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Montag, 5. November 2012

Aus dem Hause Teufel: Geruch von verbranntem Pferdehaar -- Musils Porträt des Wissenschaftlers als bösartiger Mann


("Teufelspackt schlägt sich,
Teufelspackt verträgt sich..")
Wissenschaftler soll man eigentlich nicht danach fragen, aus welchen inneren Motivationslagen heraus sie ihre Wissenschaft wirklich betreiben; sie wollen viel lieber danach gefragt und dafür gerühmt werden, dass ihre Beschreibungen "richtig" sind (oder "wahr" sogar). Solche Motivationslagen gibt es aber natürlich schon: Aufdecker und Aufklärer kränken möglicherweise besonders gerne. Besser beobachten hieße in diesem Fall immer auch: an den eigenen Erkenntnisvorsprung glauben und -- sofern man seine Erkenntnisse öffentlich publiziert -- den Anderen diesen Erkenntnisvorsprung auch vorführen (--> "Publikationsnarzissmus", P.S.).
Erst nachdem der Beobachter vorgestellt ist, können wir uns mit seiner Genealogie beschäftigen. Seine Absichten und Eigenschaften lassen gewisse Verwandtschaften mit seit langem bekannten Wesen erkennen. Er stammt, wenn man so sagen darf, aus dem Hause Teufel.
(NL, Wissenschaft der Gesellschaft)
Musil beschreibt die Wissenschaftler lieber und beweist damit, dass es eine Ebene der Beobachtung geben kann, die durch überlegene Beschreibung der überlegenen Beschreibung ihr Publikum wenigstens zu erheitern versucht (--> ironische Meta-Überlegenheit).
Das In den Bart Lächeln der Wissenschaft oder Erste ausführliche Begegnung mit dem Bösen
Es müssen ein paar Worte über ein Lächeln folgen, noch dazu ein Männerlächeln, und es war ein Bart dabei, geschaffen für die männliche Tätigkeit des In den Bart Lächelns; es handelt sich um das Lächeln der Gelehrten, die der Einladung Diotimas Folge geleistet hatten und den berühmten Schöngeistern zuhörten. Obgleich sie lächelten, darf man beileibe nicht glauben, daß sie es ironisch taten. Im Gegenteil, es war der Ausdruck ihrer Ehrerbietung und Inkompetenz, wovon ja schon die Rede gewesen. Aber man darf sich auch dadurch nicht täuschen lassen. In ihrem Bewusstsein stimmte das, jedoch in ihrem Unterbewußtsein, um dieses gebräuchliche Wort zu benützen, oder richtiger gesagt, in ihrem Gesamtzustand waren es Menschen, in denen ein Hang zum Bösen rumorte wie das Feuer unter einem Kessel.
Das sieht nun natürlich wie eine paradoxe Bemerkung aus, und ein o.ö. Universitätsprofessor, in dessen Angesicht man sie aufstellen wollte, würde vermutlich entgegnen, daß er schlicht der Wahrheit und dem Fortschritt diene und sonst von nichts wisse; denn das ist seine Berufsideologie. Aber alle Berufsideologien sind edel, und die Jäger zum Beispiel sind weit davon entfernt, sich die Fleischer des Waldes zu nennen, nennen sich vielmehr den weidgerechten Freund der Tiere und der Natur, ebenso wie die Kaufleute den Grundsatz des ehrbaren Nutzens hegen [...]. Auf die Darstellung einer Tätigkeit im Bewußtsein derer, die sie ausüben, ist also nicht allzuviel zu geben. [...] Sieht man andererseits zu, welche Eigenschaften es sind, die zu Entdeckungen führen, so gewahrt man Freiheit von übernommener Rücksicht und Hemmung, Mut, ebensoviel Unternehmungs- wie Zerstörungslust, Ausschluß moralischer Überlegungen, geduldiges Feilschen um den kleinsten Vorteil, zähes Warten auf dem Weg zum Ziel, wenn es sein muß, und eine Verehrung für Maß und Zahl, die der schärfste Ausdruck des Mißtrauens gegen alles Ungewisse ist; mit anderen Worten, man erblickt nichts anderes als eben die alten Jäger-, Soldaten- und Händlerlaster, die hier bloß ins Geistige übertragen und in Tugenden umgedeutet worden sind. [...] Zum Heroismus der Bitterkeit gesteigert, daß man sich im Leben auf nichts verlassen könne, als was niet- und nagelfest sei, ist sie [die Freude daran, "der Höhe ein Bein zu stellen und sie auf die Nase fallen zu sehen] ein in die Nüchternheit der Wissenschaft eingeschlossenes Grundgefühl, und wenn man es aus Achtbarkeit nicht den Teufel nennen will, so ist doch zumindest ein leichter Geruch von verbranntem Pferdehaar daran.
(Musil, MOE, 301ff.)
[Re-Entry vom 10.01.12]

Dienstag, 23. Oktober 2012

Kritisieren heißt Filtrieren

"Aber alles Leben ist Streit um Geschmack und Schmecken!" - Nietzsche
Die Vorstellung einer geteilten Öffentlichkeit

"Das Interessante durchlassen" (DyeHard; CC BY-NC-SA)
Kritik macht nur da Sinn, wo Kritisierte auf sie zu reagieren genötigt sind. Ist Ausweichen nicht möglich, erscheint das Nichteingehen auf Kritik gleichbedeutend mit ihrer Anerkennung ("Da fällt Dir wohl nichts mehr zu ein."). Zwei Argumentationskontrahenten stehen (meistens sitzen sie) einander gegenüber, tauschen Argumente aus, die jeweils zum Respondieren nötigen, den ein oder anderen möglicherweise sogar durch zwanglosen Zwang vom Besseren überzeugen. Ein nicht-entkräftigtes Argument zählt hier, wo dem Kritisierten kein rhetorisches Diffusionsgeschick zur Verfügung steht, als Entwertung seiner Position: gewonnen hat der, dessen Argumente am Ende am wenigstens durch Kritisierbarkeit enttäuschten.

Die Logik solcher Situationen lebt von der Vorstellung einer geteilten öffentlichen Bühne, eines aufmerksamen Publikums, das über das Agonalitätsgeschehen wacht, Argumente gewichtet und zählt, um am Ende Gewinner und Verlierer zu bestimmen. Goethe und Schiller imaginierten sich als Künstler offenbar noch eine solche "geteilte Grundlage des Nachdenkens über Kultur" (Jens-Christian Rabe, Gegenwärtigkeit als Phantasma), einen Ort allgemeiner Öffentlichkeit: 
„Nach dem tollen Wagestück mit den Xenien müssen wir uns bloß großer und würdiger Kunstwerke befleißigen und unsere proteische Natur, zur Beschämung aller Gegner, in die Gestalten des Edlen und Guten umwandeln“
(Goethe an Schiller, 1796)
„Wenn mir die Götter günstig sind, das auszuführen; was ich im Kopf habe, so soll es ein mächtiges Ding werden, und die Bühnen von Deutschland erschüttern“
(Schiller, 1803) 
Aufmerksamkeitsökonomie

Die Unwahrscheinlichkeit solch allgemeiner Beschäm- oder Erschüttrungen ist heute offensichtlich: es gibt keinen so deutlich geteilten Raum öffentlicher Aufmerksamkeit mehr, der Sieg oder Niederlage eines Einzelnen noch für alle sicht- und markierbar machen könnte (vielleicht lässt sich mit diesem Umstand auch das erstaunliche Interesse an der öffentlichen Aufdeckung von Verfehlungen von Politikern erklären, sofern hier noch ein Sphäre notwendig geteilter Öffentlichkeit suggeriert werden kann). 
Das Überangebot an content macht vor allem die Aufmerksamkeit zu einem knappen Gut und zerstreut sie zugleich in verschiedene, sich teils überlappende, teils einander ausschließende Aufmerksamkeitskulturen (nach geteilten Grundüberzeugungen sortierte "Schulen" der Theorie etwa, musikalische Genres, politische Orientierungen, etc.). Stets muss man -- sofern man sich das Wählen und Filtrieren nicht durch prominente Adressen und Content-Aggregatoren abnehmen lässt -- auswählen, mit was man sich beschäftigen will, und weiß dabei zugleich nicht, was genau man dabei eigentlich ausgeschlossen hat, ob es nicht auch sehr viel Interessanteres gegeben hätte, von dem man nur noch nichts weiß. 
  
Funktionen von Kritik: Richtigstellung vs. Lenkung von Aufmerksamkeit

Welche funktionale Rolle sollte Kritik in einem solchen postagonalen (weil ohnehin überfüllten) Aufmerksamkeitsregime eigentlich noch erfüllen? Natürlich, Benutzer wollen sich nach für unermunternde Zeitvergeudung verschenkten Minuten gelegentlich Luft machen und nutzen dazu etwas, was sie selbst wohl als Kritik beschreiben würden. Aber das sind dann meist persönliche Annotationen, denen im Normalfall noch weniger Aufmerksamkeit zuteil wird als dem annotierten Pimärcontent, und die -- wo sie nicht auf Verständigung hoffen -- unbeantwortet für sich stehen bleiben. Auf Richtigstellung abzielende Kritik kann nur da erfolgreich operieren, wo Bereitschaft zur Verständigung und eine geteilte Gesprächsgrundlage vorausgesetzt werden können. Man sollte zudem bedenken, dass das Kritisieren von Inhalten meist einfacher ist als deren Produktion. Gestalterische Vorschläge sind leicht auf Schwachstellen hin abklopfbar, unbegründete Prämissen finden sich in jeder Argumentation (weil die sonst zum Argumentieren gar nicht mehr käme) -- das kann man jeweils effektvoll nachweisen. Aber für wen sollte man das tun, wenn die Wahrscheinlichkeit, das oft virtuelle Gegenüber mit Kritik zu erreichen (d.h. zu Reaktion und Einlenkung zu nötigen) denkbar gering ist? Und wieso sollte man denn seine Aufmerksamkeit gerade für Kritik aufwenden, wenn man sich ja ebensogut auch mit Angenehmerem beschäftigen kann?

Filtrierende Kritik

Die Funktion von Kritik scheint heute -- wo man nicht selbst versucht, Inhalte zu liefern -- vor allem darin zu bestehen, das Interessante und Anknüpfenswerte vom Uninteressanten und wenig Erfolgsversprechenden zu unterscheiden ("krinein"). Das Überangebot an Inhalt und die Knappheit von Aufmerksamkeit (und Zeit) geben der Funktion des Unterscheidens und Filtrierens eine bisher vielleicht kaum angemessen abgemessene Relevanz. Es kann heute schon ausreichen, sich ohne alle eigenständige Produktion als Kollektor und Aggregator von Interessantem zu etablieren, um eine wichtige kritische Rolle innerhalb eines Überflusses der Inhalte zu erfüllen. Das Auswählen wird dabei selbst zu einem kreativen und produktiven Vorgang, der seinerseits, wo er mit Sorgfalt betrieben wird, mit hohem Aufwand verbunden ist. Kritik als begründete (oder Begründetheit zumindest suggerierende) Negation und Polemik scheint dagegen weitestgehend ihre kritische Relevanz verloren zu haben, sie erfüllt innerhalb eines Überangebots von "Primärquellen" nicht mehr den Zweck, den sie vielleicht teils selbst noch zu verfolgen glaubt. Filtrierende Kritik zu betreiben kann ihr gegenüber heute heißen: Für Interessantes Werbung zu machen. Das Weiterempfehlen vom Lesens- und Sehenswertem erfüllt die funktionale Rolle dessen, was sonst Kritik heißt, während das gewöhnlich als "kritikwürdig" eingestufte schlicht nicht weiterempfohlen wird. Wieso sollte man es denn noch kritisieren, wenn das immer auch heißt: ihm in einem Überangebot interessanterer Alternativen über Gebühr Aufmerksamkeit zuteil werden zu lassen? 
Insofern stellen Twitter und ähnliche Social Media Anwendungen, wo sie sich nicht um Skandalisierbares herum verklumpen, ihren eigenen Möglichkeiten nach hochkritische Medien dar. Sie ermöglichen eine Form filtrierendert Kritik, die Interessantes verbreitet und Uninteressantes einfach unerwähnt lässt. Was dabei jeweils als interessant erscheint, entscheiden die Kritiker als Filtratoren von ihnen ihrerseits offerierten und vorfiltrierten Faszinationsangeboten. Das mag dem Kritiker vielleicht nicht schmecken; was aber nicht jeden unbedingt interessieren muss. 

[Re-Entry vom 14.04.12]

Freitag, 31. August 2012

Das schlechte Gewissen der Kontingenz: "Ach, wie gut, dass niemand weiß, dass ich´s auch nicht besser weiß."


Kunst und Theorie nach der Abklärung II
(Quelle: Gedankenstrich)
Namen berühmter Autoren, Debatten und Diskurse sind immer auch Versuche, der allgemeinen Unübersichtlichkeit durch Elementarisierung - d.h. Reduktion auf das, was einem jeweils als das Wesentliche erscheint - eine bewältigbare Form zu geben. Um mit der Kompliziertheit des Ganzen überhaupt irgendwie zu Rande zu kommen, benötigen wir auf Verwendbarkeit und Zugänglichkeit hin optimierte Oberflächenstrukturen, Karten und Hinweisschilder, Geographen und Ortskundige, die uns zeilstrebig an der Nase durch die Reihen der babylonischen Bibliotheken herumführen.
Wer sich zum Beispiel für klassische Musik interessieren will, der muss damit irgendwo anfangen - bei "Beethoven" vielleicht, oder "Bach" oder "Chopin" - er kann ja nicht alles auf einmal wahrnehmen und muss sich deshalb irgendwie aus irgendeinem Grund für einen besonderen Einstieg entscheiden. Kanonisierung und "Geschmack" werden notwendig, sobald die Anzahl realisierbarer Möglichkeiten und die Zeit, um dann auch noch die beste aller möglichen Optionen aus dieser Menge auszuwählen, die Kapazitäten lebensweltlicher Prozessierbarkeit übersteigen. Von da an geht´s vor allem um "Tempovorteile" (Luhmann) und bessere Unübersichtlichkeitsbewältigungsstrategien, aber auch um die erfolgreiche Suggestion von "Überblick" und Bescheidwissen (auch da, wo solches Bescheidwissen gar nicht mehr möglich ist).
Aber selbst die Kanonisierer müssen sich ja ihrerseits auf ihnen vorausliegende, schon gewichtete Selektionen verlassen. Auch sie können ja nicht alles auf einmal, und auch nicht alles nacheinander begutachten, sondern müssen stattdessen eine Auswahl treffen; und so bleibt - selbst wenn man davon ausgeht, dass sie innerhalb des ihnen zugänglichen Bereichs erfolgreich (und nach welchen Kriterien?) zwischen Relevantem und Irrelevantem unterscheiden - auch in ihren Sortierungen das zuerst Ausgeschlossene stets ausgeschlossen
"Eine der wichtigsten Bedingungen der Feldherrenkunst ist es, sich über die Stärke des Gegners Klarheit zu verschaffen. "Ich habe mir also" erzählte der General "einen Eintrittschein in unsere weltberühmte Hofbibliothek besorgen lassen und bin unter Führung eines Bibliothekars, der sich mir liebenswürdig zur Verfügung stellte, als ich ihm sagte, wer ich bin, in die feindlichen Linien eingedrungen. Wir sind den kolossalen Bücherschatz abgeschritten, und ich kann sagen, es hat mich weiter nicht erschüttert, diese Bücherreihen sind nicht schlimmer als eine Garnisonsparade. Nur habe ich nach einer Weile anfangen müssen, im Kopf zu rechnen, und das hatte ein unerwartetes Ergebnis. Siehst du, ich hatte mir vorher gedacht, wenn ich jeden Tag da ein Buch lese, so müßte das zwar sehr anstrengend sein, aber irgendwann müßte ich damit zu Ende kommen und dürfte dann eine gewisse Position im Geistesleben beanspruchen, selbst wenn ich ein oder das andere auslasse. Aber was glaubst du, antwortet mir der Bibliothekar, wie unser Spaziergang kein Ende nimmt und ich ihn frage, wieviel Bände denn eigentlich diese verrückte Bibliothek enthält? Dreieinhalb Millionen Bände, antwortete er!! [...] Zehntausend Jahre würde ich auf diese Weise gebraucht haben, um mich mit meinem Vorsatz durchzusetzen!
In diesem Augenblick sind mir die Beine auf der Stelle stecken geblieben, und die Welt ist mir wie ein einziger Schwindel vorgekommen. Ich versichere dir noch jetzt, wo ich mich beruhigt habe: da stimmt etwas ganz grundlegend nicht!"
(Musil, Mann ohne Eigenschaften) 
Weil man aber ohnehin dazu gezwungen ist, irgendetwas auszuschließen, weil auch das bequemste Forscherleben nicht genug Zeit umfasst, um alles Relevante mit gutem Gewissen vom Nicht-Relevanten abzusondern, gerät man im Blick auf die eigene Arbeit in eine Selbstrechtfertigungs-Schieflage. Wer nicht mehr beurteilen kann, ob das, was er aus dem Bereich seines Interesses ausgeschlossen hat, auch wirklich sein Interesse nicht verdient, wird zur Begründung seiner Ausschließungen ungern auf einen Mangel an Zeit verweisen (weil das ja bedeuten würden, dass er tatsächlich gar nicht weiß, ob er hier wirklich gut und angemessen ausgeschlossen hat). Vielleicht wird er sich sogar einreden wollen, dass das, um was er sich nicht kümmert, auch tatsächlich sein Interesse nicht verdient; oder aber er verlässt sich stattdessen auf seine Hoffnung, dass die geteilte Verlegenheit - die sich um einen spezialisierten, anderes ausschließenden Beschäftigungsbereich herum angesiedelt hat - niemanden dieses (doch nicht ganz uninteressante) Betriebsgeheimnis der eigenen Produktivität allzu laut ausplaudern lässt.
"Die heutigen Inhalte von Bibliotheken und Datenbanken sind für keinen Menschen auch nur annähernd erfassbar und selbst über die Bildung von Expertengruppen kaum noch abzudecken. Nichtwissen betrifft damit nicht nur das, was noch nicht erforscht wurde, sondern auch das, was schon erforscht ist, aber aus dem Kanon des ständig Genutzten herausgefallen ist. Die Problematik besteht nun darin, dass die Auswahl der Inhalte des Kanons ob der Menge der zur Verfügung stehenden Daten immer mehr zum Zufallsprodukt zu werden scheint. Nur noch in manchen kleinen Ausschnitten ist wissenschaftliche Arbeit noch inhaltlich übersichtlich und strukturiert zugänglich. Was darüber hinausgeht, die "post-normale Wissenschaft" [...], vereinfacht, entscheidet instinktiv und macht sich beispielsweise von dem abhängig, was die Suchmaschine im Internet gerade an dem Tag auswirft, an dem die Suche stattfindet. Die Effekte, die zur Zusammenstellung des Wissens führen, sind dann nicht mehr rekonstruierbar. Das Wissen verliert seine historische Logik. Seine Kanonisierung wird arbiträr und vermutlich von jeder Interessengruppe auf ihre Weise anders betrieben, ohne dass eine Orientierungslinie verfügbar wäre, die man als Leitfaden für einen Ausgleich zwischen diesen Inseln des Wissens verwenden könnte."
(Albrecht Fritzsche, Schatten des Unbestimmten)
Lebensweltlich mag es vielleicht notwendig sein, so zu verfahren: den eigenen Horizont nach vielen Seiten hin abzudichten, um überhaupt weiter produktiv an bewältigbaren Aufgaben zu arbeiten. Problematisch wird diese Notwendigkeit aber, sobald sie nicht mehr thematisiert wird und sich ihre Protagonisten so gerieren, als hätten sie einen Weg gefunden, der notwendigen Blickbeschränkung zu entgehen.
"Und dies ist ein allgemeines Gesetz; jedes Lebendige kann nur innerhalb eines Horizontes gesund, stark und fruchtbar werden; ist es unvermögend, einen Horizont um sich zu ziehn, und zu selbstisch wiederum, innerhalb eines fremden den eigenen Blick einzuschließen, so siecht es matt oder überhastig zu zeitigem Untergange dahin."
(Nietzsche, Vom Nutzen und Nachteil der Historie für das Leben)
[Re-Entry 240611 080312]

Dienstag, 10. April 2012

Goethe: Begründer des Paläo-Post-Hipsterism


JWVGS - "Brille"
Sonst vor allem als drolliges Urgestein, unheimlich-gravitätisches Hypozentrum der mitteleuropäischen Hochkultur gefürchtet und berühmt, hat schon der junge Goethe - von Fachvertretern bisher unbemerkt - die Grundsteine für ein mutiges neues Leben nach der Ironie gelegt. Der schalen Dialektik von Highbrow und Lowbrow konspirativ-kichernder Hipsterei stellt er die gelassene, nicht mehr verlachend sich distinguierend Teilnahme an den Gemütsbewegungen der unteren Schichten entgegen, das freie, nicht-herablassende Sich-Einlassen auch auf das Dumpfe, blind-glücklich-benommen Fröhliche eines "Daseyns", das "von einem Tag zum anderen sich durchhilft, die Blätter abfallen sieht, und nichts denkt, als daß der Winter kommt". Keine "White Negros" mehr, keine ironischen Vereinnahmungen der Unterschicht durch Trucker Cap und Schnauzbart. Stattdessen nun endlich wieder Dabeisein, Nicht-Distanz, Nicht-Reflexion.

Goethes Porträt des Hipsters als übermüthiger Mann ist zwar denkbar kurz ausgefallen, trotzdem beweist die Art und Weise, auf die er seine Hipster-Kritik in einer allgemeinen Kritik des Snobismus verbirgt, die Intensität, mit der schon den jungen Goethe das Thema umgetrieben haben muss:
"Die geringen Leute des Ortes kennen mich schon und lieben mich, besonders die Kinder. Wie ich im Anfang mich zu ihnen gesellte, sie freundschaftlich fragte über dieß und das, glaubten einige, ich wollte ihrer spotten und fertigten mich wohl gar grob ab. Ich ließ mich das nicht verdrießen; nur fühlte ich, was ich schon oft bemerkt habe, auf das lebhafteste: Leute von einigem Stande werden sich immer in kalter Entfernung vom gemeinen Volke halten, als glaubten sie durch Annäherung zu verlieren; und dann gibt´s Flüchtlinge und üble Spaßvögel, die sich herab zu lassen scheinen, um ihren Übermuth dem armen Volke desto empfindlicher zu machen. 

Ich weiß wohl daß wir nicht gleich sind, noch seyn können; aber ich halte dafür, daß der, der nöthig zu haben glaubt, vom sogenannten Pöbel sich zu entfernen, um den Respect zu erhalten, eben so tadelhaft ist, als ein Feiger, der sich seinem Feinde verbirgt weil er zu unterliegen fürchtet." 
(Goethes Werther)
[Re-entry vom 19.05.11]

Dienstag, 12. Juli 2011

Der Mensch ist... -- Eine Essaysammlung nach Hans Blumenberg


Der Mensch ist ein Tier, das schwindelt. 
(E.A. Poe)

Der Mensch ist ein Neider.
 
(Helmut Schoeck)

Der Mensch ist der größte und gemeinste physikalische Apparat.
 
(Goethe)

Der Mensch ist das indirekte Wesen.
 
(Simmel)

Der Mensch ist sozusagen eine Art Prothesengott. 
(Freud)

Der Mensch ist ein Wesen, das sich an alles gewöhnt.
 
(Dostojewski)

Der Mensch ist ein Agglomerat von Systemen.
 
(Luhmann)

Der Mensch ist ein Wesen der Zucht. 
(Gehlen)

Der Mensch zeigt sich als Seiendes, das redet. 
(Heidegger)

Der Mensch ist -- von der Natur auf den Weg über die Logik zur Kultur gezwungen -- das ordentliche Lebewesen.
 
(Marquard)

Der Mensch ist das Wesen, das vor sich selber Angst hat. 
(Blumberg nach Engels, jung)

Der Mensch ist das Wesen mit Berührungsfurcht. 
(Canetti)

Der Mensch ist ein Wilder, nachdem er aufgehört hat, Affe zu sein.
 
(Marx)

Der Mensch ist sechs Fuß einer bestimmten Reihenfolge von Kohlenstoff-, Wasserstoff- und Phosphoratomen. 
(Joshua Ledersberg)

Die Menschen sind eine am Größenwahn erkrankte Affenspezies. 
(Hans Vaihinger)

Der Mensch ist das Wesen, das übertreiben kann. 
(Blumenberg nach Spengler)

Der Mensch ist das Geschöpf, das sich langweilt. 
(Sombart)

Das Tier, das sich selbst vervollkommnen darf. 
(Kant)

Das Tier, das versprechen darf. 
(Nietzsche)

Das Tier, das zum Umzug in abstrakte Gehäuse verdammt ist. 
(Sloterdijk)

Der Neinsagen-Könner. 
(Scheler)

Ich glaube, der Mensch ist am Ende ein so freies Wesen, daß ihm das Recht zu sein, was er glaubt zu sein, nicht streitig gemacht werden kann. 
(Lichtenberg)

Der Mensch ist das einzige Tier, das errötet oder erröten sollte. 
(Twain)

Der Mensch ist ein Wesen, das klopft, schlechte Musik macht und seinen Hund bellen lässt. 
(Tucholsky)

Der Mensch ist das einzige Wesen, das im Fliegen eine warme Mahlzeit zu sich nehmen kann. 
(Loriot)

Der Mensch ist invariant gerade als das sich [...] stets überschreitende Wesen."
(Bloch)