Kojève, zu befragen. Am Ende ihres Gesprächs, als Lacan schon am Gehen war, gab Kojève ihm folgendes mit auf den Weg: "Sie werden gewiß nicht in der Lage sein, das Symposion zu interpretieren, wenn Sie nicht wissen, warum Aristophanes Schluckauf hat." (Lacan 1991, S. 78) Kojève verriet das Geheimnis nicht und ließ Lacan eher ratlos zurück. Seine Feststellung aber schien zu bedeuten, daß letztlich die gesamte Interpretation davon abhängt, diese nicht intelligible Stimme [den Schluckauf] zu verstehen, die man vielleicht nur mit der Formel fassen kann: Sie bedeutet, daß sie bedeutet.
(Mladen Dolar, His Master´s Voice)
Im Idealfall provoziert also Unsinn, irritiert durch die Hypersuggestion von Sinn hinter der vermeintlichen Nonsense-Oberfläche:
Man könnte versucht sein, [...] ein Gegenmodell der Erziehung zur Unzuverlässigkeit, zur überraschenden Kreativität, zur Unsinnsproduktion, die etwa gemeinten Sinn erraten läßt, zur ironischen Behandlung von Situationen oder zur ständigen Dekonstruktion der gerade verwendeten Schemata zu entwerfen. [...]
(Luhmann, Erziehungssystem der Gesellschaft)
[Re-Entry auf M_K Hinweis 05.03.12]
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Labels: Deleuze, Gehäuse und Widerstände, Ironie, Kant, Lacan, Luhmann, Nietzsche, Nonsense, Platon

Montag, 21. Mai 2012

Ein Ausweg aus dem Selbstverwertungsdilemma? Alternativen zwischen Selbstunterdrückung und Selbstverkleinerung

[RP 20.11.11]
"Das Rennen beginnt, doch ich bleib´ stehen, wenn ihr loslauft" (Retrogott)
Wer für Selbstaneignung eintritt, der muss damit rechnen, dass die ewigen Kritiker der Verwertung ihn mit der Frage zu provozieren versuchen, ob sein Engagement für Engagement nicht letztlich einem liberal-ökonomischen Impuls verpflichtet bleibt, der den Einzelnen heimlich - und mit der dazu nötigen List der Vernunft - zu einem kalkulierenden Verwerter seiner Lebenschancen und -appetite umzuqualifizieren versucht. Das mag natürlich sein. Aber wie sähe denn die Alternative aus? Aktive Selbstverunmöglichung?
Mit aller mir zu Gebote stehenden Leidenschaft bin ich bemüht, mir gewisse Wege und Möglichkeiten (so z.B. Karriere, Erfolg, eine bürgerliche Existenz u. dgl.) völlig und für alle Zeit zu verlegen. Mein gegenwärtiges Leben ist dazu angetan, mich in dieser Absicht kräftig zu unterstützen. Von Zeit zu Zeit, wenn die verdächtige "Harmonie" meiner Natur sich durchringt, wittere ich Unrat und bin instinktiv bemüht, irgendeine Torheit, einen Fehltritt, einen Verstoß zu begehen, um mich vor mir selbst wieder herunterzubringen. Ich darf gewisse Talente und Fähigkeiten nicht aufkommen lassen. Mein höheres Gewissen, meine Einsicht verbieten mir das.
(Hugo Ball, Die Flucht aus der Zeit)
Anderen Alternativen jedenfalls fehlt häufig scheinbar der nötige Schneid. Irgendwo irgendwie dazwischen sich einrichten: "das ist doch nicht radikal genug". Die Gesamtverhältnisse müssen auf jeden Fall ganz und von Grund auf -- von wo ganz anders her -- geändert werden.

Der Totalitarismus der Kritik duldet kein "Dazwischen" und keinen "Kompromiss", er will Revolution, keine Reform. Seine regressive Trotzigkeit verbirgt er dabei geschickt hinter der scheinbaren Selbstverständlichkeit des "Ganz oder gar nicht". Allerdings kommt diese verständliche Sehnsucht nach der absoluten Alternative über die radikalistische Geste und den mit ihr verbundenen moralischen Fingerzeig auf die vermeintlichen "Kollaborateure des falschen Lebens" selten hinaus. Sie übersieht, dass "totale Kritik" und "Weitermachen" sich gegenseitig immer schon ausgeschlossen haben. Wer "alles das hier" so kritisiert möchte, der wird sich "in diesem Leben" schwer damit tun, sich am System nicht die Finger schmutzig zu machen oder schlichtweg zu sich selbst in unbequemen, offenen oder latenten Widerspruch zu treten.
Falsches Ziel gewählt?
"No matter. Try again. Fail better"
(Cyberdees, CC BY-NC-SA 2.0)
Gibt es andere Formen des Umgangs mit der unternehmerischen Anrufung [...]? Wie könnten Alternativen zu Enthusiasmus, Ironie und Melancholie aussehen? Eine pragmatische Gelassenheit vielleicht, die weder glorifiziert noch dämonisiert, der die hochgetunte Selbstmobilisierung des Enthusiasten so fern liegt wie die angestrengte Selbstdistanzierung des Ironikers oder die behagliche Selbstgewissheit des Dagegenseins, die der Melancholiker kultiviert. [...] Eine taktische Klugheit, welche die Listen der Simulation, des Abtauchens und des détournement beherrscht und den Aktivierungsfuror der Förderer und Forderer ins Leere laufen lässt.
(Bröckling, Enthusiasten, Ironiker, Melancholiker)
Eine Frage der klugen Wahl der Ziele, für die man sich wirklich engagieren (lassen) will. Die wird gerade in Strukturen akut, die eigene Ambitionen und Eitelkeiten bewusst provozieren, Angebote zur eigenen Verausgabung mit dem leisen Versprechen verbinden, man könnte - Überverausgabung fröhlich in Kauf nehmend - bald schon zu den wenigen glücklich Auserwählten zählen, oder zumindest die Leiter des symbolischen Kapitals ein signifikantes Stück nach oben klettern. Aber möglicherweise ist das alles auch noch eine Spur zu ernst:
Fuest: Das Pathos, die Larmoyanz, all das, was die Melancholie ausmacht, das hat man naturgemäß zu korrigieren über den Witz. Sich selbst ernst nehmen ist die größte Katastrophe, die man sich leisten kann im Leben. Daran krankt ja die halbe Welt.
[...]
TAZ: Woran glauben Sie dann?
Fuest: Ich glaube an die Wirksamkeit in mikropolitischer und mikroethischer Hinsicht. Und dass sich die nur erzeugen lässt im Dialog, im Gespräch, in kleinen Gruppen. [...] Werdet, die ihr seid, werdet Zwerge!
TAZ: Ist das nicht ein Rückzug?
Fuest: Nein, ein Auszug. Die Zwerge, das sind in den Mythen die Ausgewanderten. Die Zwerge sind diejenigen, die weggegangen sind, weil die Menschen zu laut waren, zu habgierig, zu hässlich und zu tölpelhaft. Und es sind die, die unterirdisch wühlen, an den Wurzeln graben. 
(Leonhard Fuest über Melancholie und Utopie in der TAZ)
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Labels: Adorno, Beckett, Deleuze, Heidegger, Hugo Ball, Ironie, Lebens-Kunst-Nischen, Nietzsche, Philosophie, Retrogott, Sloterdijk

Dienstag, 15. Mai 2012

Wo die wilden Werke wohnen? - Beim John


Wer füllt die Ur-Uter-Ius-Society mit neuen Begriffen wieder auf?
Der Philosoph ist der Freund des Begriffs, er erliegt der Macht des Begriffs. [...] Stets neue Begriffe erschaffen ist der Gegenstand der Philosophie. [...] Man kann nicht einwenden, daß die Schöpfung eher für das Sinnliche und die Künste gilt, so sehr verleiht die Kunst spirituellen Entitäten Existenz, und so sehr sind die philosophischen Begriffe auch "Sensibilia".
(Deleuze/Guattari, Was ist Philosophie?)
Um etwas gut zu finden, muß ich jederzeit wissen, was der Gegenstand für ein Ding sein solle, d.i. einen Begriff von demselben haben. Um Schönheit woran zu finden, habe ich das nicht nötig. Blumen, freie Zeichnungen, Peperoni mit Staub, ohne Absicht in einander geschlungene Züge, unter dem Namen des Laubwerks, bedeuten nichts, hängen von keinem bestimmten Begriffe ab, und gefallen doch.
(Kant, Kritik der Urteilskraft)
[RP 3.09.11]
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Freitag, 20. April 2012

„Ich bin mit meinen Dateien am Ende“ (Der lolle Mensch) - Ein geöffneter offener Brief an das Internet


Folgende E-Mail von einer mir unbekannten Adresse erreichte mich über meinen Spam-Ordner. Wollte sie nicht vorenthalten und veröffentliche sie hier; das Einverständnis des anonymen Verfassers vorausgesetzt (Hervorhebungen von mir): 
Hochverehrtes Internet,

"Frisierter Nie Che"
ich bin mit meinen Dateien am Ende. Ich habe mich durch Deine überfüllten Arsenale geklickt. Habe jedes Kilobyte, das ich bei Dir finden konnte, mit Lesezeichen versehen und akkumuliert, bis es in meinen clouds nur noch gewittert hat. Ich habe Datenbanken angelegt, neue Ordner erstellt, denen ich keine sinnvollen Namen mehr zu geben wusste, ich habe Material zu Themen gesammelt, von denen ich glaubte, sie würden mich interessieren, um nur immer mehr Themen zu finden, mit denen ich mich gerne auseinandergesetzt hätte, um immer nur wieder zu bemerken, dass meine Zeit nicht reichen wird, das alles zu verarbeiten, habe mich Stunden durch Urwälder von Musik geschlagen, die ich inzwischen keinen Stilrichtungen mehr zuordnen kann, habe blitzgescheite Aufsätze gelesen, bei denen mir kein offizieller Titel mehr anzeigte, ob sie eigentlich wichtig sind. Ich bin über alle Foren gegangen und habe jeden Thread kommentiert: „Ich suche Orientierung! Ich suche Orientierung!“ -- 

Als dort einmal zufällig viele von denen online waren, welche nicht mehr an Orientierung glaubten und die mich wohl für einen Offliner hielten, erregte ich damit ein großes Amüsement. "Ist er denn verlorengegangen?" schrieb der eine. "Hat er sich verlaufen wie ein Kind?" kommentierte ein anderer. "Oder will er uns nur veralbern?" "Fürchtet er sich vor uns?" "Ist er noch nicht angekommen im digitalen Zeitalter? ^^" – so schrieben und lolten sie durcheinander. Ich habe versucht, ihnen meinen Ernst zu beweisen, hackte mit Großbuchstaben weiter. »WOHIN IST DIE ORIENTIERUNG?« schrieb ich, langsam in Rage geratend »ich will es euch sagen! WIR HABEN SIE VERUNMÖGLICHT – ihr und ich! Wir alle sind ihre Mörder! Aber wie haben wir das gemacht? Wie vermochten wir das Meer auszutrinken? Wer gab uns die Wolken, um den ganzen Horizont damit vollzustopfen? Was taten wir, als wir unsere Lebenswirklichkeit immer weiter von der Enge unserer beschränkten Gegenwarten losketteten? Wo befinden wir uns, wenn wir im Internet sind? Wohin bewegen wir uns hier? Fort von allen Gegenwarten? Stürzen wir nicht fortwährend? Und rückwärts, seitwärts, vorwärts, nach allen Seiten? Gibt es noch ein Oben und ein Unten? Irren wir nicht wie durch ein unendliches Nichts? Brüllt uns hier nicht die pure Überfüllung an? Ist es nicht wirrer geworden? Kommen nicht immerfort Daten und mehr Daten? Müssen nicht Algorithmen unser beschränktes Aufnahmevermögen ersetzen? Hören wir noch nichts von dem Lärm, dem wir keine Ordnung mehr ablesen können? Die Orientierung ist futsch! Die Orientierung bleibt futsch! Und wir haben sie zerstört! Wie trösten wir uns, die Verunmöglicher aller Verunmöglicher? Ist nicht die Menge aller Daten viel zu groß für uns? Müssten wir nicht selber zu Algorithmen werden, um nur ihrer würdig zu erscheinen? Es gab nie eine größere Menge an Daten – und wer nur immer nach uns geboren wird, gehört um dieser Daten willen in eine verwirrtere Gegenwart, als alle Gegenwart bisher war!« – Dann schrieb ich nichts mehr und ließ nur die Seite wieder und wieder neu laden: keiner antwortete mehr. Endlich fiel mir meine Leuchte vom Desktop, daß sie in Stücke sprang und nur noch mild vor sich hin dämmerte. »Ich schreibe zu früh«, schrieb ich, »ich bin noch nicht an der Zeit. Die Menschen glauben immer noch, sie seien in ihrer Desorientierung eigentlich orientiert. Dies ungeheure Ereignis ist noch unterwegs und wandert – es ist noch nicht bis ins Bewusstsein der Menschen gedrungen. Blitz und Donner brauchen Zeit, das Licht der Gestirne braucht Zeit, Daten brauchen Zeit, auch nachdem sie schon online sind, um gesehn und gelesen zu werden. All diese Daten sind vielen immer noch ferner als die fernsten Gestirne – und doch haben sie sie mit produziert!« – 

Man erzählt noch, daß ich desselbigen Tages in verschiedene weitere Foren eingedrungen sei und darin meinen Abgesang auf die Orientierung angestimmt hätte. Von Administratoren exkludiert und in E-Mails zur Rede gestellt, habe ich immer nur dies entgegnet: »Was sind denn diese Foren noch, wenn sie nicht die Grüfte und Grabmäler der Orientierung sind?«
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Dienstag, 10. April 2012

Goethe: Begründer des Paläo-Post-Hipsterism


JWVGS - "Brille"
Sonst vor allem als drolliges Urgestein, unheimlich-gravitätisches Hypozentrum der mitteleuropäischen Hochkultur gefürchtet und berühmt, hat schon der junge Goethe - von Fachvertretern bisher unbemerkt - die Grundsteine für ein mutiges neues Leben nach der Ironie gelegt. Der schalen Dialektik von Highbrow und Lowbrow konspirativ-kichernder Hipsterei stellt er die gelassene, nicht mehr verlachend sich distinguierend Teilnahme an den Gemütsbewegungen der unteren Schichten entgegen, das freie, nicht-herablassende Sich-Einlassen auch auf das Dumpfe, blind-glücklich-benommen Fröhliche eines "Daseyns", das "von einem Tag zum anderen sich durchhilft, die Blätter abfallen sieht, und nichts denkt, als daß der Winter kommt". Keine "White Negros" mehr, keine ironischen Vereinnahmungen der Unterschicht durch Trucker Cap und Schnauzbart. Stattdessen nun endlich wieder Dabeisein, Nicht-Distanz, Nicht-Reflexion.

Goethes Porträt des Hipsters als übermüthiger Mann ist zwar denkbar kurz ausgefallen, trotzdem beweist die Art und Weise, auf die er seine Hipster-Kritik in einer allgemeinen Kritik des Snobismus verbirgt, die Intensität, mit der schon den jungen Goethe das Thema umgetrieben haben muss:
"Die geringen Leute des Ortes kennen mich schon und lieben mich, besonders die Kinder. Wie ich im Anfang mich zu ihnen gesellte, sie freundschaftlich fragte über dieß und das, glaubten einige, ich wollte ihrer spotten und fertigten mich wohl gar grob ab. Ich ließ mich das nicht verdrießen; nur fühlte ich, was ich schon oft bemerkt habe, auf das lebhafteste: Leute von einigem Stande werden sich immer in kalter Entfernung vom gemeinen Volke halten, als glaubten sie durch Annäherung zu verlieren; und dann gibt´s Flüchtlinge und üble Spaßvögel, die sich herab zu lassen scheinen, um ihren Übermuth dem armen Volke desto empfindlicher zu machen. 

Ich weiß wohl daß wir nicht gleich sind, noch seyn können; aber ich halte dafür, daß der, der nöthig zu haben glaubt, vom sogenannten Pöbel sich zu entfernen, um den Respect zu erhalten, eben so tadelhaft ist, als ein Feiger, der sich seinem Feinde verbirgt weil er zu unterliegen fürchtet." 
(Goethes Werther)
[Re-entry vom 19.05.11]
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Montag, 12. März 2012

Missverstandene sokratische Ironie sucht einen Notausgang

[Re-entry vom 26.09.11]
Ein philosophisches Bilderrätsel: 
 
[Mäeutik: x ≈ Ich verstehe nichts // Wittgenstein: Jeder Fliege ihren Ausgang]
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Donnerstag, 16. Februar 2012

Minima Irritabilia II: Rückkehr des pop-ästhetischen Lumpenproletariats in die Dominanzkultur

[Re-Entry vom 01.08.11]

Eine kleine, nicht ganz unbrauchbare Reflexions-Performance über den Untergrund:
Das Kellerkind sitzt mitten unter der Gesellschaft und begrüsst die Rückkehr des ästhetischen Lumpenproletariats in die Dominanzkutur...

Ein ergebnisoffenes Herumschrauben an den Kunstproduktionsmittel, das sich jedoch allzu absichtsvollen Berührungen durch äussere Diskurse verweigert und den Charakter eines dramaturgisch-halbdurchdachten, leicht irrsinnigen, aufklärungsresistenten Popvandalismus haben kann.

[Ergänzend zur Rand- und Grenzmetaphorik:  
"Die Bestimmung des Privat-Horizonts hängt ab von mancherlei empirischen Bedingungen und speziellen Rücksichten, z. B. des Alters, des Geschlechts, Standes, der Lebensart u. dgl. m. Jede besondre Klasse von Menschen hat also in Beziehung auf ihre speziellen Erkenntniskräfte, Zwecke und Standpunkte ihren besondern, – jeder Kopf, nach Massgabe der Individualität seiner Kräfte und seines Standpunktes, seinen eigenen Horizont."
(Kant, Logik)]
Dazu der CV der Künstlerdarstellerin Ariane Andereggen, die in ihren Versuchen der Frage nachgeht, 
"was geschieht, wenn eine Schauspielerin in die Rolle einer Künstlerin schlüpft, und dadurch versucht, diese untersuchbar zu machen. Diese Aneignung geschieht weniger über eine Identifikation mit der Künstlerperson, sondern eher über eine Neu-Einschreibung in das Methodenprogramm der Kunst des 20 Jahrhundert. Als ART-ACTOR überführt sie dabei Praktiken authentischer Kunstproduktion in ein selbstdefiniertes, experimentelles System, welches aus selbst auferlegten Regie- und Handlungsanweisungen besteht, mit welchen sie die Rolle eines Künstlers „performt“."
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Sonntag, 18. Dezember 2011

Der elf-köpfige Soziograph auf Bildungssreise XXVII


Der elf-köpfige Soziograph schüttelt den Kopf über ungenaues Gelächter, "ganz unsauber hingelacht", denkt er. Bildungseliten vertappen ganze Stunden, halbe Stunden auch, einfache Sätze, unscharf vorgeschüttelt, lassen schon Köpfe platzen, grölend. "So geht das nicht!", ein Unbeholfener unbeholfen.

Hier ist kein Humor mehr zuhause, denkt S., alle haben breite Münder und finden wieder zu sich selbst am Ende immer. Meldungslandeplätze: Steh auf, fühl dich schlau, sich mit offenem Mund durch einen Tunnel lächeln. "Das ist dein Karrierepfad." Nebelkerzenköpfe. Finde deine Wahrheitswertlücke.   

In der Ethik, die diese Art von Moral zu betreuen hat, bemüht man sich um eine vernünftige Begründung moralischer Urteile, und für deren Test sind die philosophischen Fakultäten zuständig und nicht mehr die Salons. Damit entfällt auch das Lernen des Sinns für Mehrdeutigkeiten, für Ironie, für Lächerlichkeit im geselligen Verhalten und jener Schliff im Verbalverhalten, der es ermöglichte, die Untiefen der Moral zu vermeiden. 
(GdG)
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Freitag, 16. Dezember 2011

"Der Urlaub war so schön."




Ein politisch-historisches Psychogramm:
Bleib nicht stehen. Lauf nicht weg. Geh einfach ganz normal weiter. Vöglein flieg. Ikarus. Deadalus. Der Vater muss / sehen wie sein Sohn fällt. Und der Holocaust / kommt doch nicht aus Hollywood. Warum mit den Toten reden, wenn wir die Lebenden schon nicht verstehen? Warum überhaupt reden, wenn das Geschichtsbuch alles besser weiß? "Du störst mich. Geh bitte weg!" Sauberkeit. Der ewige Dreck.

"Der Urlaub war so schön." "Der Urlaub war so schön."

Warum jetzt dieselben Fragen wie immer stellen? "Der Urlaub war so schön." Und erst die Terrorzellen. Das Militär war grundauf sympathisch. Mach den Mund auf und sag nichts. Bist du Politiker oder bist du Prediger? Bist du Aufgabenerteiler oder -erlediger? Letzte Frage: sinnlos.

"Der Urlaub war so schön."

Der Urlaub hat nicht stattgefunden. Das Flugzeug ist in die Stadt geflogen an-statt zu landen. Die Erde wird umkreist von Trabanten, während alles um die Sonne kreist umkreist die Sonne sich im Geist.

"Der Urlaub war so schön."

Menschentransport. "Deportation", was für ein Wort. Abschied für immer? "Von wegen." Nach der Verabschiedung fängt es erst richtig an. In Gesetzen / festsitzen. Die Epoche geht zuende, die Idee lebt weiter. Deutschland entnazifiziert? Es muss weitergehen.

"Der Urlaub war so schön."

Fragt nicht: "Warum du?" frag: "Warum jemand anders?"

"Der Urlaub war so schön."
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Freitag, 18. November 2011

Mit dem Ball die Metaphysik noch einmal erfrischt in die Tonne treten


"Befrei den Ball und spiel den Zahl (Graph.)."
Metaphysikkritik gibt´s wie Sand am Strand: Ein Carnap an einem schlechten Tag, ein Heidegger zwischen "Wasser marsch!" und Wüste; aber Hugo Ball ist lustig:

Wir haben die Metaphysik für alles Mögliche und Unmögliche benützt. Um die Kaserne mundgerecht zu machen (Kant). Um das Ich über alle Welt zu erheben (Fichte). Um den Profit auszurechnen (Marx). Seit man aber dahintergekommen ist, daß solche Metaphysiken meistens nur Rechenkunststücke ihrer Erfinder waren und sich auf simple, oft sogar spärliche Sätze zurückführen ließen, ist die Metaphysik sehr im Wert gesunken. Heute sah ich ein Schuhputzmittel mit der Aufschrift "Das Ding an sich". Warum hat die Metaphysik soviel Achtung verloren? Weil ihre übernatürliche Aufstellung sich allzu natürlich erklären ließ.

Aber auch heimliche Selbstcharakterisierungen werden durch Ball auf einmal möglich:
Ich beobachte, daß ich meine häßlichen (politisch-rationalistischen) Studien nicht betreiben kann, ohne mich durch gleichzeitige Beschäftigung mit irrationalen Dingen immer wieder zu immunisieren. Wenn eine politische Theorie mir gefällt, fürchte ich, daß sie phantastisch, utopisch, poetisch ist, und daß ich damit doch innerhalb meines ästhetischen Zirkels verbleibe, also gefoppt bin.
Es gilt, unangreifbare Sätze zu schreiben. Sätze, die jeglicher Ironie standhalten. Je besser der Satz, desto höher der Rang. Im Ausschalten der angreifbaren Syntax oder Assoziation bewährt sich die Summe dessen, was als Geschmack, Takt, Rhytmus und Weise den Stil und den Stolz eines Schriftstellers ausmacht.
 (Die Flucht aus der Zeit, 1927)
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Montag, 14. November 2011

Das wurde so als Witz dargestellt, ist aber Philosophie. Nur Liebe.


Meese, der Money Boy des modernen Kunstbetriebs, wirft ein paar mittelgroße Brocken Richtung Deutsch Amerikanische Freundschaft. Präzise wie Nietzsche.

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Mittwoch, 2. November 2011

Das steiner=ne Herz: Die kühlen Beuys des beginnenden vergangenen Jahrhunderts


Schnell eine Geschichte der Coolness im 20. Jahrhundert schreiben, bevor alle anderen uns schon zuvorgekommen sind.

["Das war jetzt gar nicht lustik, nicht?" "Neee, aber...es war auf jeden Fall lustig."]
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Sonntag, 23. Oktober 2011

Unsere Großen LVI -> ∞: Warten auf TaktloSS


Aus einem alten Wikipedia-Eintrag:
"In Taktloss' Texten, die mit skurrilen, nonsensehaften Vergleichen („Ich kack’ auf dich wie ein Kakadu“), Chiffren („Wenn ich schlafe, spielen auf meiner Zunge Pinguine Harfe“ (Battlerappionier)) und Wortspielen („Dafür schenk’ ich dir kein' Beifall sondern Abfall“ (Ich gebe mein Wissen weiter)) gespickt sind und assoziativ-collagierend disparate Sinnfragmente miteinander verknüpfen, drückt sich Sinnverlust und Entropieerfahrung der (Post)moderne in einem urbanen und subkulturellen Kontext aus. Indem Taktloss' Musik sich des Primitiven, sozial Randständigen (daher: des A-sozialen) und des Trash bedient, semantische, soziale und politische Klischees spielerisch dekonstruiert, indem sie Genre-Konventionen im formalen Experiment subversiv unterläuft (vgl. etwa den Track "Was macht mein Label?" vom Album BRP 7) und einem ironisch-überhöhten, dabei sich selbst genügenden Provokantismus frönt, knüpft sie an ästhetische und diskursive Praktiken des Dadaismus und der Postmoderne an."
Taktlo$$: Ich versteh kein Wort, das ist nicht der Straßenslang, den ich gewöhnt bin. 



...Hier weiterlesen...
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Donnerstag, 20. Oktober 2011

Wer von Luhmann Chauvinismus erwartet hätte, der muss nicht enttäuscht werden.


(Ein unerwarteter Sekretär -- Foto: Jörg Kantel, CC BY-NC-ND 2.0)
Als kognitiv werden Erwartungen erlebt und behandelt, die im Falle der Enttäuschung an die Wirklichkeit angepaßt werden. Für normative Erwartungen gilt das Gegenteil: daß man sie nicht fallenläßt, wenn jemand ihnen zuwiderhandelt. Erwartet man zum Beispiel eine neue Sekretärin, so enthält die Situation sowohl kognitive als auch normative Erwartungskomponenten. Daß sie jung, hübsch, blond sei, kann man allenfalls kognitiv erwarten; man muß sich in diesen Hinsichten Enttäuschungen anpassen, kann also nicht etwa auf blonden Haaren bestehen, Umfärben verlangen usw. Daß sie bestimmte Leistungen erbringe, wird dagegen normativ erwartet. Wird man in diesem Punkte enttäuscht, hat man nicht das Gefühl, falsch erwartet zu haben. Die Erwartung wird festgehalten und die Diskrepanz dem Handelnden zugerechnet. Kognitive Erwartungen sind mithin durch eine nicht notwendig bewußte Lernbereitschaft ausgezeichnet, normative Erwartungen dagegen durch die Entschlossenheit, aus Enttäuschungen nicht zu lernen. [...] Obwohl kontrafaktisch ausgerichtet, ist der Sinn des Sollens nicht weniger faktisch als der Sinn des Seins. Faktisch ist alles Erwarten, seine Erfüllung ebenso wie seine Nichterfüllung. Das Faktische umfaßt das Normative. Die übliche Entgegensetzung von Faktischem und Normativem sollte deshalb aufgegeben werden. Sie ist eine begriffliche Fehlkonstruktion, so als ob man Menschen und Frauen einander entgegensetzen wollte - ein Begriffsmanöver, das in diesem Falle zum Nachteil der Frauen, in jenem zum Nachteil des Sollens ausschlägt. 
(Luhmann, Rechtssoziologie)
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Samstag, 15. Oktober 2011

Ein zwei launichte Differenzierungen gegen den launischen Wechsel der Jahreszeiten


(Bisher noch unerkant)
Aus früheren Beiträge wurde bereits ersichtlich, dass der sprühende Humor eines IK "kaum an ein oder zwei Stellen geringere Humoristika passieren läßt". Heute unterscheidet er für uns, was wir teilweise zu bezeichnen schon wieder verlernt haben. Willkürlicher spontaner Stimmungswechsel, derzeit wohl eher unter die Ich-Pathologien rechnend, hier als avancierte und lobenswerte Kulturtechnik.

Zu dem, was aufmunternd, mit dem Vergnügen aus dem Lachen nahe verwandt, und zur Originalität des Geistes, aber eben nicht zum Talent der schönen Kunst gehörig ist, kann auch die launichte Manier gezählt werden. Laune im guten Verstande bedeutet nämlich das Talent, sich willkürlich in eine gewisse Gemütsdisposition versetzen zu können, in der alle Dinge ganz anders als gewöhnlich (sogar umgekehrt), und doch gewissen Vernunftprinzipien in einer solchen Gemütsstimmung gemäß, beurteilt werden. Wer solchen Veränderungen unwillkürlich unterworfen ist, ist launisch; wer sie aber willkürlich und zweckmäßig (zum Behuf einer lebhaften Darstellung vermittelst eines Lachen erregenden Kontrastes) anzunehmen vermag, der und sein Vortrag heißt launicht.
(Kant, Kritik der Urtheilskraft)
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Freitag, 14. Oktober 2011

Unsere Großen XVI: Der Goldt, Wissenswertes über Erlangen


Goldt was glänzt, keine Kolumna, stattdessen Pogo-Nonsense vielleicht, früher ungezähmter. Aus: Foyer des Arts, "Von Bullerbü nach Babylon" (1982):



Und noch ein kleines Stück aus Goldts Solo-Projekt "Die majestätische Ruhe des Anorganischen" (1984). Zugestanden, alles nicht ganz so Avantgarde, nicht ganz so verstörend wie die Tödliche Doris, dafür aber sprachbewusster:

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