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Mittwoch, 26. Juni 2013

Innenausschreitung - Beiträge zum Geheimnis (der Poesie)

Früher, wenn Menschen ein Geheimnis hatten, das sie nicht teilen wollten, kletterten sie auf einen Berg, suchten einen Baum, schnitzten ein Loch hinein und flüsterten das Geheimnis in das Loch. Danach verschlossen sie es mit Lehm, auf das niemand es jemals erfahre. 
(Wong Kar-Wai, 2046)
[Übung: Leicht semantisierbarer Rauschraum]
Eine Theorie der poietischen Ursuppe als Spaziergang in Worten. Beim Abschreiten der Grenze der Sagbarkeiten. Grenzen der Sinngenese. Wo man der eingetretenen Sicherheit der Nomina noch nicht vertrauen will, Sinntrampelpfade vermeiden. Vorsichtig genauer hinspüren ("Trägt das denn?"). Auf Impulse auf der Lauer: Lynch wartet als meditierender Fischer des Bewusstseins auf zögerlich anbeißende Motive: erste Bilder, eine Szene, abgeschnittenes Ohr oder halb geöffneter Mund, eine Anziehung zu Rot und wehendem Stoff; während Musil "eine Schnur durchs Wasser zieht und keine Ahnung hat, ob ein Köder daran sitzt" (MoE).

Eindämmernde Halbworte, scheinbar mit Bedeutung schon vollgeladen. Vorahnungen innerer Beweglichkeiten. Mantische Vektoren. Ein leises Ziehen nach vorne links: ruhiger Rhythmus, bedächtig oder eher eilig, Vagheit und Ahnung. Impulsen nachgehend. Auf Orientierung der Räume warten. Bieten sich Richtungen an? Beginn der Innenausschreitung: Sich um einen Turm herum verlaufen ("Mein einfachstes Labyrinth"; Ein Kapitän auf kleinstem Schiff). Spontane Stiftung von Feldern: Heim- und Unheimlichkeiten. Überall hier herrscht hohe Kitschgefahr, natürlich, schnell ist man in unangebrachte Hochtöne umgekippt, feierliche Hochgesten. Die Orte labil. Wo liegen die Bezüge? Noch- und Schonbezüge, einladende Oberflächen, eine Befreundung für Plastikplane plötzlich. Überall Vorsicht geboten. Aber man fängt an zu verstehen, dass etwas überhaupt etwas bedeuten kann: Grund und Finalität, das projektierende Selbst. Ansätze einer Theorie der Mythopoiese. Noch verrauschte Semiosen, präkomplexes Gewebe. Eine Reihe Stöcke waagrecht in Form einer Pyramide legen; das scheint schon fast etwas zu sagen. Symbol ohne Gegenüber, ungefügter noch. Bindungsbereit vielleicht, vielleicht noch deutlicher semantisierbar. Vielleicht etwas Konkretes dazustücken, damit es nicht ganz ins Diffuse abgleitet. "Denn aller Reichtum [der Einbildungskraft] bringt in ihrer gesetzlosen Freiheit nichts als Unsinn hervor." (Kant) Da einfacher, A und B als greifbare Vergleichspunkte anzubieten und dann nur nicht zu sagen, wie: Rätsel ohne Lösung basteln:
- Ein schweres, Sir!
- Hier ist das Rätsel, sagte Stephen.

Es krähte der Hahn
Zum Himmel hinan:
Der Glocken Klagen
Hat elf geschlagen.
´s ist Zeit, dies arme Seelchen
in den Himmel zu tragen.

- Was ist das?
- Was, Sir?
(Joyce, Ulysses)
Oder aber auch Textgefüge als Bewegung. Die Vorstellung aufgeben, man könnte einen Text durch einen anderen ersetzen, der besser sagt, was er selbst schon sagt -- sich vom Begriff der Interpretation als Vernichtung der Texte befreien. Schreibt doch lieber selbst!
Aber du deutest doch an,—suchte sich Aeins vorsichtig zu vergewissern—daß dies alles einen Sinn gemeinsam hat?
Du lieber Himmel,—widersprach Azwei—es hat sich eben alles so ereignet; und wenn ich den Sinn wüßte, so brauchte ich dir wohl nicht erst zu erzählen. Aber es ist, wie wenn du flüstern hörst oder bloß rauschen, ohne das unterscheiden zu können!
(Musil, Die Amsel)
Die semantische Kluft ["semantic gap"], der Unterschied zwischen Flüstern und Rauschen, als innere Sinnaufspreizung im unmarkierten Geräusch: am Anfang wüst und still, dann zwischen Sicht- und Unsichtbarem unterscheiden, bloß die eine Seite markiert. Brownsche Protologik als Schöpfungsmythos zweiter Ordnung: Wer macht welche ersten Unterschiede? Hilfreich hier für dIen LyrikerIn: Phänomenologie als Innenausschreitung, Begehung der Weltinnenräume. Stößt aber bei meditativer Sorgfalt von innen her an keine Wände einer Generalthesis, eher diffuses Generaldatum als weicher offener Rand des Erlebens. (Husserl hier unaufmerksam gewesen? Oder ihm bloß die Sprache im Weg?). Rauschraum: eher unbestimmte, nebulöse Atmosphären, in/äußerliche Resonanzangebote aus pränominaler Diffusion, keine individuierte Aktuierung (wie erkenne ich einen einzelnen Bewusstseinsakt?). Schließen der Augen und Fokussierung auf Geräusche erleichtert den Eingang in vorkonkret gelöste Ontologie. Hier erst noch keine Gegenstände. Dann aber doch auch Ansätze für Knoten im präepochalen Fluid, Intensitäten verklumpen sich zu stabileren Zurechnungseinheiten. Könnte ein Zug sein, könnte ein Tier sein, oder überhaupt halt Artikuliertes irgendwie. Ließe sich aber alles auch anders zusammenstellen, solange man noch nicht pragmatisch damit umgehen muss: Gegenstände als erste "Notbehelfe zur vorläufigen Orientirung und für bestimmte praktische Zwecke" (Mach, Analyse der Empfindungen). Manipulierbarkeiten. Eine Wurzel Stolperwiderstand. Der Lyriker: Jäger unerwarteter Intensitäten als textlich hergestellte Widerstände des Denkens (Sätze, Rhythmen, Worte, Assonanzen). Wie Gedichte machen zwischen "(a) Drangsalieren des Materials, Ausbeuten des Mediums" und "(b) Errichten von Attraktoren"?
(a1) Jagdschein: Poetisieren von allem, was vor die Flinte kommt
(a2) Ausweiden: systematisches Abklappern einzelner Flurstücke, Techniken
(a3) Treibjagd: motivische Engführung, technische Zurüstung
(a4) Blattschuss: exaktes Präparieren, >Malen nach Zahlen<

(b1) Fallenstellen: architektonisch Herbergen, syntaktisch Trichter, motivisch Milieus
(b2) Arche- und Gehegebau: Rettung der Phänomene, Haltung/Ausstellung von Gedanken
(b3) Schädelschau: Beschwörung außersprachlicher Mächte
(b4) Trance: Jagd unter Einfluss von Alkohol, Müdigkeit, Ekstase
(Cotten, Falb, Jackson, Popp, Rinck, Helm aus Phlox. Zur Theorie des schlechtesten Werkzeugs, Erörtern!)
 [Re-Entry 5.5.12] 

Dienstag, 21. August 2012

Wer sind wir, wenn wir Masken tragen? -- Ein kurzes Stück über Töne und Personen

[Re-Entry vom 08.01.12]
["Alle Barbiere, die sich nicht selbst zapfen." -- Troll Dad]




Ohne eine Lehre des Bluffs, der Show, der Verführung und der Täuschung lassen sich aber Bewußtseinsstrukturen der Moderne überhaupt nicht recht verstehen.
(P.S., Kritik der zynischen Vernunft, 730) 
Sobald man darauf aufmerksam geworden ist, dass die Benutzeroberfläche des eigenen Selbst für andere nicht man selbst sondern das ist, was als Selbst präsentiert und inszeniert wird, entwickelt man einen Hang zur Theatermetaphorik, um menschliches Zusammenleben zu beschreiben (Masken, Rollen, Stücke, Skripte, Erving Goffman). Solche Metaphern haben natürlich den Nachteil, dass sie auch bei der Beurteilung dessen, was man selbst ist, an der Unterscheidbarkeit von Spiel und Wirklichkeit festhalten (hysterische Gegendarstellungen von Schauspielerseite ändern hieran wenig). Die Frage bleibt allerdings, wie man eigentlich aus der Maske rauskommt, wenn man um die Maske gar nicht drumrum kommt.
Hugo Ball kennt hier zwar auch keinen Ausweg, ist dafür aber etymologisch informiert:
Wie ist das Wort persona abzuleiten? Daß es ursprünglich das Abbild der Götter und die Maske des antiken Theaters bedeutet, gibt keine Lösung. Ist der Maskenträger aktiv mit personare oder passiv mit personari in Beziehung zu setzen? Die Maske des griechischen Theaters hatte ein Schallrohr, durch das der Schauspieler zum Publikum sprach. Der Mime, der hohe Töne von sich gibt, könnte als Persönlichkeit gelten. So faßte noch vor kurzem C. G. Jung (in ›Psychologische Typen‹) die Persona als täuschendes Individuum auf, das sich mit seiner Maske identifiziert. Auch Erasmus, beim Beginn der (reformatorischen) Individual- und Original-Tendenzen setzt Persönlichkeit gleich Maske, erlogenes Antlitz, wenn er dann auch widersprechend die angeborene Gestalt als die echtere, der anderen, verlarvten (personatus), die nur auf der Nachahmung der Vorbilder beruhe, entgegenstellt.

Sehr im Gegensatz zu diesen beiden Auffassungen steht indessen eine dritte, die den Begriff der Maske auf das ganze Kleid, auf den Überwurf bezieht und an die magische Auffassung dieses Überwurfes bei den Alten erinnert (das Löwenfell des Herakles, das Seelenkleid des Gnostikers). Die Tier- oder Göttermaske prägt danach den Kern des Helden, der die höhere oder die physisch stärkere Person anzieht. Es handelt sich hier nicht mehr um ein Mimikry des Schauspielers und Nachahmers, sondern um die magische Identifikation mit einem kreativen übermenschlichen Wesen, das den Menschen, der vorher nur Sinn und Materie war, im Innersten prägt und erhöht. Vico vertritt diese Auffassung. Persona kommt nach ihm nicht von personare, durchtönen, sondern von personari, Festkleider anlegen.
(Hugo Ball, Der Künstler und die Zeitkrankheit, I)

Sonntag, 15. April 2012

Zurück in die vergangene Zukunft: Teeel - 88mph

Durch die Finsternis des zukünftig Vergangenen sehnt der Magier sich nach Licht.
(Twin Peaks)
Scheinbar uneinholbar Vergangenes trägt stets auch Züge einer immer noch wachen möglichen Gegenwart. Die schlummernde Zukünftigkeit des Vergangenen und die vergangene Vorwegnahme möglicher Zukünfte entsprechen sich hier wechselseitig: Manches, früher noch als Zukunft Projiziertes, scheint heute überholt, anderes steht weiterhin aus, wartet auf Verwirklichung trotz dem oder provoziert zur kontrafaktischen Spekulation (Was wäre, wenn..).  
Nur faktische eigentliche Geschichtlichkeit vermag als entschlossenes Schicksal die dagewesene Geschichte so zu erschließen, daß in der Wiederholung die »Kraft« des Möglichen in die faktische Existenz hereinschlägt, das heißt in deren Zukünftigkeit auf sie zukommt. Die Historie nimmt daher – sowenig wie die Geschichtlichkeit des unhistorischen Daseins – ihren Ausgang keineswegs in der »Gegenwart« und beim nur heute »Wirklichen«, um sich von da zu einem Vergangenen zurückzutasten, sondern auch die historische Erschließung zeitigt sich aus der Zukunft.
(Martin Heidegger, Sein und Zeit)

Samstag, 7. April 2012

"Urheber, echt!?" - Herausforderung durch multiplizierbare Ware


"Du bist nicht Original wie eine Fotokopie"
"I don´t blame someone for being a copycat. I´m a copycat aswell, we all are." 
"Du bist der Auffassung, dass dir die Musik gehört. Ich habe immer nur Musik gehört."
 Retrogott

Vorweg: Der folgende Versuch entspringt einem kritischen Impuls: Er soll vor allem dazu dienen, in der Debatte oft als Selbstverständlichketien suggerierte Behauptungen zu "ent-sichern" [wie gedankliche Wegfahrsperren], um ihnen ihre Mobilität zurückzugeben.

Wem gehören meine Gedanken?

"Meins!" -- Landnahme oder Urhebe?
Urheberrecht setzt voraus, dass es einen Urheber gibt, einen, der das Werk zuerst [wie einen Schatz] gehoben, der sein Urbild hergestellt hat: Im Werk des genialischen Künstlers, dessen auratischer  Wert am Original haftet, findet sich diese Idee des Urhebers idealtypisch verwirklicht. Hier wird nicht kopiert, sondern originär geschaffen.
Wie ist es aber mit der menschlichen Kunst? Durch die Baukunst etwa, so könnte man doch sagen, bringt sie das Haus selbst hervor, durch die Malerei aber ein anderes Haus, so etwas wie ein von Menschen erzeugtes Traumbild für Wachende.
(Platon, Sophistes) 
Allerdings hat Kant, der die genieästhetische Tradition wesentlich (als einer ihrer Urheber) mitgeprägt hat, das Genie selbst als "Naturgabe" interpretiert, sodass nicht eigentlich das Genie, sondern die Natur Urheber seiner Werke wäre; die allerdings könnte ihre Urheberschaft nur schwer selbst rechtlich verwerten (--> Patente auf pflanzliche Wirkstoffe). Wenn Künstler nun den Besitz an den Produkten ihre Köpfe einklagen -- wobei zu überlegen bleibt, ob der Kopf hier wirklich die richtige Zurechnungsadresse ist, "denn wenngleich die meisten Menschen das Denken im Kopfe zu fühlen glauben, so ist das doch bloss ein Fehler der Subreption [heute: der Erschleichen von Leistungen], nämlich das Urteil über die Ursache der Empfindung an einem gewissen Orte (des Gehirns) für die Empfindung der Ursache an diesem Orte zu nehmen" (Kant in einem Brief an Sömmering, 1795) -- scheinen sie vorauszusetzen, dass die eigenen Ideen natürlicherweise einen privaten Besitz darstellen (und nicht etwa ein "Besitz" der Menschheitsgeschichte o.ä.). 

Aber gehören "meine" Gedanken denn "mir"? Bin "ich" denn ihr Urheber? Und was würde das genau bedeuten? Dass "ich" "meine Gedanken" gewissermaßen intentional in mich hineindenke? Ich müsste dann meine Gedanken (die Idee einer Melodie, ein neues Wort, den nächsten Vers für ein innovatives politisches Gedicht) schon "haben", bevor ich sie habe, um sie mir dann selbst einfallen zu lassen. Einfälle zeichnen sich nun aber gerade dadurch aus, dass sie eher zu einem kommen, als dass man sie in sich selbst hereinbringt. Der Einfall fällt eben ein, er-eignet sich [oha, Todtnauberg]. ("Ideas come to us. We don´t really create an idea. We just catch them -- like fish. No chef ever takes credit for making the fish. It´s just preparing the fish." -- Lynch). Ist er aber damit schon mein Eigentum? Gerade so, wie ein Eroberer meint, dass ihm das Land gehöre, dass er "zuerst" betritt? ("Der war zuerst bei mir! Mein Kopf! Mein Gedanke!") Und woher weiß ich, dass ein Gedanke zuerst bei mir war? Dass es nicht die Tradition, bisherige Lektüre, Filmkenntnis, die eigene Umgebung usw. war, aus der der Einfall kam? Wie dem auch sei -- Urheberschaft ist keine natürliche Tatsache.

Als soziales Phänomen ist Urheberschaft eher eine Frage der Zurechnung. Natürlich kann man, ähnlich wie in der Diskussion um die Willensfreiheit ("Wer ist der Autor meiner Handlungen?" - Mein Gehirn? Hormone? "Ich selbst" am Ende?), Urheberrschaft dekonstruieren. Sie wird dann, ganz wie die Frage nach der Zuschreibbarkeit von Verantwortung bei Strafttaten, eine Frage der Grenzziehungen und der Definitionen, ist wie diese dann Gegenstand sozialer Aushandlung. Urheber zu sein bedeutet dann nur: das Subjekt der rechtlich legitimen Zuschreibung von Urheberschaft zu sein. Und das wird hoffentlich auch so bleiben, die Frage ist nur: Unter welchen Bedingungen?

Aneignung ohne Enteignung - Multiplizierbare Ware

("Datenhighway" - Raubdruck und frz..Rev.)
Gedanken sind natürlich noch keine Werke, müssen erst zu solchen gemacht werden -- wie bei der Produktion von anderen Gütern auch. Nachdem die Künstler nun dazu übergegangen waren, nicht mehr Geschichten ohne klaren Urheber als Sänger oder Erzähler durch die Generationen abwandelnd zu tradieren, konnte der Künstler, der jetzt Originale produzierte, seine Originale auch als Originale vermarkten. Die von ihm urgehobenen Werke besaßen dabei gewissermaßen einen natürlichen Kopierschutz, sofern sie eben nicht als Originale kopiert werden konnten. Die Möglichkeit, Werke technisch zu reproduzieren, schien dann -- so mutmaßte zumindest Walter Benjamin -- dazu zu führen, dass die Originale schrittweise ihre auratischen Qualitäten verloren. Im Zeitalter ihrer digitalen Reproduzierbarkeit scheinen Werke nun nicht mehr nur technisch reproduzierbar, sondern verlustfrei multiplizierbar zu werden. Auf sie scheint mit einemmal zuzutreffen, was Luhmann einmal über die Kommunikation bemerkte: dass bei ihr
[...] nichts weggegeben wird. Derjenige, der etwas mitteilt, verliert sein Wissen sozusagen nicht aus dem Kopf, es ist also nicht so wie ein ökonomischer Vorgang, wo man, wenn man gezahlt hat, das Geld hinterher nicht mehr hat oder das Ding, was man überträgt, nicht mehr besitzt, sondern es ist ein Vorgang, der offenbar multiplikativ wirkt. Erst hat es nur einer und dann wissen es zwei oder mehr oder hunderte oder millionen oder mehr; je nachdem, an welches Netzwerk wir hier jetzt denken.
(Luhmann, Einführung in die Systemtheorie, MC13A, Kommunikation)
Kopie ist also Aneignung ohne Enteignung. Das kopierte wird nicht entwendet, sondern "bloß" unerlaubt vervielfacht. Die Möglichkeit ihrer digitalen Reproduktion erhöhte dabei auch die Reichweite der Werke. Was früher noch an körperliche Präsenz und Aufführung gekoppelt war, ließ sich jetzt beliebig oft reproduzieren und damit auch beliebig weit verbreiten. Das hat dazu geführt, dass erfolgreiche Künstler unwahrscheinlichste Verbreitungsweiten erreichen, und, solange die technische Reproduktion ihrer Werke für Laien noch verhältnismäßig aufwendig war, erstaunliche Verkaufszahlen erzielen konnten. Einmaliger Produktion stand potentiell beliebige Vervielfältigung gegenüber -- eine äußerst unwahrscheinliche Ware.

Heute erscheint es mehr als deutlich, dass mit den verlustfrei multiplizierbaren Waren eine neue Sorte von "Gegenständen" das Licht der Welt erblickt hat. Und es wird schwierig werden, durch künstliche Restriktionen (z.B. Kopierschutz) die Eigenschaften der "alten" Gegenstandswaren (vor allem: die strenge Korrelation von Übertragung und Enteignung) auf multiplizierbare Waren zu übertragen (das gilt allerdings auch schon für öffentliche Rezitation von Gedichten oder Liedern, für Kommunikation). Dateien sind keine in der Festplattengarage parkenden Informationsautomobile. Ihre Multiplizierbarkeit kann eine Chance sein, jedenfalls wird sie sich kaum verhindern lassen, das erfordert auch ein neues Verständnis der Möglichkeiten ihres Vertriebs: 

[via autopoiet]

Mittwoch, 22. Februar 2012

Theorie wie Benzin mit höherer Oktanzahl - Luhmann in Griechenland


In antikisierendem Surrounding liefert Luhmann Antwortversuche auf den kognitiven Orientierungsbedarf moderner Gesellschaften:

(Unterlegt mit einem der Unheimlichkeit der Systemtheorie angemessenen Soundtrack)

Samstag, 12. November 2011

David Lynchs freundliches Begegnenlassen der Gegenstände


Vielleicht weniger verrückt als freundlich ist David Lynch inzwischen geworden. Da weiß fast nur noch Heidegger Rat:

Zwar paßt der geläufige Dingbegriff jederzeit auf jedes Ding. Dennoch faßt er in seinem Greifen nicht das wesende Ding, sondern er überfällt es.
Läßt sich vielleicht ein solcher Überfall vermeiden und wie? Wohl nur so, daß wir dem Ding gleichsam ein freies Feld gewähren, damit es sein Dinghaftes unmittelbar zeige. Alles, was sich an Auffassung und Aussage über das Ding zwischen das Ding und uns stellen möchte, muß zuvor beseitigt werden. Erst dann überlassen wir uns dem unverstellten Anwesen des Dinges. Aber dieses unvermittelte Begegnenlassen der Dinge brauchen wir weder erst zu fordern noch gar einzurichten. Es geschieht längst. In dem, was der Gesicht-, Gehör- und Tastsinn beibringen, in den Empfindungen des Farbigen, Tönenden, Rauhen, Harten rücken uns die Dinge, ganz wörtlich genommen, auf den Leib. 
(Ursprung des Kunstwerks)

Im Wasser des Geschenkes weilt die Quelle. In der Quelle weilt das Gestein, in ihm der dunkle Schlummer der Erde, die Regen und Tau des Himmels empfängt. Im Wasser der Quelle weilt die Hochzeit von Himmel und Erde. Sie weilt im Wein, den die Frucht des Rebstocks gibt, in der das Nährende der Erde und die Sonne des Himmels einander zugetraut sind. Im Geschenk von Wasser, im Geschenk von Wein weilen jeweils Himmel und Erde. Das Geschenk des Gusses aber ist das Krughafte des Kruges. Im Wesen des Kruges weilen Erde und Himmel. 
(Das Ding)

Donnerstag, 11. August 2011

YouTube Poop: "YOU don´t seem to UNDERSTAND"


David Lynch kann einpacken. Verstörung war gestern, heute ist Bewusstseinsdemodellage durch YouTube Poops. Eine Serial Experiments Lain Poop Collaboration.



Introduction and outroduction by TheRaz0rEdge

Layer 01: AshcrementVII (0:18 - 1:57)
Layer 02: EYTPS (1:57 - 3:28)
Layer 03: TheRaz0rEdge (3:28 - 4:59)
Layer 04: CaptainStringCheese (4:59 - 5:51)
Layer 05: ChrisGendou (5:51 - 7:16)
Layer 06: Djninjalovemistake (7:16 - 8:57)
Layer 07: Mulletboater (8:57 - 10:27)
Layer 08: Ytpbepoopsss (10:27 - 12:00)
Layer 09: MountaindewmaNN (12:00 - 13:16)

Samstag, 11. Juni 2011

Nicht orientiert - Versuche mit Lynch und Luhmann


Theorie-Theorie-Reflexionen aus: Niklas Luhmann, Die Praxis der Theorie  (Soziologische Aufklärung):

"Um praktische Vertrautheit mit Theorien, eigenen oder fremden, zu erlangen, darf man sich nicht nur an die großen, einladenden Portale halten, durch die jedermann eintreten kann. Bei weiterem Vordringen stößt man auf andersartige, auch funktionale Einrichtungen, die der Stabilisierung des Ganzen, der Verteidigung der Errungenschaften oder der Erleichterung interner Beweglichkeit und Einfallsproduktion dienen. Da gibt es Dunkelkammern, in denen man erst nach längerer Eingewöhnung etwas sieht. Nicht selten ist das der Ort, an dem der Theoretiker seine inneren Erfolge hatte und von dem aus er sich in seiner Konstruktion sicher fühlen kann. Und man ahnt, daß es Geheimgänge geben müsse, die die Insassen rascher als den Kritiker zu neuen Argumenten führen, findet Scheintüren, an denen man sich vergebens abmüht, und richtige Türen, die sofort wieder nach draußen führen."

Dienstag, 31. Mai 2011

Der elf-köpfige Soziograph auf Bildungsreise XX


"Guten Tag..oh, der Soziograph." 
"Ja" 
"Guten Tag" 
"Die Augen liegen ja heute wieder ganz gemütlich in der Schale." 
"Neee. Ich trug nur Wunden davon. Die Tage wieder weicher über dem Balkon. "Und deine Freunde?" Joa. Einer hat einmal einen Preis gewonn.
HAHA.
Zu spät schon wieder dann. War aber nicht so schlimm, weißt ja. ich hab mir alles nochmal überlegt, genau. Die AMBITIONEN. Ja. Wo zielen die eigentlich hin. Und muss das eigentlich so sein:

"Ich bin voll müde. Die Abende fühlen sich gar nicht mehr wie Freizeit an. Ist immer, du kennst das ja auch, als wäre das nur immer so weiter und dann halt: "Eigentlich hättest du ja doch noch mehr. und der Tag ist wieder RUM: morgenmüde, mittagmüde, abendmüde; dazu macht hinten der Kopf etwas, von dem ich nichts weiter sagen kann: Ich hab die Schwerkraft wirklich satt.

"Ich trinke den KAFFEE immer mittags mit einem KOLLEGEN am TRESEN; schleuder die letzten Worte den Liebsten als Wut an die Wand: 
Nimm dein Bildungsbesteck zurück. Mir schmeckts nimmer, gar nich: Ich bin doch eigentlich für was ganz anderes hier gewesen. Ich hab mir das alles doch ganz anderes vorgestellt.


"Oh, das klingt charmant! ..."


Da tritt ein müder Prophet an die drei unzufriedenen Diskutanten heran:

"Das alte Denken vertrocknet im Stamm; das neue Denken wird im Bildungsgestänge be-trieben. Flieht, solange ihr noch könnt, ihr Narren [zumindest dieser Link ist hermeneutisch unverzichtbar!], und fangt eine Lehre an!"

Donnerstag, 2. Dezember 2010

Jürgen Habermas´ "Theorie des kommunikativen Handelns" im Reality-Check:

David Lynch (Gewinner des Kaiserrings 2010 in Goslar) macht Dance-Musik:



Und YouTube-Kommentatoren versuchen sich im unverzwungenen Austausch ihrer besseren Argumente:

crossfertilization: "i am twelve years old and what is this"
...
begbat: "oh Gosh, David Lynch, i say DAVID LYNCH, making eurobeat tunes better than Crystal Castles. Well, i definitely don't understand this world anymore..."
...
Mhorg: "Wtf is this ugly raped shit?"
...
InteruptorBastardo: "hahahahah, traaaaaaaaaaaaaash"
...
atheisttotindekist: "Seriously... anyone with a week of experimentation in fruity loops can do better than this..."...
...
Snoogans775: "best ice cube I've ever heard" 
...